Predigten in der Karwoche und Osteroktav

(Dr. Jörg Sieger)

      

Ostersonntag (Joh 20,1-9)

Am ersten Tag der Woche kam Maria von Magdala frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab und sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war. Da lief sie schnell zu Simon Petrus und dem Jünger, den Jesus liebte, und sagte zu ihnen: Man hat den Herrn aus dem Grab weggenommen, und wir wissen nicht, wohin man ihn gelegt hat. Da gingen Petrus und der andere Jünger hinaus und kamen zum Grab; sie liefen beide zusammen dorthin, aber weil der andere Jünger schneller war als Petrus, kam er als erster ans Grab. Er beugte sich vor und sah die Leinenbinden liegen, ging aber nicht hinein. Da kam auch Simon Petrus, der ihm gefolgt war, und ging in das Grab hinein. Er sah die Leinenbinden liegen und das Schweißtuch, das auf dem Kopf Jesu gelegen hatte; es lag aber nicht bei den Leinenbinden, sondern zusammengebunden an einer besonderen Stelle. Da ging auch der andere Jünger, der zuerst an das Grab gekommen war, hinein, er sah und glaubte. Denn sie wussten noch nicht aus der Schrift, dass er von den Toten auferstehen musste. (Joh 20,1-9)

Mein Freund der Baum ist tot...

Nein, er starb nicht im frühen Morgenrot, es war an einem Abend, als ich von einem Auswärtstermin zurückkam. Da stand er - oder besser das, was von ihm übrig war. Ich war nicht nur sprachlos, ich traute meinen Augen nicht.

Dabei hatte ich Ihnen vor noch nicht einmal einem Jahr genau von diesem Baum erzählt. Vielleicht erinnern Sie sich: Es war der Baum, der aus dem Zweig eines Osterstrauchs gewachsen war. Dieser Zweig hatte Wurzeln geschlagen und ich hatte ihn nach Ablauf der Osterzeit einfach in den Boden gesteckt. Über fünf Meter hoch war er zwischenzeitlich geworden: ein stattlicher Baum - gewachsen aus einem kleinen, abgeschnittenen Zweig, der eigentlich schon entsorgt werden sollte.

Es war ein so hoffnungsvolles, ein so großartiges Symbol für mich - jedes Mal, wenn ich aus dem Haus ging und der Blick auf diesen Baum fiel, ein Baum, der in kürzester Zeit aus einem winzigen Zweig gewachsen war.

Liebe Schwestern und Brüder,

mehr als sprachlos stand ich da, als ich an jenem Abend die drei nackten Stummel vor mir sah. Nichts, kein Blatt, kein Zweig, kein Grün nur noch drei Stummel standen da vor mir.

Mein Freund der Baum ist tot...

Unwillkürlich durchschossen mich die Zeilen dieses Liedes. Und es stimmte mich auch nicht weniger trostlos, als ich erfuhr, was vorgefallen war. Der Gärtner, der beim Nachbarn zu tun hatte, dachte mir was Gutes zu tun. Der Baum habe viel zu kleine Wurzeln für seine Größe. Wenn er nicht regelmäßig geschnitten würde, würde der Wind ihn ganz sicher abknicken. Er hat ihn deshalb ganz einfach mitgeschnitten und wollte mir damit einen Gefallen tun - einen Gefallen... Ich stand vor den drei toten Stummeln, und nichts war mir zum Gefallen; und das den ganzen Winter über.

Musste er wirklich sterben? Musste er so zugerichtet werden, dieser Baum, verstümmelt werden, um zu leben? Ich hatte mich so an ihm gefreut, ich war so stolz auf ihn, als er in wenigen Jahren zum höchsten Baum im ganzen Pfarrgarten emporgeschossen war - mein Baum, den ich gepflanzt hatte.

Musste er jetzt sterben, um zu leben?

Nicht sterben - werden alle Gartenkundigen einwenden - er ist ganz einfach beschnitten worden. Und das Beschneiden ist notwendig, damit Pflanzen Frucht bringen können, und manche Pflanzen muss man schon deshalb beschneiden, damit sie überhaupt lebensfähig bleiben. So wie dieser Baum, der eben viel zu kleine Wurzeln hat für die Größe, die er zu erreichen in der Lage ist. Alles was zu groß wird, kann schließlich nicht bestehen. Es wird einfach abgeknickt, wenn die Herbst- oder Frühlingsstürme darüber hinwegbrausen. Alles was zu groß wird, muss regelmäßig beschnitten werden.

