Predigten in der Karwoche und Osteroktav

(Dr. Jörg Sieger)

      

Die Feier der Osternacht (Ex 14,15-15,1)

In jenen Tagen, als die Israeliten sahen, dass die Ägypten ihnen nachrückten, erschraken sie sehr und schrien zum Herrn. Da sprach der Herr zu Mose: Was schreist du zu mir? Sag den Israeliten, sie sollen aufbrechen. Und du heb deinen Stab hoch, streck deine Hand über das Meer, und spalte es, damit die Israeliten auf trockenem Boden in das Meer hineinziehen können. Ich aber will das Herz der Ägypter verhärten, damit sie hinter ihnen hineinziehen. So will ich am Pharao und an seiner ganzen Streitmacht, an seinen Streitwagen und Reitern meine Herrlichkeit erweisen. Die Ägypter sollen erkennen, dass ich der Herr bin, wenn ich am Pharao, an seinen Streitwagen und Reitern meine Herrlichkeit erweise. Der Engel Gottes, der den Zug der Israeliten anführte, erhob sich und ging an das Ende des Zuges, und die Wolkensäule vor ihnen erhob sich und trat an das Ende. Sie kam zwischen das Lager der Ägypter und das Lager der Israeliten. Die Wolke war da und Finsternis, und Blitze erhellten die Nacht. So kamen sie die ganze Nacht einander nicht näher. Mose streckte seine Hand über das Meer aus, und der Herr trieb die ganze Nacht das Meer durch einen starken Ostwind fort. Er ließ das Meer austrocknen, und das Wasser spaltete sich. Die Israeliten zogen auf trockenem Boden ins Meer hinein, während rechts und links von ihnen das Wasser wie eine Mauer stand. Die Ägypter setzten ihnen nach; alle Pferde des Pharao, seine Streitwagen und Reiter zogen hinter ihnen ins Meer hinein. Um die Zeit der Morgenwache blickte der Herr aus der Feuer- und Wolkensäule auf das Lager der Ägypter und brachte es in Verwirrung. Er hemmte die Räder an ihren Wagen und ließ sie nur schwer vorankommen. Da sagte der Ägypter: Ich muss vor Israel fliehen; denn Jahwe kämpft auf ihrer Seite gegen Ägypten. Darauf sprach der Herr zu Mose: Streck deine Hand über das Meer, damit das Wasser zurückflutet und den Ägypter, seine Wagen und Reiter zudeckt. Mose streckte seine Hand über das Meer, und gegen Morgen flutete das Meer an seinen alten Platz zurück, während die Ägypter auf der Flucht ihm entgegenliefen. So trieb der Herr die Ägypter mitten ins Meer. Das Wasser kehrte zurück und bedeckte Wagen und Reiter, die ganze Streitmacht des Pharao, die den Israeliten ins Meer nachgezogen war. Nicht ein einziger von ihnen blieb übrig. Die Israeliten aber waren auf trockenem Boden mitten durch das Meer gezogen, während rechts und links von ihnen das Wasser wie eine Mauer stand. So rettete der Herr an jenem Tag Israel aus der Hand der Ägypter. Israel sah die Ägypter tot am Strand liegen. Als Israel sah, dass der Herr mit mächtiger Hand an den Ägyptern gehandelt hatte, fürchtete das Volk den Herrn. Sie glaubten an den Herrn und an Mose, seinen Knecht. Damals sang Mose mit den Israeliten dem Herrn dieses Lied; sie sagten: Ich singe dem Herrn ein Lied, denn er ist hoch und erhaben. Rosse und Wagen warf er ins Meer. (Ex 14,15-15,1)

Ich war kürzlich in Ägypten. Und soll ich Ihnen 'was verraten? Ich wollte da gar nicht mehr weg. Nach einem Auszug aus Ägypten hab' ich mich keineswegs gesehnt.

Das ist eben der Unterschied: Wenn man in guten Hotels mit tollem Service und großem Pool untergebracht ist, dann ist das etwas ganz anderes als wenn man in sengender Sonne Lehmziegel backen soll, um die Pylone der Pharaonen zu bauen.

Dass Israel den Aufbruch aus Ägypten als Befreiung erlebt hat, das ist keine Frage. Für mich hingegen war es wieder einmal ein recht schmerzlicher Abschied. Es war das Ende eines schönen, wenn auch kurzen Urlaubes mit Sonne und Kultur und Luxus pur.

Liebe Schwestern und Brüder,

so unterschiedlich kann ein und dasselbe Ereignis erlebt werden. Aufbruch aus Ägypten, einmal als schmerzhaftes Ende eines Urlaubes, auf der anderen Seite die Erlösung aus dem Sklavenhaus und der Aufbruch ins gelobte Land.

Ein und dasselbe Ereignis - ganz unterschiedliche Empfindungen. So wie ein und dieselbe Botschaft ganz unterschiedliche Gefühle hervorrufen kann. Die Osterbotschaft, die Verheißung von der himmlischen Herrlichkeit, die Botschaft, dass auch wir sterben und auferstehen werden - sie ruft ja ganz unterschiedliche Empfindungen hervor.

Freudig besungen haben die Sklaven in Amerika in ihren Spirituals sogar die Leichenwagen, die unterwegs waren, um sie abzuholen - von "Sweet Chariots" haben sie gesungen. Freudig begrüßt haben sie den Tod, der für sie nur Erlösung war, Erlösung aus einem Leben von dem sie nichts mehr erwarteten, weil es ein einziges Jammertal darstellte. Die Botschaft von der himmlischen Wirklichkeit, die klang für sie wie das Sprechen vom gelobten Land, in das Israel nach der Knechtschaft aufbrechen durfte.

