Predigten in der Weihnachtszeit - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

Weihnachten - Am Tag (Joh 1,1-5. 9-14)

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst. Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind. Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. (Joh 1,1-5. 9-14)

Am Anfang stand das Wort: "Wir danken Ihnen für den langjährigen Einsatz in unserer Firma!" - Und der Brief endete dann mit dem Bedauern darüber, dass man dennoch betriebsbedingt die Kündigung aussprechen müsse.

Am Anfang stand das Wort: "Du kannst mich mal!" Und dann hatte man sich immer weniger zu sagen; und die Beziehung zerbrach.

Am Anfang steht in aller Regel ein Wort. Und eines gibt dann das andere. Und mehr als nur häufig ist das, was am Ende dann dabei herauskommt ,genau das Gegenteil von dem, wovon man sagen möchte: Es war sehr gut.

Liebe Schwestern und Brüder,

was ein einziges Wort manchmal bewirken kann... Würde man mehr darüber nachdenken - manches Wort würde wahrscheinlich nie gesprochen werden! Wie viel Leid nimmt seinen Anfang oft mit einem einzigen Wort.

Manchmal aber - und das ist dann eigentlich mindestens genauso tragisch - manchmal aber fehlt genau dieses eine Wort. Manchmal fällt der Anfang geradezu aus, gibt es gar keinen Anfang, weil ein einziges Wort fehlt. Manche Dinge könnten ins Rollen kommen, könnten sich neu bewegen könnten, ganz anders werden, wenn, ja, wenn nur ein einziges Wort gesprochen würde.

Was könnte sich an jenem Arbeitsplatz bewegen, wenn auch nur einer der beiden, die schon seit Jahr und Tag kein Wort mehr miteinander gesprochen haben, damit beginnen würde; beginnen würden zu sagen: "Sollten wir nicht endlich wieder...?" Was könnte sich zuhause alles ändern, wenn endlich einer das erlösende Wort sprechen würde...

Für den Anfang bräuchte es oft nur ein Wort, denn ohne solch ein Wort ist nichts von dem, was eigentlich sein könnte.

"Im Anfang war das Wort."

Damit beginnt das heutige Evangelium. Damit beginnt die Frohe Botschaft des Weihnachtstages. Wie eine Überschrift über das ganze Evangelium sagt uns dieser eine Satz, dass zumindest ein Wort bereits gesprochen ist: das entscheidende Wort, Gottes Wort nämlich.

Gott sprach und es wurde die Welt. Und sie wurde zu einer Welt, die für uns gut ist. Gott sprach, und er rief uns ins Leben, in ein Leben, das alles enthält, was für uns gut sein kann. Und Gott sprach das Wort, das bei ihm war und Mensch geworden ist. Er sandte dieses Wort zu uns, ließ es sogar Fleisch werden, und er tat dies, damit wir begreifen, dass alles Entscheidende, das Allerwichtigste, dass genau dies bereits getan ist - und zwar von ihm.

Gott hat einen Anfang gemacht, einen Anfang, bei dem es jetzt an uns ist, ob wir ihn fortführen oder nicht. Ob sein Wort, Gottes Anfang, unter uns Menschen Kreise ziehen kann, weitergeht und andere ansteckt, das liegt zu einem guten Teil an uns.

Gott hat uns nämlich einen Mund gegeben, einen Mund nicht nur für den Festtagsbraten, sondern einen, den wir auftun können, um zu reden; nicht nur über, sondern vor allem miteinander und zueinander. Gott hat uns einen Mund gegeben, mit dem wir unter uns neue Anfänge setzen können, genau jene Worte sprechen können, ohne die sich zwischen Menschen nun einmal nichts, aber auch wirklich nichts bewegt.

Wenn heute, am Weihnachtstag, Gottes menschgewordenes Wort unter uns aufleuchtet, dann auch deshalb, damit wir dies neu begreifen. Gott hat an Weihnachten wieder einmal einen Anfang gemacht. Dass es auch wirklich weiter geht, dass es in unserer Welt, unserer Stadt, unseren Gemeinden, unseren Häusern und Wohnungen weihnachtlich, christlich, menschlich wird - ein gutes Stück weit liegt das an uns. Manchmal braucht es nur ein einziges Wort.

Amen.

(gehalten am 25. Dezember 2000 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

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