Predigten in der Osterzeit - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

5. Sonntag der Osterzeit - Lesejahr A (Apg 6,1-7)

In diesen Tagen, als die Zahl der Jünger zunahm, begehrten die Hellenisten gegen die Hebräer auf, weil ihre Witwen bei der täglichen Versorgung übersehen wurden. Da riefen die Zwölf die ganze Schar der Jünger zusammen und erklärten: Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und uns dem Dienst an den Tischen widmen. Brüder, wählt aus eurer Mitte sieben Männer von gutem Ruf und voll Geist und Weisheit; ihnen werden wir diese Aufgabe übertragen. Wir aber wollen beim Gebet und beim Dienst am Wort bleiben. Der Vorschlag fand den Beifall der ganzen Gemeinde, und sie wählten Stephanus, einen Mann, erfüllt vom Glauben und vom Heiligen Geist, ferner Philippus und Prochorus, Nikanor und Timon, Parmenas und Nikolaus, einen Proselyten aus Antiochia. Sie ließen sie vor die Apostel hintreten, und diese beteten und legten ihnen die Hände auf. Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger in Jerusalem wurde immer größer; auch eine große Anzahl von den Priestern nahm gehorsam den Glauben an. (Apg 6,1-7)

Liebe Schwestern und Brüder,

wie hieß es eben in der Lesung? "Auch eine große Anzahl von den Priestern nahm gehorsam den Glauben an"? Das stimmt! Das ist so richtig übersetzt.

Es waren jüdische Tempelpriester, die sich taufen ließen. Und das griechische Wort "hiereus" bedeutet auf Deutsch "Priester".

Eines aber ist eigenartig. Unser deutsches Wort "Priester" hat sich nämlich aus dem Griechischen entwickelt. Aber es leitet sich von einem ganz anderen griechischen Wort her, einem das auch im Neuen Testament immer wieder Verwendung findet: dem Wort "presbyteros" nämlich. Das klingt ja schon so ähnlich wie Priester.

Eigenartig ist nun, dass dieses griechische Wort, von dem sich unser Wort Priester ableitet, im Deutschen gar nicht "Priester" heißt.

Als Paulus in seinen Gemeinden Vorsteher einsetzte, hat er dafür nämlich ein Wort verwendet, das gar nicht "Priester" bedeutet - und zwar ganz bewusst. In den Gemeinden des Paulus nannte man die Vorsteher "presbyteroi", und das heißt: Älteste.

Und das hat seinen Grund - einen ganz wichtigen Grund sogar.

Um den aber zu verstehen, müssen wir in Gedanken ganz weit zurückgehen, in eine Zeit, die weit vor unserer Zeitrechnung liegt. Das war die Zeit, in der die Menschen daran glaubten, dass es viele Götter gäbe. Und sie glaubten, dass diese Götter eigentlich faul seien.

Genau deshalb hätten die Götter nämlich die Menschen erschaffen. Sie wollten jemanden, der sie bedient.

Wenn die Menschen opferten, waren die Götter zufrieden, wenn sie es nicht taten, dann bestraften sie dieselben eben mit allerlei Plagen und Not, bis die Opfer wieder in großer Zahl kamen.

So hatten es sich die Menschen vorgestellt.

Natürlich durften sich die Normalsterblichen den großen Göttern nicht so ohne weiteres nähern. Dazu brauchte es Mittelsleute, Menschen, die sich dem Heiligen, dem "hieros Theos", nähern konnten, die durch ihre eigene Reinheit oder irgendwelche anderen Vorzüge als Mittler zwischen Menschen und Göttern fungieren durften: die "hiereis", die Priester eben.

Und sie waren im Tempel angestellt, um den Göttern die Opfer der Menschen darzubringen.

So war das im Osten, so war das im Westen, in nahezu allen Kulturen völlig gleich. Und auch in Israel war es nicht viel anders.

Man wusste in Israel zwar, dass Gott der Eine ist. Und irgendwo hatte man auch abgespeichert, dass er von den Menschen nichts braucht, dass er nicht von den Opfern der Menschen lebt, sondern in seiner Größe alles übersteigt. Aber trotzdem meinte man, Gott mit den Opfern im Tempel gütig stimmen zu müssen.

Hier hat Jesus die Augen der Menschen geöffnet. Er hat uns daran erinnert, dass Gott weder Opfer braucht noch welche will. Barmherzigkeit will er, nicht Opfer! Dass wir zueinander finden und füreinander da sind, das ist für ihn der rechte Gottesdienst.

Und um es deutlich zu machen, wie es deutlicher nicht geht, hat er in seinem Kreuz und Leiden ein für alle Mal das Opfer dargebracht.

Es kann gar keine neuen Opfer mehr geben. All unser gottesdienstliches Feiern ist nur Vergegenwärtigung all dessen, was Jesus ein für alle Mal für uns getan hat.

Wenn es aber keine neuen Opfer mehr geben kann, dann braucht man auch niemanden, der diese Opfer darbringt. Und genau deshalb hat es in den christlichen Gemeinden - von Anfang an - nie Priester, nie "hiereis", gegeben.

