Predigten an Pfingsten

(Dr. Jörg Sieger)

      

Pfingstsonntag (Apg 2,1-11)

Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab. In Jerusalem aber wohnten Juden, fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden. Sie gerieten außer sich vor Staunen und sagten: Sind das nicht alles Galiläer, die hier reden? Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören: Parther, Meder und Elsamiter, Bewohner von Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, von Pontus und der Provinz Asien, von Phrygien und Pamphylien, von Ägypten und dem Gebiet Lybiens nach Zyrene hin, auch die Römer, die sich hier aufhalten, Juden und Proselyten, Kreter und Araber, wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden. (Apg 2,1-11)

Frage einhundert Katholiken: "Was ist das Wichtigste in der katholischen Kirche?" Und sie werden Dir antworten: "Natürlich die Heilige Messe!"

Frage dann hundert Katholiken: "Was ist das Wichtigste in der Messe?" Und sie werden Dir antworten: "Das ist natürlich die Wandlung!"

Aber sage einhundert Katholiken: "Das Wichtigste in der katholischen Kirche, das ist dann ja die Wandlung!" Dann werden sie Dir sagen: "Um Gottes Willen nein! Es soll alles so bleiben, wie es ist!"

Liebe Schwestern und Brüder,

diese Zeilen stammen nicht von mir, aber ich denke, sie passen zum heutigen Tag, wie keine anderen. Verwandlung, Veränderung, dass etwas, was man liebgewonnen hat, was man langsam zu verstehen beginnt und einem viel bedeutet, dass sich so etwas verändern soll, das mag kaum jemand von uns. Das geht jungen Menschen oftmals schon genauso wie den älteren, und das ist heute kein bisschen anders als es früher auch schon war.

Veränderungen und Neuerungen, die bringen gewohnte Sicherheiten durcheinander, und das ist unbequem, das mag man nicht, davor hat man auch ein wenig Angst. Und wenn jemand kommt und etwas anders machen möchte, anders als man das jetzt doch schon so lange gewohnt war, dann begehrt alles in einem, zunächst einmal dagegen auf. Das ist eigentlich völlig klar. Im Grunde ist das ganz normal.

Deswegen verstehe ich auch ganz gut, warum die Juden zur Zeit der ersten Christen so aufgebracht und gereizt gegenüber den jungen christlichen Gemeinden reagiert haben. Dass die ersten Christen Jesus als den Messias verkündeten, das war nicht das große Problem, das hätten die jüdischen Gemeinden in der damaligen Zeit durchaus annehmen können. Aber dass diese christlichen Gruppen da plötzlich so vieles anders machten, als man das gewohnt war, dass das doch so alte Gesetz nun plötzlich nicht mehr gelten sollte, dass die sich nicht mehr an die alten Bräuche hielten, die guten Sitten mit den Reinigungsvorschriften vernachlässigten, dass die nun alles plötzlich anders machten, das brachte die jüdischen Gemeinden unheimlich auf. Denn solche Veränderungen, die mag man nicht, und das ganz besonders in den Dingen, die einem lieb und teuer geworden sind, das ganz besonders in der Religion. Ich verstehe das ganz gut, mir geht es in vielem ja genauso.

Jesus aber, der scheint da offenbar auf dieses Gefühl von uns Menschen gar keine so große Rücksicht zu nehmen. Man muss sich das nur einmal anschauen, wie der unter seinen Zeitgenossen aufgetreten ist! Das ist schon beinahe brutal. Da steht er hin und sagt etwa in aller Öffentlichkeit: "Das mit dem Sabbat, so wie ihr das handhabt, da habt ihr euch verrannt, das ist völlig falsch, das muss anders werden, damit Gott ein Wohlgefallen daran hat!" Kann ich mir gut vorstellen, wie aufgebracht die Menschen über solch eine Ungeheuerlichkeit in ihren Augen damals waren. Wenn uns jemand so etwas an den Kopf geworfen hätte, dann wären wir auch auf die Barrikaden gegangen.

Jesus aber nimmt da offensichtlich nur wenig Rücksicht darauf, dass wir Menschen unsere Gewohnheiten, selbst dann, wenn sie nicht ganz richtig sein sollten, nur ganz ungern verändern, das scheint Jesus nur wenig zu interessieren. In Jesus ist Gott schließlich angetreten, um unser Leben zu erneuern, um unser Leben zu verwandeln, das in uns, was dem Tod verfallen ist, zu einer neuen Schöpfung für das Leben zu machen.

"Siehe, ich mache alles neu!" Das ist gleichsam das Programm unseres Gottes. Und ich glaube, zu einem ganz großen Teil ist das auch das eigentliche Programm unseres christlichen Pfingstfestes. Pfingsten, das ist nämlich der Festtag, der uns genau das in Erinnerung ruft. Das Pfingstfest sagt uns ganz unverblümt, dass dieser Gottesgeist, der uns durch diese Zeit hindurchgeleiten soll, dass dieser Geist sich den Menschen als Sturmesbraus offenbart, als etwas, was durcheinanderwirbelt, aufwirbelt.

Wir singen das oft so einfach daher: "Sende aus deinen Geist, und das Antlitz der Erde wird neu!" Gott aber meint das ganz ernst. Gott sendet seinen Geist um zu erneuern. So wie ein Kind jeden Tag Neues lernen muss, um sich immer mehr in dieser Welt zurechtzufinden, so bricht Gottes Geist immer wieder in unser Leben und in unsere Kirche ein, um sie immer mehr auf den Weg zu führen, der uns dem Ziel näher bringt, das Gott selbst uns bestimmt hat.

Ich denke, wir müssen uns das immer wieder vor Augen halten. Es kann in unserer Kirche, es kann in unserem Glauben, so sehr wir das manches Mal auch bedauern mögen, es kann da keinen Stillstand geben. Es ist zu keiner Zeit, alles so geblieben, wie es halt einmal war. Das hieße ja, dass wir im Letzten schon am Ziel wären. Aber das ist nicht so, wir sind unterwegs zu diesem Ziel. Und Gott führt uns durch seinen Geist immer näher an dieses Ziel. Er selbst ist es, der uns immer wieder mit neuen Situationen, neuen Fragen und auch neuen Antworten konfrontiert.

Sich vor dem Neuen zu verschließen, das hieße, wie viele Juden zur Zeit des ersten Pfingstfestes, kopfschüttelnd daneben zu stehen. Gott aber will nicht, dass wir stehen bleiben, er will, dass wir uns aufmachen, dass wir mit ihm gehen, dass wir uns von seinem Geist führen lassen. Denn

"der Geist des Herrn durchweht die Welt
gewaltig und unbändig;
wohin sein Feueratem fällt,
wird Gottes Reich lebendig.
Da schreitet Christus durch die Zeit
in seiner Kirche Pilgerkleid,
Gott lobend: Halleluja."

Amen.

(gehalten am 25./26 Mai 1996 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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