Predigten in der Karwoche und Osteroktav

(Dr. Jörg Sieger)

      

Die Feier der Osternacht

 

Filme gibt es, die schaut man sich immer wieder an. "Titanic" zum Beispiel - meine Schwester hat ihn vier oder fünf Mal gesehen.

Das können Viele nicht verstehen: Einen Film mehrfach anzuschauen, ist doch langweilig. Wenn ich ihn einmal gesehen habe, weiß ich, wie er ausgeht, dann ist die ganze Spannung dahin.

Gut, man kann dann noch über die Spezialeffekte begeistert sein, sich an den schönen Landschaftsbildern erfreuen und vielleicht entdeckt man sogar das eine oder andere zuvor übersehene Detail - die Spannung aber, das Mitfiebern, ob es gut ausgeht oder nicht, ob der Held die Heldin am Ende bekommt oder gar in ihren Armen stirbt - nach dem ersten Anschauen ist diese Spannung dahin.

Und für die meisten verliert ein Film dann seinen ganzen Reiz. Wenn man ihn einmal gesehen hat - beim zweiten Mal ist er einfach nur noch langweilig.

Liebe Schwestern und Brüder,

manchmal kommt es mir vor, als hätte Ostern etwas von einem Film - und zwar von einem, den man schon zig Mal gesehen hat. So wie in der Karwoche eben all die alten Historienschinken als Wiederholung im Fernsehen präsentiert werden, genauso gibt's in der Kirche am Karfreitag die Passion und die Auferstehungsfeier in der Osternacht - ein Historienschinken eben, eine ewige Wiederholung.

Kann man es Menschen verdenken, dass sie das mittlerweile langweilig finden, dass sie sich die dauernden Wiederholungen einfach nicht mehr antun?

Die Kreuzigung am Karfreitag hat ihren Gruseleffekt verloren. Man weiß schließlich, wie es ausgeht. Wer soll noch betroffen sein, wenn man doch genau weiß, dass drei Tage danach alles wieder ungeschehen gemacht wird, die Geschichte wie ein kitschiger Hollywood-Film mit Happy End schließt.

Muss man sich das jedes Jahr antun?

Ich weiß nicht - warum tun Sie es sich an?

Sie müssen ja einen Grund haben, weshalb Sie jedes Jahr hier sind, weshalb es Ihnen offenbar wichtig ist.

Und sagen Sie jetzt nicht, es sei doch klar, warum wir es tun, da müsse man doch gar nicht lange überlegen. Wie wenig klar das manchmal ist, wie wenig wirklich überzeugende Argumente wir manchmal haben, das wird meist schon dann deutlich wenn man versucht den eigenen Kindern zu erklären, warum sie denn dieses Jahr mitgehen sollten, warum es wichtig wäre, Ostern zu feiern. Wenn wir's erklären sollen, dann tun wir uns nicht selten ganz schön schwer damit.

Wir gehen hin, wir machen es, so, wie man sich die x-te Wiederholung eines Klassikers eben immer wieder anschaut - ohne eigentlich recht zu wissen, warum man es wirklich tut.

Manche Filme sind halt zu Kultfilmen geworden. Und für viele ist Ostern etwas ganz Ähnliches: Ein Kult eben, ein Ritus, der ungefragt in jedem Jahr dazu gehört. An Weihnachten geht man zur Christmette, an Silvester schaut man den "90sten Geburtstag" und an Ostern gehört eben die Auferstehungsfeier dazu. Kult, ein Ritus eben, so macht man's halt. Und andere machen es dann eben anders oder dann halt gar nicht.

Und das soll wirklich alles sein?

Wenn Ostern lediglich eine Inszenierung ist, die jedes Jahr aufs Neue abläuft, wenn Ostern nichts anderes ist, als die Erinnerung an eine Geschichte, die sich vor 2000 Jahren zugetragen hat - eine große, eine gewaltige, eine weltbewegende Geschichte zwar, aber nichts anderes als eine Geschichte eben -, dann wird das wohl auch alles gewesen sein. Dann wird man Ostern vielleicht noch aus Tradition und Gewohnheit beibehalten, man wird vielleicht sogar akademisch über Details und Inhalte fachsimpeln und diskutieren. Ergriffen und begeistert wird man aber kaum sein.