Alles?

Ja vielleicht, wirklich alles! Am Ende nicht nur Pflanzen und Bäume.

Auch Träume und Wünsche, die zu groß werden, müssen regelmäßig zurückgestutzt werden. Sie produzieren sonst nur noch Enttäuschungen. Ansprüche, die wir stellen, müssen immer wieder aufs Normalmaß zurückgefahren werden, damit sie nicht am Ende eine ganze Gesellschaft zu Fall bringen - oder christliche Gemeinden zu Fall bringen: Wenn wir zu unterhalten versuchen, was wir uns nicht mehr leisten können, vielleicht noch nie leisten konnten, dann werden wir am Ende möglicherweise selbst das verlieren, was wir uns eigentlich leisten können. Wir müssen Ansprüche, die in den Himmel gewachsen sind, wieder zurückstutzen.

Und Politik muss ihre Luftschlösser hinter sich lassen, sich aufs Machbare konzentrieren, damit das auch wirklich gemacht und vernünftig gemacht wird.

Und Scheinwelten müssen zurechtgestutzt werden. Scheinwelten bringen nämlich lediglich Luftblasen hervor, die am Ende doch nur platzen. Das gilt auch, ja das gilt vor allem für kirchliche Scheinwelten. Wer nämlich vorab damit beschäftigt ist, den Schein zu wahren, der wird auf Dauer seine Glaubwürdigkeit verlieren.

Und in unserer Kirche gibt es manches Mal mehr Schein als Sein. Dass Kirchenvertreter, Priester und Ordensleute besonders gute Menschen wären, integrer als andere Menschen etwa, das gehört zu solchem Schein. Es ist nämlich nicht wahr. Und dass Päpste automatisch "Heilige" sind und Bischöfe nie lügen, das gehört zu den Illusionen, die zwar zum Himmel wachsen, aber viel zu kleine Wurzeln haben, als dass sie nicht beim ersten Sturm ganz schnell zusammenbrechen. Den Schein zurechtzustutzen auf das Sein das tut not, das tut mehr als not, wenn man wirklich Bestand haben will.

Solche Schneidaktionen mögen ab und an weh tun, schmerzen, sie mögen am Ende Bäume entstehen lassen, die anders aussehen, als man es sich vorgestellt hat, und manchmal wird man vor dem Ergebnis stehen und dabei nur noch augenscheinlich tote Stummel vorfinden - so, wie ich sie den ganzen Winter vor Augen hatte.

Gestutzt, gestrichen ist sehr schnell. Sterben geht manchmal ganz rasch. Den Karfreitag lässt man häufig ganz schnell hinter sich. Der Karsamstag, der Tod, der kann dauern. Auferstehung kann auf sich warten lassen.

Ich habe in den letzten beiden Wochen fast täglich meinen Baum aufgesucht und jede Veränderung beobachtet. Ich habe ganz sehnsüchtig auf das neue Leben gewartet.

Ja, er treibt wieder, ich kann erahnen, dass er zu neuem Leben erwacht. Es wird dauern, bis er wieder prachtvoll vor mir steht. Ich kann noch nicht von Auferstehung sprechen, von Osterjubel oder Halleluja.

Aber vielleicht ist das ja auch ein Stück unserer Wirklichkeit. Bis sich bei den Jüngern Jesu die Überzeugung durchgesetzt hatte, dass nichts zu Ende war, dass es weitergeht und dass es notwendig war, den Karfreitag durchzustehen um zu neuer Hoffnung zu gelangen, bis sich diese Überzeugung Bahn brach, das hat nicht minder gedauert.

Am Ostertag selbst hielt sich der Jubel noch sehr in Grenzen, aber es fing an. Sie begannen es zu begreifen, langsam, aber unaufhörlich. Der Tod hatte nicht gesiegt, der Tod hatte nicht das letzte Wort, das Leben bricht sich neue Bahn. Auch wenn das dauern kann, auch wenn es manchmal quälend langsam geht, auch wenn man es zuerst gar nicht begreifen will. Das Leben bricht sich neue Bahn, weil Gott es so will und weil er es uns zugesagt hat.

Amen.

(gehalten am 4. April 2010 in der Antonius- und Peterskirche, Bruchsal)

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