Predigten an Weihnachten

(Dr. Jörg Sieger)

      

Weihnachten - Am Tag (Joh 1,1-5. 9-14)

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst. Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind. Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. (Joh 1,1-5. 9-14)

Liebe Schwestern und Brüder,

ich gebe zu, in der Vergangenheit fand ich diesen Text immer recht unpassend. Wir feiern Weihnachten, denken an die Weihnachtsgeschichte, an Hirten und die Krippe mit Maria und Josef und dem Kind. Und als Evangelium gibt es heute diesen hochphilosophischen Hymnus über das Wort, das Fleisch geworden ist.

Ich fand das immer recht unpassend. Dieses Jahr bin ich daran hängen geblieben.

"Im Anfang war das Wort!"

Für mich ist das tatsächlich die Weihnachtsbotschaft für das Jahr 2019 geworden.

Mir fiel nämlich wieder ein, welche Bedeutung ein Wort wirklich hat. Als der Verfasser des Evangeliums diesen Hymnus niederschrieb, hatte ein Wort noch eine gewaltige Bedeutung. Allem voran im biblischen Israel.

Wenn Sie damals gefragt haben, was den Menschen denn letztlich zum Menschen macht, hätte niemand als Antwort gegeben: die Vernunft. Für die Bibel ist es nicht die Vernunft, die den Menschen ausmacht.

Das sehen Sie schon daran, wenn Sie sich das hebräische Wort für Tier anschauen. 'Tier' das heißt auf Hebräisch: 'behema'. Und "behema" heißt wörtlich übersetzt 'das Stumme'. Was den Menschen zum Menschen macht: Für die Bibel ist das die Sprache!

Natürlich wussten auch die Hebräer, dass Tiere miteinander kommunizieren. Nach hebräischem Empfinden gibt es da aber offenbar einen graduellen Unterschied.

Es ist die Fähigkeit zu fragen, zu antworten, die Fähigkeit, ein Wort zu sprechen - das macht den Menschen in der Sprache der Bibel zum Menschen. Sprechen macht den Menschen schließlich sogar Gott-ähnlich. Gottes Macht wird nämlich am ehesten in seinem Wort deutlich. Allein durch sein Wort hat Gott ja die Welt geschaffen. Er hat gesagt: "Es werde Licht!" Und es ward Licht. Geschaffen hat Gott durch das Wort.

Eine solche "Wirk-Macht" haben die Menschen in unseren Breiten Worten nie beigemessen. Aber wichtig war ein Wort auch bei uns. Jemandem sein Wort zu geben, das war mehr als ein moderner Vertrag. Denn bei einem solchen Wort gab es kein Kleingedrucktes. Da galt das, was zwischen zwei Menschen wirklich abgesprochen wurde, und nicht das, was man einfach ins Kleingedruckte reinmogelte, und was ich dann mitunterschrieben hatte, selbst wenn ich es überhaupt nicht wollte. Auf ein Wort konnte man bauen. Ein Wort zu brechen bedeutete nämlich, seine Ehre zu verlieren. Nicht umsonst ist die Steigerung eines Wortes das "Ehrenwort".

Natürlich gab es auch früher Ehrenworte, die absolut nichts wert waren. Und sie alle kennen aus der Geschichte unsrer Politik Szenen, in denen Menschen davon sprachen, dass sie uns ihr "Ehrenwort" geben - ein Wort, das sich schon kurz darauf als wertlos, als Lug und Trug herausgestellt hatte. Was früher aber anders war als ich das heute erlebe: Wenn in der Vergangenheit ein solches Ehrenwort gebrochen wurde, wenn jemand sein Wort gebrochen hat und augenscheinlich als Lügner dastand, dann war er gesellschaftlich erledigt. Zumindest gab es darüber eine große Aufregung.

Regt sich heute noch jemand über so etwas auf?

Da wird in Großbritannien die Bevölkerung von einer ganzen Reihe von Politikern nach allen Regeln der Kunst belogen, da wird nachweislich die Unwahrheit gesagt, und Menschen scheint das völlig egal zu sein.

Da gibt es einen amerikanischen Präsidenten, bei dem schon Listen geführt werden, wie oft er in seiner Amtszeit bereits gelogen hat, wie oft er jede Woche aufs Neue die Unwahrheit sagt, und dem Rückhalt in der Bevölkerung tut das offenbar keinen Abbruch.

Da verkaufen Konzerne ihren Kunden wissentlich Autos, die ihre Versprechungen nicht halten, und bauen auch noch eine Betrugssoftware ein - und die Umsatzzahlen steigen weiter.

Natürlich hat es auch früher Lug und Trug gegeben. Die Welt ist früher kein bisschen besser gewesen. Neu ist aber, dass zu lügen heute weithin gar nicht mehr zu interessieren scheint. Du kannst heute offenbar lügen, wie du willst, und immer weniger Menschen regen sich darüber auf. Ganz im Gegenteil, da werden Ansichten, die nachweislich falsch sind, munter nachgeplappert - auch wenn sie andere verletzten, auch wenn sie Menschen herabwürdigen, fremdenfeindlich, ja sogar rassistisch sind. Und dann wird einfach der Halbsatz angefügt: 'Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!'

Nein, darf man nicht!

Man kann es nicht einmal denken, zumindest dann nicht, wenn man wirklich dem folgt, der an Weihnachten Mensch geworden ist.

Ein Wort ist nämlich nicht etwas, was man leichtfertig daher sagt. Ein Wort spreche ich nie nur für mich allein. Ein Wort richtet sich immer an einen anderen Menschen. Mit einem Wort spreche ich einen anderen an. Und damit verbunden ist eben auch ein Anspruch.

Und mit einem Wort kann mir der andere auch antworten. Und ich kann wieder Antwort geben. Mein Wort ist nicht selten eine Antwort. Und damit verbunden ist auch eine Verantwortung, wie unser deutsches Wort so treffend formuliert. Mit jedem Wort, das ich spreche, übernehme ich eine solche Verantwortung - letztlich vor dem, bei dem das Wort im Anfang war, von dem aus es in die Welt gekommen ist, Fleisch, Mensch geworden ist.

Denn das Wort ist Mensch geworden, damit wir Menschen endlich menschlich werden.

Für mich ist das die Weihnachtsbotschaft des Jahres 2019. Für mich ist das Anlass, das Wort dieses Jahr ganz bewusst in den Mittelpunkt zu stellen.

Die Zeiten für wirkliche Worte sind rau geworden. Umso wichtiger ist mir diese Weihnachtsbotschaft. Denn sie ist mächtig, im besten Sinne der alten biblischen Tradition sogar wirk-mächtig.

Wäre es kein Evangelientext, sondern vielleicht Teil eines Beipackzettels oder etwa einer Speisekarte, er würde dann einen deutlichen Warnhinweis tragen. Er würde dann den Hinweis tragen müssen: Achtung, diese Botschaft kann Spuren von Hoffnung enthalten.

Spuren von Hoffnung! Daran will ich mich festmachen.

Amen.

(gehalten am 25. Dezember 2019 in den Kirchen St. Marien, Ettenheimweiler,
und St. Bartholomäus, Ettenheim)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Str. 54, D-76131 Karlsruhe,
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