Predigten an Weihnachten

(Dr. Jörg Sieger)

      

In der Heiligen Nacht (Lk 2,1-14)

In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen. Dies geschah zum erstenmal; damals war Quirinius Statthalter von Syrien. Da ging jeder in seine Stadt, um sich eintragen zu lassen. So zog auch Josef von der Stadt Nazaret in Galiläa hinauf nach Judäa in die Stadt Davids, die Betlehem heißt; denn er war aus dem Haus und Geschlecht Davids. Er wollt sich eintragen lassen mit Maria, seiner Verlobten, die ein Kind erwartete. Als sie dort waren, kam für Maria die Zeit ihrer Niederkunft, und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sei war. In jener Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde. Da trat der Engel des Herrn zu ihnen, und der Glanz des Herrn umstrahlte sie. Sie fürchteten sich sehr, der Engel aber sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias der Herr. Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt. Und plötzlich war bei dem Engel ein großes himmlisches Herr, das Gott lobte und sprach: Verherrlicht ist Gott in der Höhe, und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade. (Lk 2,1-14)

Alle Jahre wieder Gehetze und Gestöhne: Tannenbäume stellen, Geschenke einpacken, Karten schreiben, den Kühlschrank für die Feiertage füllen, gar nicht oder nur knapp mit allem fertig werden und dann völlig geschafft und erledigt sein.

Alle Jahre wieder der gleiche Stress. - Und alle Jahre wieder tun wir es gerne. Jedes Jahr aufs Neue, und offenbar nicht nur, weil es halt irgendwie dazugehört. Es würde etwas fehlen, etwas, was uns offenbar gut tut.

Liebe Schwestern und Brüder,

denn dieses Weihnachten tut gut. Und vermutlich genau deshalb, genau deshalb weil es jedes Jahr das Gleiche ist.

Da rollt ein Fest auf uns zu, das alles durcheinander bringt: Menschen sprechen plötzlich wieder von Menschlichkeit und Frieden, entdecken ihre Spendenbereitschaft, erinnern sich an Angehörige, an die man schon lange nicht mehr gedacht hat, und lassen die Mahnungen oder gar Kündigungsschreiben einfach auf dem Schreibtisch liegen, verschicken sie jetzt nicht. Verschicken sie dann - leider halt doch - aber zumindest erst nach den Feiertagen. Alle Jahre wieder berührt ein Fest unser Gemüt - und jedes Jahr auf genau die gleiche Art und Weise. Und es tut uns wohl genau deshalb im Letzten auch so gut.

Alles verändert sich schließlich, und zwar immer schneller. Die Räder dieser Welt drehen sich immer rasanter und wir drehen uns mit ihnen oder kommen - wenn wir der Geschwindigkeit nicht mehr standhalten - genau unter diese Räder, und zwar leider nicht nur unter sprichwörtliche, sondern häufig sehr reale. Das macht nicht nur unsicher, das macht Angst. Zumal es sich dabei ja nicht nur um Äußerlichkeiten handelt. Es ist nicht nur die Gesellschaft, die Politik oder die globale Wirtschaft, die sich so rasant verändern - es ist mein Beruf, mein Alltag. Und letztlich ist es bis in die Familien hinein zu spüren.

Wo sind die Nachmittage, die einmal schulfrei waren und Jugendlichen das Leben in Vereinen ermöglichten? Wie viel von den Experimenten einer nicht selten völlig ratlosen Politik schlägt unbarmherzig direkt auf unseren Alltag durch? Und die Familien, die den nötigen Halt geben könnten und sollten, zerbröseln durch immer unregelmäßigere gemeinsame freie Zeiten und die Forderungen nach immer mehr Flexibilisierung bis zur Unkenntlichkeit und letztlich Haltlosigkeit.

Wie wichtig werden da die wenigen Konstanten, die uns Halt im Leben garantieren. Eine davon ist dieses Fest, ist der Weihnachtstag, der Heilige Abend, die Bescherung und der Gottesdienst.

Und jetzt verändern auch die sich noch! Auch hier wird den Menschen immer wieder neu Umdenken und Neuorientierung abverlangt. Wie viele, die noch von der Christmette im barocken Kleinod träumen, sitzen nun hier im eher nüchternen Bau der 60er Jahre. Wie viele, die noch in den vergangenen Jahren die eigene Christmette gleich um die Ecke gewohnt waren, müssen sich jetzt auf eine gemeinsame Feier - und das eben in der Nachbarschaft - einlassen. Wie viele, die noch in den vergangenen Jahren mit den Kindern zusammen feierten, müssen sich jetzt daran gewöhnen, dass die mit dem eigenen Partner - vielleicht schon eigenen Kindern - das Fest irgendwo anders, ohne mich feiern. Und wie viele, die noch in der Vergangenheit ihren Partner an ihrer Seite wussten, feiern jetzt ohne ihn, ohne sie, alleine.

Selbst das Fest und seine Feier sind dem Wandel und der Veränderung unterworfen. Selbst hier droht uns der Halt verloren zu gehen.

Da ist an diesem Abend der Blick auf eines ganz besonders wichtig: Auf ein - nein, nicht auf ein Detail, auf etwas sehr Wesentliches, auf das, was eigentlich heute in der Mitte steht, das, um das sich der heutige Abend letztlich wirklich dreht - das Kind nämlich, dieses Kind in der Krippe, das uns heute hier zusammenführt und das bei allen Veränderungen dieser Zeit am Ende bleibt.

Ganz egal, wo wir feiern, ganz egal, wie wir feiern, und auch egal, mit wem wir feiern, wir feiern immer ihn, diesen Jesus von Nazareth, dessen Geburt heute im Mittelpunkt steht.
Wir feiern diesen Jesus Christus, der in die Welt hineingekommen ist und plötzlich alle Hektik zum Stillstand bringt, alles in einem anderen Licht erscheinen lässt, der es auch heute noch fertig bringt, dass manches Rad, das sich ansonsten unaufhörlich dreht, einfach zum Stehen kommt, dass mancher Aktionismus einem Augenblick der Besinnung weicht, manche tödliche Maschinerie - und wenn auch nur für einen Augenblick - zum Halten gebracht wird und damit die Hoffnung nährt, dass sie einmal ganz zum Stillstand gebracht werden könnte.

Diesen Jesus Christus, der es auch heute noch schafft, die Welt nicht einfach zu verändern, sondern in seinem Sinne zu verändern, der ist und bleibt derselbe.

Als ob er uns heute ganz besonders zurufen wollte, dass wir bei ihm Halt finden; den Halt, den wir in unserem Alltag so oft vermissen, den wir in unserem Leben so dringend brauchen und den wir so häufig ganz einfach nicht finden.

Diesen Halt will und kann er uns geben. Wo Menschen sich alleine fühlen, dort ist dieser Christus da. Wo Menschen Angst haben, einen Weg zu beschreiten, dort geht dieser Christus mit. Wo Menschen die Veränderung fürchten, dort schenkt er uns die Zuversicht. Denn wenn auch alles sich verändert, wenn nichts mehr so bleibt, wie es einmal war: Christus ist derselbe, gestern, heute und in Ewigkeit.

Amen.

(gehalten am 24. Dezember 2013 in der Pauluskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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