Predigten in der Osterzeit - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

Christi Himmelfahrt - Lesejahr A (Mt 28,16-20)

In jener Zeit gingen die elf Jünger nach Galiläa auf den Berg, den Jesus ihnen genannt hatte. Und als sie Jesus sahen, fielen sie vor ihm nieder. Einige aber hatten Zweifel. Da trat Jesus auf sie zu und sagte zu ihnen: Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt. (Mt 28,16-20)

Ich hatte eigentlich gedacht, dass man die nicht haben dürfe. So haben wir das doch fast alle gelernt: Glaubensschwierigkeiten schon, aber Zweifel, Zweifel darf man nicht haben. Zweifel sind Sünde.

Liebe Schwestern und Brüder,

und dann steht ganz unverblümt im Matthäusevangelium, in dem Abschnitt, den wir gerade eben gehört haben: Einige von den Jüngern aber hatten Zweifel. Kann das denn sein? Zweifel? Und dann auch noch bei den Jüngern?

Natürlich kann das sein. Und natürlich ist das auch so. Selbstverständlich gab es Zweifel auch unter den Jüngern; so wie es keinen Menschen gibt, der nicht immer wieder von Zweifeln geplagt wird.

Wenn gesagt wurde, dass man nicht zweifeln dürfe, dann hat das eher etwas mit Sprachwissenschaft als mit göttlichen Geboten zu tun. Wenn ich etwas bezweifle, dann heißt das nämlich, streng genommen, dass ich nicht wirklich daran glaube. Wenn ich dran zweifle, dass es Gott gibt oder dass dieser Gott es gut mit mir meint, dann heißt das, genau genommen, dass ich Gott seine Güte nicht glauben kann. Nicht glauben zu können - sagten nun die Moraltheologen -, ist aber Unglaube. Und Unglaube ist Sünde. Ergo ist Zweifel gleich Unglaube gleich Sünde und deshalb darf man nicht zweifeln.

Aber das ist akademisch und hat mit dem Sprachempfinden der Menschen schlicht und ergreifend ganz wenig zu tun. Ob man nämlich jetzt von Zweifeln spricht oder von Schwierigkeiten zu glauben, was nach den Moraltheologen ja keine Sünde und deshalb auch möglich war, kommt doch im Empfinden der Menschen aufs Gleiche raus.

Und wegzudiskutieren, dass Menschen immer wieder vor Situationen stehen, in denen es uns einfach nur noch schwer fällt, an Gottes Güte zu glauben, das wegzudiskutieren wäre heuchlerisch, unredlich und einfach falsch.

Wie oft schließlich haben wir allen Grund, voller Zweifel und mit ungläubigen Augen vor unserem Leben zu stehen: Wenn uns Gott wieder einmal vor Situationen stellt, in denen wir ihn absolut nicht verstehen, wenn unser Leben eher einem Scherbenhaufen als einem Lebensplan gleicht. Wie oft wollte ich diesen Gott dann schon packen und schütteln und ihm die Frage stellen, was er sich eigentlich dabei denkt, wenn Menschen mitten aus dem Leben, aus ihren Familien, von ihren Kindern weggerissen wurden oder gar ein Kind tot vor mir lag. Da bleibt einem das Sprechen von Gottes Güte dann regelrecht im Hals stecken.

Solch ein Empfinden muss ich ernst nehmen, das kann ich nicht einfach als Sünde verbieten. Das kann ich und das will ich nicht wegdiskutieren. Und ich brauche es auch nicht. Auch die Jünger hatten nämlich ihre Zweifel und niemand kann mir erklären, nicht einmal der Papst kann mir erklären, dass er immer ohne Zweifel vor diesem Gott steht.

Die Bibel nimmt das ernst. Sie nimmt uns Menschen ernst. Und sie ermutigt uns auch dazu, offen mit diesen Situationen umzugehen. In der Bibel schreien Menschen ihr Unverständnis und ihre Not diesem Gott dann ins Gesicht. In der Bibel werfen sie ihm alles an den Kopf, was sie an Wut und Verzweiflung dann umtreibt.

Und die Bibel macht uns deutlich, dass genau das am Ende helfen kann.

Zu sagen: "Ich kann jetzt nicht beten" - was ja eigentlich nur meint: Ich kann jetzt keine wohlgesetzten Worte machen - führt zu nichts. Lassen Sie wohlgesetzte Worte ruhig weg. Schreien Sie Gott ruhig an, ringen Sie - nicht mit sich oder den Mitmenschen - ringen Sie mit diesem Gott. Lassen Sie ihn nicht aus seiner Verantwortung.

Denn schon dieses Schreien, schon dieses Ringen mit Gott ist letztlich Gebet. Und es lässt uns, trotz aller Not und Zweifel, mit ihm in Verbindung bleiben. Und wo die Verbindung besteht, dort kann er auch antworten, dort kann er sich verständlich machen - auch wenn das zugegebenermaßen manchmal dauert, manchmal sogar sehr lange dauert.

Ob es in jedem Fall hilft? Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht. Und manchmal zweifle ich sogar daran. Aber darauf hoffen, darauf hoffen will ich wirklich ganz fest.

Amen.

(gehalten am 29. Mai 2014 beim Institut Sancta Maria, Bruchsal)

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