Predigten in der Osterzeit - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

7. Sonntag der Osterzeit - Lesejahr A (Joh 17,1-11a)

In jener Zeit erhob Jesus seine Augen zum Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist da. Verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrlicht. Denn du hast ihm Macht über alle Menschen gegeben, damit er allen, die du ihm gegeben hast, ewiges Leben schenkt. Das ist das ewige Leben: dich, den einzigen wahren Gott, zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast. Ich habe dich auf der Erde verherrlicht und das Werk zu Ende geführt, das du mir aufgetragen hast. Vater, verherrliche du mich jetzt bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, bevor die Welt war. Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie gehörten dir, und du hast sie mir gegeben, und sie haben an deinem Wort festgehalten. Sie haben jetzt erkannt, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir ist. Denn die Worte, die du mir gegeben hast, gab ich ihnen, und sie haben sie angenommen. Sie haben wirklich erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie sind zu dem Glauben gekommen, dass du mich gesandt hast. Für sie bitte ich; nicht für die Welt bitte ich, sondern für alle, die du mir gegeben hast; denn sie gehören dir. Alles, was mein ist, ist dein, und was dein ist, ist mein; in ihnen bin ich verherrlicht. Ich bin nicht mehr in der Welt, aber sie sind in der Welt, und ich gehe zu dir. (Joh 17,1-11a)

Ein aktueller Anlass brachte eine Erzieherin dazu, in einem Kindergarten mit ihrer Gruppe über den Tod zu sprechen. Was bedeutet es, wenn ein Mensch stirbt? Und welche Rolle spielt Gott in diesem Zusammenhang? Auf ganz einfache Art hat sie versucht, mit den Kindern über diese Fragen zu reden.

Und während sie so miteinander sprachen, meldete sich plötzlich ein Vierjähriger und fragte ganz aufgeregt - und das ist jetzt tatsächlich authentisch - er fragte ganz wichtig: "Was tut denn Gott mit einem, wenn man tot ist? Isst er uns dann auf?"

Und als ob er jetzt erklären wollte wie er nun auf diese eigenartige Frage kommt, fügte er noch hinzu: "Wir essen die Hühner doch auch auf, wenn sie tot sind!"

Liebe Schwestern und Brüder,

tja, was macht Gott mit uns? Dieser Vierjährige konnte es sich offenbar nicht anders vorstellen. Das war das Einzige, was er bisher erlebt hatte: Wenn etwas tot war, dann war es höchstens noch zum Essen zu gebrauchen. So kannte er es, und deshalb konnte er es sich auch gar nicht anders denken. Wenn wir tot sind, dann isst Gott uns eben auf. Um eine andere Antwort geben zu können, fehlte ihm jede Vorstellung.

Und wie soll man es ihm auch verdenken. Als ob wir Erwachsenen uns mit diesen Fragen leichter täten. Was macht Gott mit uns, wenn wir tot sind? Dass Gott Menschen gleichsam verzehren würde, haben ja ganze Hochkulturen in der Geschichte der Menschheit jahrhundertelang geglaubt. Und sie haben den Göttern Menschen als Opfer dargebracht.

Und auch als sich die Menschen langsam von dieser Vorstellung gelöst hatten, ist die Furcht vor Gott kaum kleiner geworden. Dass er ein unbarmherziger Gott sei, der mit Opfern besänftigt werden müsse, hat sich im Denken der Menschen lange gehalten.

Es bedurfte unendlich vieler Erfahrungen, ja einer ausgesprochenen Geschichte mit diesem Gott, bis sich wirklich der Glaube durchgesetzt hat, dass Gott gut ist, ein Gott, der für uns da ist, der sich um uns sorgt wie ein Hirt um seine Herde, wie Eltern sich um ihre Kinder sorgen. Zig Generationen hat es gebraucht, bis Menschen Gott auf diese Art und Weise zu denken gelernt hatten, bis sich der Glaube durchgesetzt hat, dass Gott uns eben nicht auffrisst, wenn wir sterben, sondern uns trägt, dass er unser Leben durchträgt, selbst durch den Tod hindurch.

Erst als Menschen zu begreifen gelernt haben, dass Gott das Leben will, erst da brach sich in Israel schließlich die Überzeugung Bahn, dass Gott den Menschen auch im Tod nicht einfach fallen lässt. Dieser Glaube konnte erst wachsen, nachdem man diesen Gott als einen Gott für Welt und Mensch begreifen gelernt hatte.

Damit beginnt in Israel der Glaube an das Leben über den Tod hinaus: Er begann damit, dass man immer tiefer erkannte, wer dieser Gott für mich ist, und wie er ist, und dass er mein Leben will.

Und genau das - denke ich - genau das steht auch hinter jenem rätselhaften Satz aus dem heutigen Evangelium. Wenn das Johannesevangelium formuliert: "Das ist das ewige Leben: dich, den einzigen wahren Gott, zu erkennen." Dann meint das - denke ich - genau diesen Zusammenhang.

So nämlich fängt der Glaube an das Leben an: indem ich Gott erkenne; indem ich begreife, wie dieser Gott ist und was er für mich will. Wenn ich Gott kennen lerne, wenn ich ihn in meinem Leben wirklich entdecke, dann begreife ich nämlich, dass dieser Gott mein Leben hält. Und ich erahne dann auch immer mehr, dass er mich am Ende, nicht wie einen reifen Apfel etwa, einfach fallen lässt - geschweige denn, dass er mich auffrisst. Ich erahne, dass er mich durchträgt, auch durch den Tod hindurch.

Und das Evangelium geht sogar noch einen Schritt weiter: Es sagt, dass dieses "Gott Kennenlernen" nicht nur der Weg zu diesem Glauben ist, der Weg zum Glauben an das ewige Leben. Das Evangelium sagt: Gott zu kennen, das ist schon das Leben. Dich, den einzig wahren Gott zu erkennen, das ist das Leben. Denn wenn ich diesen Gott wirklich zu entdecken beginne, wenn ich auf ihn in meinem Leben tatsächlich stoße, dann hat mein Leben mit ihm bereits begonnen.

Damit fängt dieses Leben bereits an, damit, dass ich begreife, dass es von Gott ausgeht, dass er jeden Tag dieses Lebens in seiner Hand hält und dass er mein Leben durchhält, selbst durch den Tod hindurch. Dich, den einzig wahren Gott, zu erkennen, das ist bereits das ewige Leben. Denn Gott zu erkennen heißt zu begreifen, dass dieses Leben bereits begonnen hat. Ich bin eben kein Huhn für diesen Gott, das er irgendwann einmal verzehren wird, ich bin ein Geschöpf, sein Geschöpf, ein Geschöpf, das er bis zur Selbsthingabe liebt.

Die Geschichte, die wir Menschen mit diesem Gott haben, die Geschichte, die Gott in Jesus Christus neu eröffnet hat, sie macht das überdeutlich: Gott ist ein Gott für Mensch und Welt - und das zu begreifen, das ist bereits das Leben, ein ewiges Leben; das macht mir bewusst, dass ich schon lange in dieser Wirklichkeit, die Gott für mein Leben ist, lebe. Dich, den einzig wahren Gott, zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast, zu begreifen, was ich an dir habe, und mich in dir festzumachen, das ist es, das ist bereits das ganze Geheimnis des Lebens.

Amen.

(gehalten am 11./12. Mai 2002 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

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