Predigten in der Osterzeit - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

6. Sonntag der Osterzeit - Lesejahr A (Joh 14,15-21)

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten. Und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll. Es ist der Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt. Ihr aber kennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird. Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen, sondern ich komme wieder zu euch. Nur noch kurze Zeit, und die Welt sieht mich nicht mehr; ihr aber seht mich, weil ich lebe und weil auch ihr leben werdet. An jenem Tag werdet ihr erkennen: Ich bin in meinem Vater, ihr seid in mir, und ich bin in euch. Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt; wer mich aber liebt, wird von meinem Vater geliebt werden, und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren. (Joh 14,14-21)

... seine Gebote halten! Oh je, ein Ausdruck, den man nur zu hören braucht, um dann gleich ganz kräftig zusammenzuzucken.

Die Gebote halten! Bekommen wir sie überhaupt noch zusammen, all die Gebote, die es zu beachten gilt, um vor Gott einigermaßen ordentlich zu bestehen?

Liebe Schwestern und Brüder,

ich seh' uns schon dastehen und aufzählen: Tägliche Gebete nicht vergessen, sonn- und feiertags zur Kirche gehen, nicht naschen, die Fasttage halten, heilige Namen nicht verunehren...

Alles Gebote - Und es gibt so viele davon...

Als ob man diesem Katalog jemals gerecht werden könnte! Wer kann all die Gebote wirklich halten.

Aber nur, wer sein Gebot hat und es hält ist der, der ihn liebt. So können wir es heute lesen.

Und nur wer ihn liebt, wird von seinem Vater geliebt werden - so hat er selber gesagt.

Ergo: Wer die Gebote nicht hält, wird von Gott auch nicht geliebt. So steht es doch da. Denn wenn a = b und b = c, dann gilt logischerweise auch a = c. Wie soll man diese Aussagen denn auch anders lesen. Deutlicher kann man es schließlich nicht sagen.

Und das heißt: düstere Aussichten! Düstere Aussichten für jeden und jede von uns! Denn im Ergebnis hieße das ja: Im Gebote-Halten versagt und deshalb von Gott nicht geliebt. Und wenn dem so wäre, dann könnten wir gleich einpacken, nach Hause gehen und "Auf Wiedersehen in der Hölle". Das wäre die bittere Quintessenz des heutigen Evangeliums. Und ich bin mir durchaus bewusst, dass der eine oder die andere sie genau so zieht.

Aber es ist nicht so!

Zum einen stimmt die Schlussfolgerung schon nicht. So denkt nämlich nur der Abendländer. Diese Schlüsse, wenn a dann b und so weiter, das ist ganz typisch für das griechisch-abendländische Denken, ganz typisch für unsere Logik. Aber das ist eine Logik, die dem hebräisch-semitischen Denken völlig fremd ist. Und deshalb ist es eine Logik, mit der man bei biblischen Aussagen nur sehr bedingt weiter kommt.

Und zum anderen hat diese Vorstellung mit Jesus von Nazareth so was von wenig zu tun. Von wem haben wir uns denn dieses kleinkarierte Gebote-Aufzählen einreden lassen!

Jesus ist es ganz bestimmt nicht gewesen. Der hat doch nie irgendwelche Gebote aufgezählt. Ganz im Gegenteil. Wenn es notwendig war, hat er sie sogar links liegen lassen. Wie oft hat man ihm vorgeworfen, das Sabbatgebot gebrochen zu haben! Ja, als Fresser und Säufer haben sie ihn beschimpft, weil er mit seinen Jüngern nicht recht gefastet habe!

Und neue Gebote hat er erst recht keine erlassen. Ganz im Gegenteil. Er hat alles, was wichtig ist, in einem einzigen Satz zusammengefasst. Er hat alles, was entscheidend ist, auf den Nenner gebracht: "Liebt einander!" Gott lieben und den Nächsten wie sich selbst - das sei alles, was von Nöten ist.

Dieser Jesus erwartet doch kein Abarbeiten eines Gebotekataloges. Den Menschen hat er in den Mittelpunkt gestellt. Und nichts anderes erwartet er auch von uns.

Denn niemand von uns kann behaupten, dass ihm an Gott und Jesus Christus etwas liegt, wenn ihn der andere Mensch kalt lässt. Niemand kann sich Christ nennen, der diesen Christus nicht im Nächsten, im anderen Menschen sieht.

Und genau das versucht Jesus heute deutlich zu machen. Da könnte ich noch so oft zur Kirche laufen, da könnte ich noch so viele tägliche Gebete sprechen und alle Fast- und Festtage einhalten und feierlich begehen, wenn mein Hauptaugenmerk nicht darauf gerichtet ist, mit anderen gemeinsam das Leben so zu gestalten, dass es für möglichst viele lebenswert ist, dann gehe ich am Anspruch Jesu vollkommen vorbei. Denn das ist wichtig für ihn, die Menschlichkeit, nicht ein Gebotekatalog.

Die Vorstellung, als müsste ich mir die Liebe Gottes durch die Befolgung möglichst vieler Gebote erst verdienen, ist völlig daneben. Und sie wird dadurch nicht richtiger, dass die Worte des Evangeliums immer wieder in diese Richtung missverstanden werden.

Schauen wir auf das, was Jesus nie müde geworden ist zu betonen: dass Gott nämlich die Liebe ist, und dass seine Liebe nicht berechnend ist, nicht rechnend und auch nicht aufrechnend. Gott liebt mit einer Liebe, die man sich nicht verdienen kann, ja nicht einmal zu verdienen braucht. Denn seine Liebe ist mir schon lange geschenkt, und sie ist mir bedingungslos geschenkt. Ich kann und ich muss sie ganz einfach nur annehmen.

Aber weiterschenken, weiterschenken kann man diese Liebe. Und genau das und nichts anderes erwartet Jesus von uns.

Amen.

(gehalten am 26./27. April 2008 in den Kirchen der Pfarrei St. Peter, Bruchsal)

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