Und ich kann sehr gut verstehen, warum das, warum solch ein Ostern allmählich langweilig und nichtssagend wird.

Das aber ist nicht Ostern!

Ostern hat für mich sehr wenig mit Geschichte zu tun und auch kaum etwas mit Erinnerung. Ostern ist nicht etwas, was vor zweitausend Jahren stattgefunden hätte. Wir denken nur bedingt an Jesu Tod und seine Auferstehung.

Am Karfreitag geht's nicht zuerst um Jesus. Am Karfreitag geht es zuallererst um uns.

Es geht auch um Jesu Tod, zuallererst aber geht es um unser Sterben, darum, dass wir sterben werden - jeder Einzelne von uns.

Und da ist der Karfreitag dann alles andere als eine Wiederholung. Er ist allerhöchstens eine Probe für den Ernstfall. Und für manchen ist er vielleicht sogar schon die Generalprobe.

Hier läuft keineswegs jedes Jahr der gleiche Film, denn dieser Film kann noch gar nicht laufen. Er wird gerade erst produziert!

Und er ist erst recht kein Historienspektakel. Er handelt zuallererst von unserer Gegenwart und unserer Zukunft! Denn Ostern will uns deutlich machen, dass Gott uns in Händen hält, dass er zu uns steht, und dass er unser Leben trägt. Und das selbst durch den Tod hindurch!

Dass Jesus auf die Erde kam, Leiden und Tod auf sich nahm und am dritten Tage auferstand, hat einzig und allein den Grund, uns deutlich zu machen, wofür wir bestimmt sind: deutlich zu machen, dass Gott das Leben möchte und nicht den Tod. Und dass er unser Leben möchte!

Ostern ist das Fest der Vorfreude, Vorfreude auf unsere Auferstehung - der Freude darüber, dass wir nicht im Tod bleiben werden, sondern leben!

Denn genau das sagt uns das Osterfest: Keiner von uns bleibt im Tod, weil genau das Gott nämlich nicht will!

Was wir von Jesus hören, dass Gott ihn nämlich nicht im Tod gelassen hat, das gilt für uns. Es ist geradezu so etwas wie ein Drehbuch, ein Drehbuch unseres Lebens. Drehbuch für einen Film, der noch gar nicht abgedreht ist, der gerade jetzt, in diesem Augenblick, erst produziert wird.

Und wer das realisiert, der mag erahnen, wie spannend und ergreifend die Kar- und Ostertage in Wirklichkeit sind: Sie sind nicht zuerst Erinnerung. Sie sind eine gewaltige Herausforderung. Denn plötzlich spielen wir mit. Die Leinwand, das ist unser Leben. Und wir spielen mit!

Und Ostern zu feiern, heißt dann vor allem anderen, sich aufs Neue des Drehplans zu versichern, sich noch einmal vor Augen zu halten, dass - ganz egal in welcher Szene wir gerade stecken, ganz egal, ob bei uns gerade "Hosanna" oder "Kreuzige ihn" angesagt ist -, dass gemäß Drehbuch am Ende ein Happy End stehen soll.

Wie wir das genau hinbekommen werden, ist im Letzten noch nicht ausgemacht. Und ob wir die Rolle wirklich "Oscar"-reif meistern, das steht auch noch in den Sternen. Zuvor ist noch manches Getsemani zu überwinden und auch der Karfreitag steht noch aus. Für Spannung und großes Gefühl ist also allemal gesorgt.

Und es ist ein großer Stoff! Das Stück handelt davon, dass wiederum einer leben wird, obwohl er erst mal stirbt. Es wird ein großer Film werden, denn Gott selbst ist der Produzent und sein Geist führt die Regie. Die Hauptrolle aber, die Hauptrolle in diesem Stück, die spielen wir.

(gehalten am 31. März 2002 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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