Predigten in der Osterzeit - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

Christi Himmelfahrt - Lesejahr A (Apg 1,1-11 und Mt 28,16-20)

Im ersten Buch, lieber Theophilus, habe ich über alles berichtet, was Jesus getan und gelehrt hat, bis zu dem Tag, an dem er in den Himmel aufgenommen wurde. Vorher hat er durch den Heiligen Geist den Aposteln, die er sich erwählt hatte, Anweisungen gegeben. Ihnen hat er nach seinem Leiden durch viele Beweise gezeigt, dass er lebt; vierzig Tage hindurch ist er ihnen erschienen und hat vom Reich Gottes gesprochen. Beim gemeinsamen Mahl gebot er ihnen: Geht nicht weg von Jerusalem, sondern wartet auf die Verheißung des Vaters, die ihr von mir vernommen habt. Johannes hat mit Wasser getauft, ihr aber werdet schon in wenigen Tagen mit dem Heiligen Geist getauft. Als sie nun beisammen waren, fragten sie ihn: Herr, stellst du in dieser Zeit das Reich für Israel wieder her? Er sagte zu ihnen: Euch steht es nicht zu, Zeiten und Fristen zu erfahren, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat. Aber ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch herabkommen wird; und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde. Als er das gesagt hatte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken. Während sie unverwandt ihm nach zum Himmel emporschauten, standen plötzlich zwei Männer in weißen Gewändern bei ihnen und sagten: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor? Dieser Jesus, der von euch ging und in den Himmel aufgenommen wurde, wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn habt zum Himmel hingehen sehen. (Apg 1,1-11)

In jener Zeit gingen die elf Jünger nach Galiläa auf den Berg, den Jesus ihnen genannt hatte. Und als sie Jesus sahen, fielen sie vor ihm nieder. Einige aber hatten Zweifel. Da trat Jesus auf sie zu und sagte zu ihnen: Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt. (Mt 28,16-20)

Da standen sie nun, die Männer aus Galiläa und blickten voll Trauer, voll Wehmut und vor allem voller Unverständnis zum Himmel. Und ich kann das gut nachvollziehen, denn ich wäre nicht nur damals genauso dagestanden, im Grunde genommen stehe ich heute noch kein bisschen anders da als diese Jünger aus Galiläa und starre hinauf.

Liebe Schwestern und Brüder,

ich habe es bemerkt, als ich in den vergangenen Tagen über dem Himmelfahrtstag gebrütet habe. Ich habe zwar nicht zum Himmel gestarrt, aber alle Gedanken kreisten um ihn. Ich saß da, und zerbrach mir den Kopf darüber, wie ich mir das vorzustellen habe, das mit dem Himmel, wo und wie das jetzt genau sei, wann und - vor allem - wie Christus dorthin gelangt ist. Ich saß da und blickte - zumindest in Gedanken - genauso wie diese Jünger damals immer wieder hinauf.

Und je länger ich dasaß, desto weniger begriff ich und desto weniger konnte ich mir vorstellen. Und je weniger ich mir erklären konnte, desto weiter weg rückte dieser Christus, desto ferner war er mir plötzlich und desto trauriger blieb ich zurück.

"Was starrt ihr zum Himmel?" fragten die Engel, "Ihr Männer von Galiläa, warum schaut ihr hinauf?"

Vielleicht ist das ja die wichtigste Frage, die es an diesem Tag zu stellen gilt: All unser großartiges Nachdenken, unser Brüten über die Frage, wie Gott ist, unser Diskutieren und Reden über Gott, all unsere Formeln und Versuche, Gott in ein Regelwerk zu pressen, all unser Starren zum Himmel, all das macht uns Gott eigentlich immer nur ferner, hebt ihn in unbegreifliche Weiten hinweg, lässt uns ganz klein und vor allem ganz allein, traurig und abseits zurück.

"Was starrt ihr zum Himmel?" fragen die Engel, "Ihr Männer von Galiläa, warum schaut ihr hinauf?"

Warum schauen wir dorthin, wo doch nichts zu sehen ist, wo nichts zu verstehen ist und niemand etwas begreifen kann. Schluss damit! Schluss mit all dem Fragen, vertraut darauf: Dieser Jesus wird wiederkommen. Oder noch besser: Er ist doch gar nicht weg, er ist bei Euch alle Tage, bis zum Ende der Welt. Schaut nicht hinauf, versucht nicht erst alles zu begreifen und schon gar nicht zu verstehen.

Auf, brecht einfach auf, sucht ihn dort, wo er sich finden lässt, sucht ihn dort, wo er sich greifen lässt, sucht ihn in Eurem Alltag am Werk, sucht ihn in den Menschen, die euch etwas bedeuten, sucht ihn nicht mit dem Verstand, fühlt ihn, spürt ihn in Euren Herzen.

Und dann packt an und nutzt die Zeit und gestaltet die Welt gemeinsam mit ihm und in seinem Sinn. Damit auch alle anderen, all die, die noch dastehen und nichts sehen, damit alle ihn erleben in einer Welt, die seinen Geist atmet, die seinen Spuren folgt, und die mit jedem Atemzug verkündet, dass er lebt und dass er bei uns ist, immer und überall, bis zum Ende der Welt.

Amen.

(gehalten am 13. Mai 1999 in der Peterskirche, Bruchsal)

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