Predigten an Weihnachten

(Dr. Jörg Sieger)

      

Weihnachten - Am Tag (Joh 1,1-5. 9-14)

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst. Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind. Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. (Joh 1,1-5. 9-14)

Liebe Schwestern und Brüder,

heute Morgen ist mir ein Bild ganz besonders wichtig. Es ist das Christkind, wie es als Figur in fast allen unseren Krippen liegt: Ein Kind mit weit ausgebreiteten Armen.

Das Kind in der Krippe breitet die Arme aus, als wolle es die ganze Welt an seine Brust drücken - so wie es der erwachsene Jesus später einmal sagen wird: Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich will euch Ruhe verschaffen. (Mt 11,28)

Das Kind in unseren Krippen breitet die Arme aus - genau so, wie der sterbende Christus am Kreuz. Seine ausgebreiteten Arme sind zum Symbol für das Wort geworden, das sich im Johannes-Evangelium findet: "Wenn ich über die Erde erhöht bin, werde ich alle zu mir ziehen." (Joh 13,32)

Was hier geschieht, was an Weihnachten seinen Anfang nimmt, was am Karfreitag und dann an Ostern zur Vollendung kommt, ereignet sich nicht nur für ein paar Hirten, nicht nur für ein paar Jünger, nicht für ein paar Erleuchtete und einige Auserwählte. Es geschieht im Blick auf alle Menschen, die Menschen aller Zeiten und aller Nationen. Denn Gott will das Heil der ganzen Menschheit, aller seiner Kinder, er will das Heil aller Menschen. Schon das Christkind in unseren Krippen macht das ganz deutlich.

Das ist mir in diesen Tagen ganz besonders wichtig. Augenblicklich gibt es in unserer Kirche ja eine Diskussion über die rechte Übersetzung. Im Konradsblatt etwa konnten Sie in den vergangenen Wochen ja davon lesen. Es ist die Diskussion um die Übersetzung der Wandlungsworte.

Seit über 40 Jahren heißt es bei uns ja "... mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird..." Und nun wird angemerkt, dass die korrekte Übersetzung der lateinischen Worte nicht "für euch und für alle" sondern "für euch und für viele" heißen müsste.

Das mag vom Wortlaut her durchaus stimmen. Aber es dürfte auch hier nicht sehr viel anders sein, wie bei jeder Übersetzung.

Bei den ersten Worten des heutigen Evangeliums, diesem "Im Anfang war das Wort", musste ich schon daran denken. Erinnern Sie sich an Goethes Faust und seine Bemühungen diesen Satz zu übersetzen? Ich musste sofort daran denken! Wie hieß es doch da? "Geschrieben steht: "Im Anfang war das Wort!" Hier stock' ich schon! Wer hilft mir weiter fort? Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen, Ich muss es anders übersetzen."

Und ganz richtig macht Goethe deutlich, dass man beim Übersetzen nicht einfach nur ein Wort gegen ein anderes übertragen kann. So einfach ist das mit keiner Sprache. Beim Beginn des Weihnachtsevangeliums überträgt Faust den griechischen Begriff "logos" nacheinander mit Wort, Rat, Tat. Und er hat dabei völlig recht - das schwingt alles in diesem griechischen Begriff mit.

Ganz ähnlich ist das mit den Wandlungsworten, vor allem, wenn man sich vor Augen hält, dass Jesus diese Worte auf Aramäisch gesprochen hat. Und in der Sprache der Bibel wird sehr häufig von "den Vielen" gesprochen, wenn alle gemeint sind.

Ganz egal ob - wie jetzt gemeldet wurde -, Rom darauf bestehen wird, dass man im deutschen Sprachraum nicht mehr wie seit Jahrzehnten "für alle vergossen" sagen darf, sondern zukünftig "für viele vergossen" sagen muss - am Sinn wird das nichts ändern. Und der wird im Deutschen letztlich am besten durch "für alle" wiedergegeben.

Es geht nämlich um alle, darum, dass Gott alle Menschen liebt, und dass er sie an sich ziehen will, immer wieder aufs Neue und letztgültig durch das, was Jesus Christus ein für alle Mal für uns gewirkt hat. Das gilt allen Menschen, nicht nur ein paar Auserwählten. Die Hinweise in der Schrift dafür sind überdeutlich und hinweisen tun uns heute auch unsere Krippen, vor allem das Kind in unseren Krippen, dieses Christkind mit den weit ausgebreiteten Armen, mit denen es uns alle umfangen will.

Amen.

(gehalten am 25. Dezember 2006 in der Antoniuskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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