Predigten im Jahreskreis - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

Dreifaltigkeitssonntag - Lesejahr A (Joh 3,16-18)

Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird. Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er an den Namen des einzigen Sohnes Gottes nicht geglaubt hat. (Joh 3,16-18)

Liebe Schwestern und Brüder,

das was Sie gerade eben gehört haben, das ist für mich so etwas von großartig: Jesus selbst räumt mit dem uralten Bild vom "strengen Richter aller Sünden, der uns doch so schrecklich droht..." - wie es in einem alten Lied heißt - gründlich auf. Er ist nicht in die Welt gesandt, um die Welt zu richten. Er ist nicht gesandt um abzuurteilen. Er will retten - nicht vernichten. Er will das Leben - nicht den Tod. Und er will deshalb auch den Himmel - und nicht die Hölle. Das ist eine großartige Aussage. Das ist wirklich Evangelium, frohmachende Botschaft: Gott hat seinen Sohn in die Welt gesandt, als Erlöser und Retter, nicht als vernichtender Richter.

Schluss damit! Auch wenn wir immer noch vom "Angesicht" singen, "vor dem sonst alle Welt erzittert im Gericht", auch wenn es noch so viele Generationen von Predigern und Theologen nicht wahrhaben wollten, Gott selbst erteilt von Anfang an der Panikmache mit dem Gericht eine Abfuhr. Sein Sohn ist in die Welt gesandt, nicht um zu richten, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird. Das ist die Botschaft des heutigen Evangeliums. Eine wirklich gute, eine frohmachende Botschaft.

Und trotzdem bin ich hin- und hergerissen. Sicher, Gott richtet nicht! Das ist das eine. Aber er hat es offenbar auch gar nicht notwendig zu richten, denn das tun ja - nach dem gleichen Evangelium - wir selber. Und das ist das andere. Denn wenn er sagt: "Wer nicht glaubt, der ist schon gerichtet", dann verschiebt das ja nur den Akzent.

Schön, er richtet mich nicht. Aber ich richte mich dann ja selbst! So großartig die Botschaft ist, dass ich vor Gott keine Angst haben muss, so befreiend das auf der einen Seite wirkt, so sehr beginne ich mich dann auf der anderen Seite vor mir selber zu fürchten. Denn was ist, wenn ich mich dann nicht an ihn halte, was, wenn ich die falsche Entscheidung treffe. "Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch." sagt Gott, "Wähle also das Leben!" Was aber, wenn ich es nicht tue?

Die Bibel macht mir klar, dass Gott nicht derjenige ist, der mit dem schwarzen Buch in der Hand hinter mir herläuft und all meine Verfehlungen notiert, um sie dann unbarmherzig zu ahnden, sie macht mir deutlich, dass er viel eher wie eine Mutter ist, die voller Sorgen mahnt, ja nicht auf die heiße Herdplatte zu fassen. Aber macht es für mich einen Unterschied, ob mich die Mutter straft oder ich nur selber blöd gewesen bin? Meine Hand ist dann gehörig verbrannt. Das Ergebnis ist das gleiche, ob wegen einer strafenden Mutter oder ohne sie.

Was habe ich gewonnen, wenn ich keinen strafenden Gott mehr zu fürchten habe, aber dafür vor gnadenlosen Konsequenzen zittern muss, die dann zwar nicht Gott verursacht hat, die ich mir aber in meiner Dummheit ganz einfach selber zuzuschreiben habe? Ob ich vor Gott erzittere oder vor einem unbarmherzigen Schicksal, das kommt am Ende auf das gleiche heraus.

Von daher bin ich hin- und hergerissen. Und ich bin gott-froh dass die Schrift trotz allem immer noch davon spricht, dass Gott der Richter bleibt. Er bleibt der Richter, und das heißt, dass er sich die Fäden nicht aus der Hand nehmen lässt, auch nicht von einem irgendwie gearteten Schicksal. Das Schicksal, von dem Gott spricht, die Konsequenzen, die er mir deutlich macht, das Unheil, auf das hin ich durchbreche, wenn ich mich nicht an ihn halte, das ist eben nicht wie eine Herdplatte, die einfach glüht und mich verbrennt, wenn ich unbedacht darauf fasse; es ist kein unweigerliches Schicksal, das weit weg von Gott sein vernichtendes Unwesen treibt.

Gott bleibt Richter. Das macht die Bibel immer wieder deutlich. Und auch das ist frohe Botschaft. Denn dann liegt auch das Unheil, die sogenannten Schicksalsschläge, die mich treffen, alles, was mir widerfahren kann, dann liegt all dies letztlich immer noch in Gottes Hand.

Es ist eben nicht wie bei einer Herdplatte, die die Mutter nicht mehr beeinflussen kann, die glüht, ob sie es will oder nicht, und die ihr Kind verbrennt, so dass sie selbst nur noch voller Entsetzen, Trauer und Ohnmacht nichts anderes mehr als zuschauen kann.

Viel eher ist all dies, wie bei der Flamme an einem Gasherd, eine Flamme, die heiß ist, an der man sich unvergleichlich verbrennen kann, die aber schlagartig erlischt, wenn man den Hahn zudreht, wenn Gott gerade noch einmal rechtzeitig die Hand ausstreckt, um das eigentlich Unausweichliche im letzten Augenblick noch einmal zu verhindern.

Gott allein bleibt der Richter, er behält die Fäden in der Hand. Wenn ich mich von ihm abwende, vor dem Licht in die Finsternis weiche, dann ist es nicht er, der mein Leben dunkel macht. Das habe ich mir dann schon selber zuzuschreiben. Aber er behält die Fäden in der Hand. Selbst wenn ich falle, falle ich nicht in ein unbarmherziges Schicksal hinein, selbst wenn ich falle, falle ich auf ihn.

"Würde ich sagen: 'Finsternis soll mich bedecken, statt Licht soll Nacht mich umgeben', auch die Finsternis wäre für dich nicht finster." So sagt dies der 139. Psalm.

Und wenn dem so ist, dann kann ich wirklich befreit und frohen Mutes meinen Weg gehen - selbst auf die Gefahr hin, dass ich einmal stolpere, ja selbst auf die Gefahr hin, dass ich falle. Ich habe dann nämlich nicht irgendwelche unausweichlichen Konsequenzen zu tragen, ich falle nicht in die Hände eines unabänderlichen Schicksals. Ich falle trotz allem und egal wo, immer in Gottes Hand. Und Gott liegt etwas an mir, dem Schicksal nicht. Ein unpersönliches Schicksal, das ist etwas Unbarmherziges, es wäre immer unausweichlich. Gott aber ist Person, er kann sich erbarmen - ein unpersönliches Schicksal nicht.

Amen.

(gehalten am 30. Mai 1999 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

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