Predigten an Weihnachten

(Dr. Jörg Sieger)

      

Weihnachten - Am Tag

   

An der Frage ist er gescheitert: an der Frage, was Erlösung bedeutet, oder besser gesagt, wie man sie musikalisch ausdrücken kann.

Er hat es zu wahrer Meisterschaft gebracht, den Schmerz, das Leid, Tragödie und Tod in ergreifendste Melodien zu fassen und nahezu all seine Charaktere sind solche tragischen Persönlichkeiten, die letztlich im Leben scheitern und auf mitleiderregende Weise ihr Leben aushauchen. Die einzige komische Oper, die er komponiert hat, endet in der Hölle. Und sein einziger Versuch, am Ende eines Werkes Erlösung zu vertonen, wird von den Musikwissenschaftlern als misslungen bezeichnet. Als er dann noch einmal daran ging, dafür die rechten Töne zu finden, schob er die Vollendung seiner Komposition derart weit heraus, dass sein eigener Tod das Werk unvollendet ließ.

Ich spreche von Giacomo Puccini, jenem weltberühmten Komponisten, dessen 150. Geburtstag vor drei Tagen, am 22. Dezember, gefeiert wurde.

Liebe Schwestern und Brüder,

hätten Sie ihm zu helfen vermocht? Hätten Sie ihm Töne, Bilder, ja so etwas wie eine Beschreibung von Erlösung liefern können?

Nein, keine Angst, ich rede ja jetzt nicht davon, dass Sie in der Lage sein sollten, so etwas zu komponieren. Ich rede von der Vorstellung, von Bildern, von Gefühlen. Könnten Sie beschreiben, was Erlösung bedeutet?

Was würden Sie sagen, wenn uns ein Kind danach fragt? "Du, was ist das denn eigentlich, Erlösung?"

Das Wort selbst verwenden wir ja komischerweise fast nur noch, wenn es um das Sterben geht. Wenn jemand, nach schwerer Krankheit, nach langem Leiden endlich gehen darf, dann sind wir uns einig, dann sprechen wir davon, dass dies wirklich eine Erlösung gewesen sei.

Aber ist das tatsächlich schon alles? Ist Erlösung einfach gleichbedeutend mit Sterben? Und wären Kinder damit zufrieden, wenn wir ihnen sagen würden, dass Erlösung halt der Tod ist? Und sind wir damit zufrieden?

Und sagen Sie jetzt nicht, es ginge ja gar nicht um den Tod, es ginge um das Leben danach. Soll Erlösung denn tatsächlich nur etwas mit dem Jenseits zu tun haben? Hat uns Christus nicht bereits jetzt erlöst?

Ich kann sehr gut nachvollziehen, welche Schwierigkeiten es Puccini bereitet hat, dieses Phänomen der Erlösung nicht nur zu fassen, sondern auch ausdrücken zu können. Ich kann es sehr gut nachfühlen, weil ich mich nicht minder schwer damit tue.

Umso wichtiger ist mir dieses Geburtsfest - und jetzt nicht das des Komponisten, sondern dieses Geburtsfest, das wir heute, drei Tage danach, feiern: die Geburt des Erlösers nämlich, das Weihnachtsfest.

Denn genau dieses Fest ist vielleicht die beste Antwort, die sich auf diese Frage überhaupt finden lässt. Als wollte Gott selbst uns - nein, keinen wissenschaftlichen Traktat, keine Enzyklopädie, die alle Fragen beantwortet und alles detailgetreu beschreibt, zur Verfügung stellen; so etwas würden wir wahrscheinlich sowieso nicht zu begreifen in der Lage sein. - Aber es ist so, als wolle er uns das beste und vielleicht auch einzig verständliche Bild dafür liefern, was Erlösung wirklich bedeutet.

Und er spricht dabei nicht vom Jenseits, nicht vom Sterben und auch nicht vom Tod. Das Fest der Erlösung ist ein Geburtsfest. Gott verwendet das Bild vom Geboren-Werden.

Denn genau so ist wahrscheinlich Erlösung: Sie ist wie ein Geboren-Werden - wie wenn ein Kind zum ersten Mal die Augen aufschlägt und das ganze Leben vor sich hat, wie der Augenblick in dem ein Mensch durch nichts belastet ist, an dem noch nichts festgelegt, nichts verdorben ist und alle Möglichkeiten offen stehen; der Augenblick, der Eltern mit dem Gefühl von Glückseligkeit beschenkt, der Angst und Schmerzen vergessen macht und jetzt einfach voller Hoffnung ist.

Vielleicht gibt es kein besseres Bild für das, was wir Erlösung nennen als jenes Bild, das Gott selbst gewählt hat: Das Bild der Geburt eines Kindes nämlich.

Heute feiern wir sie, und wir feiern damit zugleich unsere Erlösung. Denn jedes Mal wenn wir uns von diesem Kind in seine Arme nehmen lassen, öffnet sich auch für uns der Blick auf unser Leben ganz neu, da breitet sich Leben dann wie ein unbeschriebenes Blatt mit all seinen Möglichkeiten und all seiner Weite neu vor uns aus. Und da wird der Blick in die Zukunft plötzlich wieder zu einem Blick voller Hoffnung.

Ich schaue auf morgen, auf alles was vor mir liegt, ich schaue auf mein Leben, und ich tue es voller Hoffnung, was anderes sollte Erlösung am Ende sein?

(gehalten am 25. Dezember 2008 in der Pauluskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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