Predigten in der Karwoche und Osteroktav

(Dr. Jörg Sieger)

      

Ostersonntag

   

"Alles neu macht der Mai…" wird in wenigen Tagen wieder gesungen. Und viele singen es fröhlich und eifrig mit. Dabei stimmt das doch gar nicht.

Was wird im Mai denn eigentlich neu?

Liebe Schwestern und Brüder,

geblüht hat es auch im letzten Jahr. Frühling und Sommer kehren gottlob mit schöner Regelmäßigkeit wieder. Im Mai erwacht vielleicht die Natur, aber ist das neu? Wirklich etwas Neues?

Und stellen Sie sich einmal vor, der Mai würde wirklich alles neu machen! Das wäre ja nicht auszudenken! Wir reagieren ja schon fast mit Panik, wenn im Winter einmal der Schnee ausbleibt. Wir malen ja schon die Katastrophen an die Wand, wenn die Dinge einmal nicht so laufen, wie wir das aus langjähriger Erfahrung heraus gewohnt sind. Und dann singen wir davon, dass alles neu werden soll!

Dabei haben wir doch vor nichts anderem so viel Angs, wie vor etwas Neuem, davor, dass etwas ganz anders ist, anders, als wir das gewohnt sind, anders, als es uns die Erfahrung lehrt, anders, als es uns die Wissenschaft mit ihren Prognosen vorhersagen kann.

Wir wollen nichts Neues! Wir lieben das Gewohnte! Denn alles, was wir gewohnt sind, was wir kennen und abschätzen können, das verleiht uns Sicherheit und lässt uns einigermaßen sorglos navigieren.

Deshalb wollen die meisten von uns ja auch, dass doch eigentlich alles genau so bleibt, wie es ist - zumindest dann, wenn es einigermaßen verträglich läuft. Wenn wir gesund sind, unser Auskommen haben, nicht alleine dastehen und die Sonne scheint, dann könnten wir ewig leben. Nein, dann wünschen wir uns nicht das ewige Leben, sondern könnten ewig so leben, so, wie es jetzt ist. Denn dieses Leben kennen wir und alles Fremde macht uns Angst.

Aber so funktioniert das nicht.

Gott verheißt uns nicht, dass unser Leben so bleibt, wie wir das jetzt vielleicht genießen. Er macht uns klar und deutlich, dass bei aller scheinbarer Wiederkehr des immer wieder Gleichen, bei jeder Abfolge von Frühling, Sommer, Herbst und Winter, die Zeit immer weiter fortschreitet und sich alles verändert - und mit der Zeit natürlich auch wir. Und es verändert sich - zumindest ab einem gewissen Alter - meist nicht wirklich zum Besseren.

Sehr schnell merken wir, dass es mit jedem Jahr irgendwie schwieriger wird, dass unser Körper da und dort nicht mehr mitmacht, dass die Augen schwächer werden und wir am Ende nicht nur das überhören, was wir gar nicht hören wollen, sondern unsere Ohren auch bei dem, was wir gerne mitbekommen würden, einfach nicht mehr mitspielen.

Wenn Jesus von Nazareth ganz bewusst einen Kreuzweg gegangen ist, dann auch deshalb, genau deshalb, um uns wissen zu lassen, dass jeder von uns ein solches Kreuz, sein eigenes Kreuz, auf sich nehmen werden muss - ganz gleich ob ich das möchte oder nicht. Alles andere wäre unredlich, unehrlich und falsche Verheißung. Wer glaubt, sich an Christus halten zu müssen, damit ihm ein einfaches Leben beschert wird, und dass es immer so schön bleibt, wie das im Augenblick vielleicht ist, der irrt sich und zwar ganz gewaltig. Es kommen Veränderungen, es bleibt nichts, wie es ist. Es wird alles neu und vieles davon wird nicht besser.

Und dann kommt dieser Jesus und sagt immer wieder ein und denselben Satz! Da sagt er bei so vielen Begegnungen mit seinen Jüngern immer wieder: "Fürchtet Euch nicht!" Habt keine Angst Fürchtet Euch nicht: nicht vor Fremden, und nicht vor dem Fremden. Fürchtet Euch nicht vor dem Neuen und Unbekannten. Lasst die alten Trampelpfade ruhig hinter Euch und habt keine Angst neue Wege zu gehen. Lasst Euch auf Neues ein und verlasst Euch darauf, dass auch, wenn der Weg steinig scheint, auch wenn es ein Leidensweg sein sollte, selbst wenn es ein Kreuzweg ist - verlasst Euch darauf, dass es am Ende gut werden wird.

Veränderungen sind nicht tragisch. Sie gehören ganz einfach dazu, denn die Zeit fließt. Die Zeit fließt, aber sie zerfließt nicht. Unsere Zeit hat nämlich ein Ziel. Und egal durch welches Gelände der Weg auch führt, am Ende steht er, dieser Christus Jesus - er, der uns rettet, jener Gott, der uns das Heil nicht nur verheißt, sondern unser Heil ist.

Das ist eine der wirklichen Botschaften des Osterfestes. Denn Ostern war nicht vor langer Zeit, Ostern ist nicht wie ein Festtag im Jahresablauf. Ostern ist unser Ziel. Ostern kommt! Auf Ostern gehen wir zu. Und Christus sichert uns zu, dass dieses ganz Neue, das da auf uns zukommt, gut werden wird, dass wir unser Ostern wirklich erreichen werden.

Und dieses Ostern, nicht der Mai, Ostern macht wirklich alles neu.

Amen.

(gehalten am 20. April 2014 in der Peters- und Antoniuskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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