Paulus setzte Älteste ein, "presbyteroi", Männer - und vermutlich auch Frauen -, die die Gemeinden leiteten, die die Menschen zusammenführten und der Feier der Eucharistie - dem Brechen des Brotes - vorstanden.

Priester im klassischen Sinne, Priester, die Gott Opfer darbringen und zwischen Gott und den Menschen erst vermitteln mussten, konnte es in den christlichen Gemeinden gar keine mehr geben. Das nämlich ist Evangelium: Es braucht keinen anderen Mittler zwischen Gott und den Menschen, als Jesus Christus selbst. Gott ist Mensch geworden, um in Jesus Christus den Weg zu den Herzen der Menschen zu bahnen. Einen anderen Mittler braucht es nicht, für niemanden.

Die christlichen Gemeinden hatten "presbyteroi", Älteste, keine "hiereis", keine Priester.

Und jetzt entwickelt sich aus dem griechischen Wort der deutsche Begriff - aus dem "presbyteros" wird das deutsche Wort "Priester" - Aber dieses Wort verändert im Laufe der Zeit seine Bedeutung offenbar so stark, dass die ursprüngliche Bedeutung des Wortes gar nicht mehr darauf passt, dass es am Ende zur Übersetzung eines ganz anderen Wortes, des Wortes "hiereus" geworden ist. Das deutsche Wort, das sich aus dem Begriff entwickelt hat, mit dem die ersten christlichen Gemeinden ihre Vorsteher bezeichneten, ist am Ende zum Wort für eine Sache geworden, für die es in den christlichen Gemeinden absolut keinen Platz mehr gab, für das Priestertum klassischer Prägung nämlich.

Und das ist kein Problem von Worten, das ist ein Problem des Priesterbildes in unseren Gemeinden.

Offenbar hat sich im Laufe der Zeit das, was die Menschen mit einem "presbyteros" verbanden, mit einem christlichen Priester, im Bewusstsein der Menschen so sehr verändert, dass diese Bezeichnung letztlich wieder genau auf den Typ von Priester passte, den das Neue Testament doch endgültig überwunden und abgelöst hatte.

Auch im Christentum begannen die Menschen nämlich im Priester wieder den Mittler zwischen ihnen und Gott zu sehen. Und sie verstanden die gemeinsame gottesdienstliche Feier, in der uns Gott seine Liebe immer wieder aufs Neue schenkt, als eine Dienstleistung Gott gegenüber, in der der Priester das Opfer darbrachte.

Nicht nur die Bedeutung des Wortes hatte sich verändert. Die Vorstellung vom Priester selbst stand und steht in der Gefahr, sich von den Wurzeln des Neuen Testamentes zu lösen.

Und das, obwohl Jesus Christus selbst immer wieder verdeutlicht hat, dass wir einen Mittler zwischen Gott und den Menschen gar nicht brauchen.

Wir brauchen ihn nicht, weil Christus selbst dieser Mittler ist. Und ich kann es nur immer wieder aufs Neue betonen. Sie brauchen niemanden, der zwischen Ihnen und Gott vermittelt.

Dazu sind die Priester des Neuen Bundes nicht da.

Die sind Gott nämlich nicht näher als all die anderen Menschen in der Gemeinde, die aufgrund von Taufe und Firmung in genau der gleichen Weise zu Gott gehören wie die Priester auch. Und Priester erreichen Gott auch nicht mehr als andere Menschen, sie haben nämlich keinen direkteren Draht zu ihm. Welchen direkteren Draht als Jesus Christus selbst sollte es denn geben? Und sie sind erst recht nicht heiliger als andere, denn dadurch, dass wir alle durch die Taufe zu Gott, dem Heiligen, gehören, dadurch sind alle heilig, ohne Ausnahme und ohne Unterschied.

Zum Dienst der Einheit und als Vorsteher der Eucharistie ruft Gott seine "presbyteroi" auch heute, dazu rüstet er sie im Sakrament der Weihe. Nicht aber als Mittler zwischen Gott und den Menschen.

Die braucht es nämlich nicht. Dieser Mittler ist Jesus Christus selbst.

Dies gilt es ganz deutlich herauszustreichen, damit wir nicht einer ganz großen Gefahr unterliegen. Damit wir nicht Gefahr laufen, hinter die großartige Botschaft zurückzurutschen, für die Jesus Christus das Kreuz auf sich genommen hat. Damit wir nicht in ein Denken und eine religiöse Praxis zurückfallen, die Jesus Christus als falsch entlarvt und überwunden hat.

Lassen Sie sich deshalb nicht irre machen - auch nicht von den eigenen, am Ende liebgewordenen Vorstellungen. Es gibt keinen anderen Mittler zwischen Gott und den Menschen als Jesus Christus selbst. Es gibt keinen und wir brauchen auch keinen, denn er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben.

Amen.

(gehalten am 23. April 2005 in der Antoniuskirche, Bruchsal)

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