Predigten in der Osterzeit - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

Christi Himmelfahrt - Lesejahr A (Mt 28,16-20)

In jener Zeit gingen die elf Jünger nach Galiläa auf den Berg, den Jesus ihnen genannt hatte. Und als sie Jesus sahen, fielen sie vor ihm nieder. Einige aber hatten Zweifel. Da trat Jesus auf sie zu und sagte zu ihnen: Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt. (Mt 28,16-20)

Kennen Sie den Hans, den im Schnookeloch? Den aus dem gleichnamigen Lied, das fast so etwas wie die Nationalhymne des Elsass geworden ist?

Ich kenn' ihn ganz gut oder, besser gesagt: Ich kenne die Elsässer, für die dieser Hans ja eigentlich steht. Einmal weil ich nur wenige Kilometer von der Grenze entfernt aufgewachsen bin und zum anderen weil meine Schwester im Elsass verheiratet ist.

Und das Schnookeloch, die Schnaken und Stechmücken, die lernen Sie kennen, wenn Sie dort wandern möchten. Insektenspray ist schon beinahe überlebensnotwendig, zumindest in bestimmten Regionen.

Solche Insektenschwärme kennen wir hier nicht. Aber den Hans, den kennen wir. Der sitzt nämlich nicht nur "im Schnookeloch", der weiß auch nicht, was er will! Und wenn es darum geht, dann sind die meisten von uns richtige Elsässer: denn "was er hett, des will er nit, und was er will, des hett er nit."

Liebe Schwestern und Brüder,

wie war das doch gleich? Wir leiden unter der Klimaerwärmung und die Temperaturen sind für unsere Breiten viel zu hoch geworden, aber der Frühling war uns bislang viel zu kalt?

Wir bauen Fabriken in China und freuen uns darüber, dass die jetzt unsere Autos kaufen. Aber unseren Sprit, den sollen sie dabei nicht verbrauchen!

Der Hans im Schnookeloch, der nicht weiß, was er wirklich will, gibt nicht nur die Nationalhymne des Elsass ab. Irgendwie steht er für unsere ganze Gesellschaft und auch für unsere Gemeinden!

Schauen wir doch genau hin: Da wollen wir, dass endlich wieder junge Leute unsere Gemeinden prägen - die Jugend muss doch endlich wieder her. Aber wehe, es überwiegen dann junge Menschen oder gar Kinder im Gottesdienst und bringen sich und vor allem die damit zusammenhängende Unruhe in denselben ein!

Und unsere Gemeinden sollen fit gemacht werden, fit für die Zukunft. Aber wenn wir dann die Strukturen verschlanken, damit wir nicht aufgefressen werden von einer immer mehr um sich greifenden Verwaltung, und die Kirchenräume den Anforderungen zukünftiger Gegebenheiten gemäß gestalten, dann heißt es gleich wieder, aber es war doch früher eigentlich alles so schön.

Und jetzt sagen Sie bitte nicht, das liegt halt nur daran, dass es sich hier überall um so viele Menschen handelt, die einfach nur schwer unter einen Hut zu bringen sind. Dort, wo es nur auf uns ankommt, auf uns ganz allein, wissen wir da tatsächlich so viel eher, was wir eigentlich möchten?

Stellen Sie sich nur einmal vor, wir hätten alle selbst entscheiden müssen, zu welchem Zeitpunkt und in welcher Epoche der Geschichte dieser Welt wir geboren werden wollten - wir hätten den Zeitpunkt unserer Geburt selbst festlegen können. Denken Sie wirklich, auch nur ein Einziger von uns wäre tatsächlich schon geboren? Wir würden doch immer noch dasitzen und uns nicht entscheiden können!

Und wenn wir festlegen müssten, wie unser morgiger Tag genau verlaufen sollte, meinen Sie nicht, die Katastrophen wären schon vorprogrammiert?

Und wenn wir auch noch wählen müssten, wann genau wir aus dem Leben zu scheiden hätten, wann es für uns Zeit wäre, wirklich zu gehen, ich denke jeder und jede von uns wäre mit dieser Entscheidung hoffnungslos überfordert. Und selbst wenn wir es an einem Tag genau wüssten, am nächsten sieht es doch schon wieder ganz anders aus.

Wie gut, dass uns in den wirklich entscheidenden Situationen jemand die Entscheidung abnimmt; wie gut, dass es jemanden gibt, der uns nicht nur bei der Hand nimmt, sondern meist auch in seiner Hand hält. Wie gut, dass es den gibt: Den, der uns häufig nicht nur die Entscheidung abnimmt, sondern es darüber hinaus dann auch noch gut mit uns meint.

Umso mehr müsste der Himmelfahrtstag eigentlich der grausigste Tag in der Geschichte der ganzen Christenheit sein. Denn die Jünger hatten genau den, der es gut mit uns meint und an unserer Seite steht, in diesem Jesus Christus schließlich erkannt. Nicht nur, dass man ihn gekreuzigt hatte. Jetzt, wo man zur Überzeugung gelangt war, dass er lebt, von den Toten auferstanden war, jetzt wollte er sie erneut verlassen. Und kann man es den Jüngern verdenken, dass das für sie gleichbedeutend war mit allein lassen, gleichbedeutend mit im Stich lassen!

Es gibt einen einzigen Satz im heutigen Evangelium, der den Himmelfahrtstag dennoch zum Festtag macht. Ohne ihn gäbe es heute keinen Grund, etwas zu feiern. Ohne ihn bliebe nur der schale Geschmack, am Ende doch allein zu sein.

Aber genau dieser Satz, der ist die Frohe Botschaft des Evangeliums schlechthin -, und zwar für die Jünger in Galiläa genauso wie für uns, für alle Menschen, die immer und überall jemanden benötigen, der sie an der Hand nimmt und durch diese Zeit geleitet; für unsere Gemeinden, die die Richtung suchen und sie alleine schwerlich finden werden; für unsere Welt, die ohne eine ordnende Hand am Ende keinen Bestand haben kann.

Es ist der letzte Satz des heutigen Evangeliums, der letzte Satz des Matthäus-Evangeliums überhaupt. Mit ihm ruft Jesus seinen Jüngern zu, dass sie nicht alleingelassen sind. Mit ihm sagt er dem Hans, der sich nicht entscheiden kann, dass er ihm zur Seite steht. Und mit diesem Satz nimmt er auch uns unsere Unsicherheit, die Furcht vor der falschen Entscheidung und einer unbekannten Zukunft.

Denn er sagt - und darauf dürfen wir ihn immer und überall festlegen -, er verspricht uns hoch und heilig: Ich bin bei Euch alle Tage, bis ans Ende der Welt.

Amen.

(gehalten am 1. Mai 2008 beim Sancta Maria, Bruchsal)

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