Predigten an Pfingsten - Lesejahr A-C

(Dr. Jörg Sieger)

      

Pfingstsonntag (Apg 2,1-11)

Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab. In Jerusalem aber wohnten Juden, fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden. Sie gerieten außer sich vor Staunen und sagten: Sind das nicht alles Galiläer, die hier reden? Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören: Parther, Meder und Elsamiter, Bewohner von Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, von Pontus und der Provinz Asien, von Phrygien und Pamphylien, von Ägypten und dem Gebiet Lybiens nach Zyrene hin, auch die Römer, die sich hier aufhalten, Juden und Proselyten, Kreter und Araber, wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden. (Apg 2,1-11)

"Der liebe Gott hört am liebsten Latein!" so meinte einer meiner Studienkollegen immer wieder.

Er war im Vor-Beruf Lateinlehrer und neigte deshalb gerne zu solch scherzhaften Äußerungen. Dabei bin ich mir nicht einmal sicher, ob er es wirklich so scherzhaft meinte. Ich möchte ihm ja nichts unterstellen, aber so ganz tief drinnen hat er es vermutlich doch irgendwie selbst so geglaubt.

Liebe Schwestern und Brüder,

der liebe Gott hört am liebsten Latein - wenn dem wirklich so wäre, dann müsste ich mich fragen, warum er dann ausgerechnet in einer Zeit Mensch geworden ist, in der man im römischen Weltreich fast durchgängig Griechisch gesprochen hat, und warum er ausgerechnet eine Umgebung ausgewählt hat, in der man Aramäisch als Muttersprache lernte - eine Sprache, die man am besten erlernen kann, indem man ganz schnell vergisst, was man von Latein noch im Hinterkopf hat.

Nein, mit dem Latein kann es dieser Gott wirklich nicht so sehr haben. Wenn man genau hinschaut, dann hat er es eigentlich mit gar keiner Sprache.

Oder genauer gesagt: er hat es mit jeder Sprache. Die Lesung des heutigen Tages macht das nämlich ganz deutlich: Jeder und jede der versammelten Menschen hörte sie nicht nur in seiner Sprache, sie hörten sie sogar in ihrer Muttersprache sprechen!

Gott liebt keine Sprache, er spricht nicht einmal eine bestimmte Sprache. Gott spricht in der Sprache der Menschen, denn er will, dass wir Menschen ihn verstehen.

Diese Menschlichkeit Gottes, dieses den Menschen Zugewandtsein jenes Gottes, der von Anfang an dort zu finden war, wo die Menschen waren, hat mich vermutlich vor 25 Jahren so fasziniert, dass ich meinte, mich für diesen Gott und für diese Botschaft einsetzen zu müssen. Es ging darum, das, was in den Schriften der Bibel grundgelegt war, in die Sprache der Menschen unserer Zeit zu übersetzen.

Sprache aber hat immer etwas mit dem Leben zu tun. Ich glaube, es war eine ganze Generation von Priestern, die damals antraten, die uralten Überlieferungen neu zu sagen, so zu sagen, dass sie die Menschen heute wirklich erreichen, dass sie hilfreich sind und dem Leben dienen.

Ich gebe zu, ich vermisse vieles von dieser Zeit damals. So vieles von der Aufbruchsstimmung des Konzils, deren Ausläufer wir damals noch zu spüren bekommen haben, ist mittlerweile verpufft. Von Übersetzung der Botschaft ist nicht mehr viel zu spüren. Während man es damals unternommen hatte, die Texte der Liturgie in die Sprache der Menschen zu übersetzen, in jene Sprache, die Menschen eben sprechen, geben Richtlinien heute vor, dass das Wort "gratia" etwa, nur mit den deutschen Worten Gnade und Huld wiedergegeben werden dürfe - Worten, die so gebräuchlich sind, dass wir sie geradezu auf jedem Pausenhof hören! Und sogar der Satzbau der Übersetzung muss sich mittlerweile an der Syntax des Lateinischen orientieren - weil das das Original sei, wie man behauptet. Das Lateinische sei das Original - eine Sprache, die Jesus - aller wissenschaftlichen Erkenntnis nach - selbst nie gesprochen hat.

Es scheinen langsam immer mehr jene Kräfte die Oberhand zu erlangen, die wirklich davon überzeugt sind, dass der liebe Gott am liebsten Latein hört, die aber vergessen zu haben scheinen, dass Gott selbst am Pfingsttag die Übersetzung der Botschaft in die Sprache der Menschen betrieben hat.

Pfingsten gilt als das Geburtstagsfest von Kirche. Damit diese Kirche eine Zukunft hat, damit wir noch viele Geburtstage feiern können, dürfen wir diese Kirche nicht denen überlassen, die sich momentan gleichsam als Totengräber lebendiger Gemeinden gebärden. Es gilt das, was Gott uns Menschen zu sagen hat, in die Lebenswirklichkeit unserer Gemeinden hinein zu übersetzen, es gilt deutlich zu machen, dass Gott wirklich Antworten gibt, Antworten auf die Fragen, die die Menschen tatsächlich bewegen und nicht nur leere Phrasen, die schon längst ungehört im Raum verhallen.

Für solch eine den Menschen zugewandte Kirche wollen und sollen wir eintreten, weil erst solch eine Kirche wirklich Kirche Jesu Christi ist, die Kirche, die die großen Taten Gottes in den Sprachen der Menschen verkündet, unterschiedslos, grenzenlos, ohne an den Barrieren der Konfessionen oder an den Grenzen von Religionen kleinmütig Halt zu machen.

Verkünden wir die Liebe Gottes zu den Menschen dieser Welt, eine Liebe, die alle Grenzen sprengt, die Vorschriften und engherzige Gebote überwindet, die lähmende Traditionen sprengt und alle Denkverbote davonjagt. Leben wir jene geisterfüllte Kirche Jesu Christi, die an Pfingsten ihren Anfang nahm und die in keinem Generalvikariat, keinem Ordinariat und keiner Kurie vergraben werden darf.

Leben wir genau diese Kirche Christi und fangen wir hier und heute aufs Neue damit an.

Amen.

(gehalten am 11./12. Juni 2011 in der Paulus- und Peterskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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