Predigten an Pfingsten - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

Pfingstsonntag (Joh 20,19-23)

Am Abend des ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert. (Joh 20,19-23)

Alle vier Wochen - daran kann ich mich zumindest aus der Zeit unmittelbar nach der Erstkommunion erinnern - alle vier Wochen war Beichte angesagt - und später wenigstens auf die Hochfeste hin.

Zu sagen hatte ich immer das Gleiche: "Tägliche Gebete vergessen, unandächtig im Gottesdienst..." Ach ja, und mit den Eltern musste immer etwas sein. Wenn ich da nichts sagte, dann hat der Kaplan regelmäßig nachgefragt. Außer ich bekannte - dass ich in der Schule nicht aufgepasst hatte - dann war er auch zufrieden, und dann brauchte ich in Sachen Eltern nichts zu bekennen. Aber eines von beiden musste dabei sein.

Liebe Schwestern und Brüder,

gibt es jemanden, der allen Ernstes dieser Beichtpraxis nachtrauert?

Ich war weit mehr damit beschäftigt, mich darauf zu konzentrieren, was ich nacheinander zu sagen hatte, dass die Gebote in der richtigen Reihenfolge kamen und die Eingangs- und Schlussformulierungen stimmten, als dass ich mir groß Gedanken über Verfehlungen machte, geschweige denn, dass ich irgendetwas besonders bereut hätte. Und ich weiß, dass es da nicht nur mir so - dass es Tausenden so ging.

Dass diese gleichsam "Röntgen-Reihen-Untersuchung" auf die Hochfeste hin weithin verschwunden ist, ist kein Schaden und ist auch kein Problem. Diese Form der häufigen Andachtsbeichte, war eine vorübergehende Erscheinung, die unsere Kirche zudem nur wenige Jahrzehnte begleitet hat.

Es gab sie ja weiß Gott nicht lange, geschweige denn von Anfang an. Ganz am Anfang gab es nur einen einzigen Ort der Sündenvergebung. Was auch Christen immer wieder übersehen: Der eigentliche Ort der Sündenvergebung war und ist nämlich immer schon die Taufe. Und was auch selten bedacht wird: Eine zweite Vergebung von Schuld war ursprünglich gar nicht vorgesehen.

Es hat fast 300 Jahre gedauert, bis nach langen Auseinandersetzungen bereits getauften Christen eine "zweite Chance" zur Sündenvergebung eingeräumt wurde. Nach der Taufe noch ein einziges Mal - nur noch ein Mal - sollte der Mensch die Möglichkeit der Buße haben. Und diese war darüber hinaus von einer Fülle von Auflagen begleitet.

Als dann - Jahrhunderte später - die Form der Privatbeichte, vermittelt durch iro-schottische Mönche, Einzug hielt, wurde diese Praxis der häufigen Einzelbeichte durch eine Synode sogar verurteilt.

Die von manchen so vermisste, aus der Kindheit gewohnte Übung der regelmäßigen Ohrenbeichte ist demnach alles andere als eine Einrichtung von Urzeiten her. Gerade mal wenige Jahrzehnte war sie in dieser Häufigkeit bei uns üblich. Und ob sie eine glückliche Entwicklung war, steht noch einmal auf einem ganz anderen Blatt.

Jetzt werden manche einwenden, dass Jesus im heutigen Evangelium doch geradezu den Auftrag zum Versöhnungsdienst erteilt hätte. Wir haben ja gerade gehört, wie der Auferstandene den Jüngern gesagt hat: "Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert."

Und es klingt ja nicht einmal nur nach einem Auftrag, es ist eine regelrechte Vollmacht, die er ihnen verleiht: Vollmacht zu vergeben und sogar Vollmacht, die Vergebung zu verweigern!

Alles richtig. Nur Achtung: Es ist keine Erlaubnis zur Verweigerung! All denen, die sich von dieser Stelle her schon zum Richter über andere berufen fühlen, all denen sei in Erinnerung gerufen, dass ihnen in genau dem gleichen Maß von Gott vergeben wird, in dem sie bereit sind, anderen zu vergeben. Wer anderen die Vergebung verweigert, dem wird sie selbst verweigert werden.

