Predigten in der Weihnachtszeit

(Dr. Jörg Sieger)

      

Neujahr

 

Fahren wir in die Berge oder ans Meer?

Wenn es um die Urlaubsplanung geht, kann diese Frage zur Zerreißprobe werden.

Liebe Schwestern und Brüder,

viele Kompromissmöglichkeiten gibt es ja eigentlich nicht. Ich weiß nicht, ob ein Bergsee etwa dem Meeresliebhaber die Brandung wirklich ersetzen kann. Entweder macht man das eine richtig oder das andere. Beides geht irgendwie nicht.

An solchen Entscheidungen sind schon Familien zerbrochen. Und sie werden weiterhin an ihnen zerbrechen, denn nicht selten stehen die Positionen unversöhnlich nebeneinander. Und wie soll man da eine Lösung finden, wenn der eine eben partout auf die Berge Wert legt, während die andere nun einmal die Freiheit des Meeres genießen möchte.

Jetzt kann man die Entscheidung für das Urlaubsziel noch getrost als eigentlich zweitrangige Frage im Leben abtun; als ob es nichts Wichtigeres gäbe. Wenn damit aber unumstößliche Prinzipien verbunden sind, dann können solche Diskussionen schon zu Zerreißproben werden. Und vor allem dann, wenn die dahinterstehenden Positionen mit dem Anspruch die alleinige Wahrheit zu besitzen, auftreten.

Sie haben längst bemerkt, dass es mir hier nicht um die Urlaubsplanung geht und auch nicht um eine Familie - es sei denn, man greift das alte Wort von der Pfarrfamilie auf. Denn genau so wie in dieser Entscheidungsfrage im Blick auf den Urlaub, genau so kommt mir die Situation in unserer "Pfarrfamilie", unserer Pfarrei, in unserem Bistum und vor allem in unserer Kirche als ganzer augenblicklich vor.

Fahren wir in die Berge oder wollen wir ans Meer?

Die Positionen stehen einander nahezu unversöhnlich gegenüber - in einer Art und Weise, wie ich das in den zurückliegenden Jahrzehnten so nicht erlebt habe. Auf der einen Seite sind die Stimmen unüberhörbar, die daran erinnern, dass notwendige Reformen, seit Jahr und Tag vor uns her geschoben werden. Dass diejenigen, die einzig etwas bewegen könnten, die Augen geradezu verschließen. Lähmend müssen viele zur Kenntnis nehmen, dass sich nichts, aber auch gar nichts tut.

Auf der anderen Seite werden die Stimmen derer lauter, die nicht müde werden zu betonen, dass Kirche sich sowieso seit Jahren in die falsche Richtung entwickelt, dass von der katholischen Kirche, wie man sie eigentlich haben möchte, schon jetzt nichts mehr zu erkennen sei und man endlich wieder anfangen müsse, wirklich katholisch zu werden, so, wie es eben von alters her gewesen sei.

Und manches Mal kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, als entwickele unsere Kirchenleitung immer größere Sympathien für die Vertreter solcher Gedanken und komme ihnen immer stärker entgegen.

Fahren wir in die Berge oder wollen wir ans Meer?

Es scheint bei diesen unterschiedlichen Positionen kaum eine Lösung zu geben. Und die Art und Weise des Umgangs miteinander wird anscheinend immer rauer. Häufig scheint es schon gar keine Basis für ein Gespräch mehr zu geben.

Selbst dort, wo dazu eingeladen wird, sich über unterschiedliche Positionen auszutauschen und Argumente abzuwägen, gibt es kein wirkliches Gespräch mehr. Entweder bleiben die Gegner unter sich oder die Befürworter tagen mit sich selber. Dafür spricht man dann offenbar übereinander und man unternimmt Schritte gegeneinander.

Das vergangene Jahr war auch hier in Bruchsal ein da und dort erschreckendes Beispiel dafür. Ich habe noch nie erlebt, dass so viele Briefe geschrieben wurden, mit Absender versehen oder auch feige, nämlich anonym. Man schreibt nach Freiburg, an den Nuntius, schreibt Leserbriefe für oder wider, begründet, warum einzig und allein die eigene Position die wahre und richtige ist und versucht andere, die eben andere Ansichten mit mindestens gleich guten und gewichtigen Argumenten vertreten, in die Schranken zu verweisen, mürbe zu machen oder gar zum Aufgeben zu bewegen.