Wenig Verlockung aber hat die Botschaft vom Himmel, in dem Gott eine Wohnung bereithält, für den, der nichts anderes als eigentlich hier bleiben möchte - der leben möchte auf dieser Welt, der sich in diesem Leben eigentlich ganz gut eingerichtet hat.

"Eine gute Nacht und ein seliges Ende", lautet ein alter Segenswunsch beim Nachtgebet der Kirche. Aber wer von uns sehnt sich schon nach dem seligen Ende. So bald muss das ja jetzt wirklich nicht sein. Und wenn ich ehrlich bin: Ich möchte den nächsten Sommerurlaub in Italien, auch nur ungern gleich gegen einen Platz im Himmel eintauschen.

Wir sind verliebt in das Leben. Und zwar in dieses Leben, in das Leben, so wie es uns jeden Tag aufs Neue hier begegnet.

Eigentlich hat Ostern für uns gar nicht so viel zu bieten, eigentlich hat die Botschaft davon, dass wir hier weg sollen, durch den Tod hindurch in ein neues Leben gelangen sollen, für die meisten von uns gar keinen so verheißungsvollen Klang.

Und vermutlich hat Jesus ganz schön recht damit, dass sich Kamele mit Nadelöhren sehr viel leichter tun als wir mit der Botschaft vom Reich Gottes.

Es geht uns halt zu gut - sagen da manche. Und sie sprechen davon, dass es nur wieder schlechter gehen müsse, und wir wüssten Gottes Botschaft wieder recht zu schätzen. Aber da möchte ich ganz vehement widersprechen. Nein, es muss uns nicht erst wieder dreckig gehen. Was wäre das denn für ein Glaube, der nur für schlechte Zeiten taugen würde.

Es müssen keine Katastrophen und keine Notzeiten kommen, damit wir die großartige und grandiose Verheißung des Ostertages wieder schätzen lernen. Wir müssen nur unseren Verstand gebrauchen, wir müssen nur überlegt und sehr bewusst ans Leben herangehen.

Wer im Jammertal sitzt, wer nichts zu beißen hat, wer sich mit Hartz IV herumschlagen muss, für den ist es um ein Vielfaches leichter, dass Gott das Geschrei seiner Entrechteten hört und das Flehen erhört als Frohbotschaft zu entdecken.

Alle anderen aber müssen sich wohl sehr bewusst und immer wieder vor Augen führen, wie sehr wir diesen Gott brauchen - gerade im Glück und im Wohlstand.

Gesundheit ist kein Automatismus. Sie ist ein Geschenk, für das man nie genug danken kann. Und sie ist nie von Dauer. Es gibt Krankheit und es wird sie geben.

Wohlstand ist nicht unser Verdienst. Und erst recht nicht Lohn unserer Hände Arbeit. Wer von uns hat es gewirkt, dass er auf der Sonnenseite des Lebens geboren wurde? Wer von uns hat sich die Talente und Anlagen, die ihm geschenkt worden sind, wirklich erarbeitet?

Verschwindend klein ist der Teil, den wir selbst in der Hand haben. Er ist notwendig und wir dürfen auch stolz auf das sein, was wir geleistet haben. Aber es enthebt uns nie der Pflicht und Schuldigkeit, demjenigen, der die Rahmenbedingungen dafür geschaffen hat, zu danken.

Und vor allem dürfen wir nie aus dem Blick verlieren, dass wir alles, was wir geschenkt bekamen, nie nur für uns, dass wir es immer auf dem Hintergrund der Solidarität mit all den anderen Menschen erhielten, mit denen wir gemeinsam Gottes große Familie bilden.

Und nichts von all unserem Wohlstand ist wirklich von Dauer - kein Konto, kein Gebäude und erst recht keine Geräte, Anlagen und Maschinen.

Den Schein vom Sein zu unterscheiden, das ist bleibende Aufgabe, damit wir nicht blind werden für die Dinge, die wirklich Bedeutung haben, damit wir uns nicht flüchten in scheinbare Annehmlichkeiten, die aber letztlich nicht tragen.

Das, was wirklich trägt, das, was unser Leben wirklich lebenswert macht, das, wonach wir uns sehnen und was uns erfüllt, ist etwas ganz anderes als der vordergründige Luxus und alle Annehmlichkeiten der Welt.

Kein Wohlstand der Welt kann den Menschen an unserer Seite ersetzen, kein Luxus den Blick in die Augen eines Kindes aufwiegen und keine noch so große Annehmlichkeit kann darüber hinwegtäuschen, wie sehr wir uns nach Menschen sehnen, denen wir und die uns wichtig sind.

Alles ist vergänglich - mit Ausnahme der Menschlichkeit, der Beziehungen und der Liebe.

Das sagt Ostern. Das ist die Osterbotschaft für alle, die sich in das Leben verliebt haben.

Ja, Ostern spricht vom Sterben, von der Vergänglichkeit, und es mahnt uns auf Schritt und Tritt, nicht beim Vergänglichen zu bleiben. Aber Ostern spricht noch weit mehr vom Leben, von dem Leben - von einem Leben, das wir lieben.

Dieses Leben werden wir nicht verlieren. Denn all das, was unser Leben lebenswert macht, die Menschlichkeit, die Beziehungen und das Band, das uns mit all den Menschen, die uns wichtig sind, verbindet, das hält sich durch.

Ostern ist das Fest all dessen, was bleibt: das Fest des Lebens - einem Leben, das sich Bahn bricht und zwar für alle und auf ewig.

Amen.

(gehalten am 27. März 2005 in der Peters- und Antoniuskirche, Bruchsal)

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