Und es heißt auch nicht, dass alle Schuld; die nicht von einem Amtsträger etwa losgesprochen wird, keine Vergebung durch Gott erfährt. Es kann nicht oft genug betont werden, dass es eine Fülle von Formen gibt, in denen Menschen Vergebung - Gottes Vergebung - erlangen.

Eine der wichtigsten ist die: denjenigen, gegen den ich mich versündigt habe, um Verzeihung zu bitten. Es macht keinen Sinn, eine Schuld zu beichten, aber dem Bruder oder der Schwester, gegen die ich schuldig geworden bin, nie zu sagen, dass mir mein Verhalten leidtut. Gott hat an nichts größere Freude, als wenn wir Menschen uns miteinander versöhnen!

Darüber hinaus sind persönliches Gebet, Werke der Nächstenliebe und das gemeinsame Bitten um Vergebung, wie es bei uns in der sogenannten Bußandacht wiederbelebt wurde, wichtige Formen der Vergebung und Versöhnung mit Gott.

In der sakramentalen Beichte erfahren wir diese Vergebungsbereitschaft Gottes in ganz ausdrücklicher Weise. Sie ist deshalb nie eine Verpflichtung, nie etwas, was es zu absolvieren gilt. Wer die Beichte so betrachtet, verdunkelt, was sie im Letzten wirklich bedeutet: Ein Sakrament ist ein Geschenk. Und das Sakrament der Buße ist Gottes Geschenk der Versöhnung an uns Menschen.

Wenn wir das Bewusstsein dieses Sakramentes in den Menschen wieder neu verankern wollen, dann müssen wir deshalb dafür Sorge tragen, dass sie auch als solches erfahren und erlebt wird: Als Geschenk jenseits aller Leistung; Geschenk, das mein Leben weitet und ganz neu eröffnet. Geschenk nämlich, kein Zwang und auch keine Verpflichtung.

Wenn Sie in den letzten Tagen immer wieder lesen und hören konnten, dass das Sakrament der Buße der einzige ordentliche Weg der Versöhnung des Menschen mit Gott und der Kirche ist, dann liegt die Betonung hier auf "ordentlich" und will sagen, dass Buße als Sakrament Teil der sakramentalen Heilsordnung der Schöpfung ist.

Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass der Gott, an den wir glauben, auch jenseits der Ordnungsprinzipien am Werk ist. Gott ist ein Gott, der nicht nur ordentlich, der vielmehr außerordentlich wirkt. Für Gott gibt es deshalb neben allen ordentlichen auch immer eine Fülle außerordentlicher Wege.

Gott hat schon immer alle Ordnungsprinzipien überstiegen. Und das ist auch gut so.

Er ist ein Gott, der die Ordnung garantiert, aber selbst außerordentlich wirksam ist; ein Gott, der deshalb auch außerordentlich vergibt - viel mehr, als wir uns selbst vielleicht bewusst sein mögen. Würde er uns nur da vergeben, wo wir ihn wirklich ausdrücklich darum bitten, es sähe vermutlich ganz schlecht um uns aus.

Aber Gott ist außerordentlich. Er ist anders, ganz anders als wir Menschen; Und das allem voran, wenn es darum geht zu vergeben. Mag die Schuld des Menschen noch so groß sein: Gott ist guter Vater und liebende Mutter. Und er sagt es von sich selbst, mit den Worten des Propheten Hosea, auf unübertroffene Weise:

"Mein Herz kehrt sich um in mir,
und zugleich regt sich mein Mitleid.
Nicht will ich tun,
was die Glut meines Zornes mir eingibt, (...)
Denn Gott bin ich und nicht ein Mensch,
heilig in deiner Mitte,
ich liebe es nicht, zu verderben."

Amen.

(gehalten am 19. Mai 2002 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

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