Das ist schlimm und das lähmt und das raubt am Ende die Freude am Glauben.

Völlig richtig, wenn unser Bischof davon spricht, dass uns einzig und allein eine Kultur des Dialoges aus dieser vertrackten Situation herausführen kann. Wenn wir es nicht wieder lernen, wirklich aufeinander zu hören, hinzuhören und verstehen zu wollen, nicht unsere Positionen durchdrücken, sondern den Willen Jesu entdecken zu wollen, dann werden am Ende nicht nur wir, dann wird unsere Kirche auf der Strecke bleiben.

Wir stehen am Beginn eines recht bedeutenden Jahres. Immer wieder wird im Jahr 2012 im Raum der Kirche daran erinnert werden, dass genau vor 50 Jahren das große Konzil begonnen hat. Damals hat man in unserer Kirche in einer zuvor nie dagewesenen Art und Weise angefangen, um die zu beschreitenden Wege zu ringen. Man hat keine Basta-Politik betrieben, sondern in einem mühevollen Prozess versucht, dem nachzuspüren, was die eigentliche Intention Jesu gewesen sein mag.

Das ist nicht einfach. Das erfordert Geduld. Das verlangt danach, sich selbst in Frage stellen zu lassen, Machtpositionen zu räumen und nicht einfach Dinge zu machen, weil man sie so vermeintlich schon immer gemacht hat - selbst wenn sich dann so manche Ewigkeit bei genauerer Betrachtung als recht kurzer Zeitraum von 100 oder 200 Jahren entpuppt..

Ich bin davon überzeugt, dass diese Art und Weise des Vorgehens allein uns aus der Misere der gegenwärtigen Situation herausführen kann.

Wir müssen das auch hier - vor Ort - wieder ganz neu angehen. Und wir müssen alle Menschen guten Willens dazu einladen und dazu aufrufen, diesen Weg mitzugehen. Wir sollten uns in diesem Jahr ganz besonders dem Erbe des großen Konzils stellen und in der Betrachtung dessen, was sich damals ereignet hat, Dinge wieder neu verstehen zu versuchen.

Das wird einige Mühe machen, und es wird uns auch herausfordern. Wir werden manches miteinander neu lernen müssen. Aber darum kommen wir nicht herum.

Gott hat uns unseren Verstand gegeben, damit wir vernünftig den Herausforderungen der Gegenwart begegnen.

Ich war - gerade auch in den vergangenen Monaten - mehr als einmal entsetzt, was alles durch Unverständnis, durch Nachplappern, einfach nicht richtig Informiert-Sein oder am Ende gar durch Dummheit an Scherben entstehen kann - Scherben, die kaum mehr jemand in der Lage ist, wirklich hinwegzuräumen.

Wir kommen nicht darum herum, uns Fragen zu stellen und gemeinsam nach deren Beantwortung zu suchen.

Und die Frage, die wir uns jeden Tag aufs Neue stellen müssen und der es immer wieder neu nachzuspüren gilt, vernünftig und verantwortet, das ist die Frage nach diesem Jesus von Nazareth, an dessen Krippe wir uns auch heute Abend wieder versammelt haben. Wer bist Du? Wer bist Du für uns? Wer bist Du für mich? Was war das, was Du vor 2000 Jahren unter uns Menschen gewirkt hast, welches waren wirklich Deine Anliegen, was können wir über Deine Absicht erfahren und was heißt das heute für uns? Wie müssen wir sein, wie müssen wir vorgehen, wie können wir feiern, um dabei wirklich Dir zu folgen?

Denn um nichts anderes kann es unter uns gehen, nicht um irgendwelche liebgewordenen Bräuche, nicht um noch so schöne, aber von Menschen ins Leben gerufene Traditionen, nicht um noch so hehre Prinzipien oder gewichtige Vorschriften, sondern einzig und allein um ihn, Jesus Christus, unseren Herrn, ihn in unserer Mitte und um seinen Willen.

Amen.

(gehalten am 1. Januar 2012 in der Antoniuskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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