Predigten im Jahreskreis - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

33. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr A (1 Thess 5,1-6)

Über Zeit und Stunde, Brüder, brauche ich euch nicht zu schreiben. Ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht. Während die Menschen sagen: Friede und Sicherheit!, kommt plötzlich Verderben über sie wie die Wehen über eine schwangere Frau, und es gibt kein Entrinnen. Ihr aber, Brüder, lebt nicht im Finstern, so dass euch der Tag nicht wie ein Dieb überraschen kann. Ihr alle seid Söhne des Lichts und Söhne des Tages. Wir gehören nicht der Nacht und nicht der Finsternis. Darum wollen wir nicht schlafen wie die anderen, sondern wach und nüchtern sein. (1 Thess 5,1-6)

Wie hat letzthin jemand gesagt: "Man kann das Leben nur im Suff oder im Halbschlaf durchstehen!"

Klar, das war jetzt keine wirkliche Lebensphilosophie. Das sind Sätze, die man halt so dahersagt, meist ohne viel zu überlegen. Manchmal aber verraten solche Sätze weit mehr als es auf den ersten Blick scheint.

Wie war das? Wie könne man das Leben nur durchstehen: nur im Suff oder im Halbschlaf?

Liebe Schwestern und Brüder,

da ist vielleicht mehr dran, als manche zugeben möchten - zumindest für sehr viele Menschen.

Im Suff - das heißt wie berauscht. Da wird gelebt, ohne einen klaren Gedanken zu fassen, einfach nach dem Motto "Genießet die Welt!". So wie es schon antiken Philosophen nachgesagt wird: "Lasst uns trinken und fröhlich sein, denn wer weiß, vielleicht sind wir morgen ja schon tot."

Alles was noch kommen mag, das wird dann ganz weit weggeschoben. Ich will es gar nicht erst wissen, ganz fest die Augen zu.

Und da sind wir dann schon beim Halbschlaf: Ja nicht genau hinsehen, die Aussichten könnten düster sein. Immer nach dem Motto: Augen zu und durch.

Nach diesen beiden Prinzipien leben eine Fülle von Menschen - und was sollen sie auch anderes tun!

Wenn die wirtschaftlichen und die gesellschaftlichen Signale auf Talfahrt stehen, wenn im Laufe der Jahre die Gesundheit am Nachlassen ist, wenn am Ende nur noch Krankheit und dann der Tod stehen, was bleibt einem auch anderes übrig, als die Augen vor all dem zu verschließen. Man würde sich ja die letzte Freude am Leben vermiesen.

Wer könnte denn auch noch einen Schritt vor das Haus setzen, wenn er immer gleich daran denken müsste, was ihm dabei wohl alles passieren kann. Wer könnte noch in ein Auto steigen, wenn er es jedes Mal im Bewusstsein tun müsste, dass er jemanden überfahren könnte - ein Kind etwa - oder selbst sein Ziel nicht lebend erreicht. Wer würde noch auf eine Leiter, ein Gerüst steigen, wenn er sich immer vor Augen halten würde, dass er im Krankenhaus wieder aufwachen oder gar zu Tode stürzen kann. Da kann man doch nur all die Gefahren ausblenden, die Augen davor verschließen und einfach so tun, als würde all dies mich unter keinen Umständen betreffen. Wie könnte man auch sonst nur einen einzigen Tag wirklich überstehen.

Augen zu und durch - nur im Suff oder Halbschlaf, nur so kann man das Leben durchstehen.

Nein, meint Paulus: Wach und nüchtern! Das ginge! Man könne es wach und nüchtern durchstehen. Zumindest wir könnten das!

Natürlich gibt es für uns genau die gleichen Bedrohungen wie für alle anderen Menschen auch. Natürlich verunglücken gläubige Menschen genauso oft wie ungläubige. Natürlich leiden in unseren Pflegeheimen Menschen, ganz unabhängig davon, ob sie glauben oder nicht glauben. Und natürlich werden Christen nicht minder Opfer von Gewalt und Verbrechen - Die letzten Tage haben uns allen gerade in Bruchsal dies wieder ganz deutlich vor Augen geführt. Und der Gedanke daran erschreckt uns nicht weniger als diejenigen, die keinen Glauben haben.

Aber wir wissen darum - zumindest sollten wir es uns immer wieder in Erinnerung rufen - dass Jesus Christus uns zugesagt hat, dass all dies nie und nimmer das letzte Wort behalten wird - nicht einmal der Tod.

Egal was auch geschieht, auch wenn es in keinster Weise das ist, was wir uns erwarten, nicht einmal das, was wir insgeheim erhoffen, selbst wenn es genau jenes wäre, wovor wir am meisten Angst hätten und am liebsten davonlaufen würden, Jesus Christus sagt uns, dass wir nie allein sein werden und dass er uns in seiner Hand auffängt, egal was geschieht.

Deshalb sind wir Söhne und Töchter des Lichts, sagt Paulus, Kinder des Tages, weil uns die Finsternis nie wirklich umfangen kann. Deshalb können wir wach und nüchtern auf die Zukunft zugehen, weil wir hinter all den Schreckgespenstern, die wir vor uns sehen, immer noch ein Licht erahnen dürfen.

Wir brauchen nichts zu verdrängen und die Augen nicht zu verschließen. Ganz im Gegenteil: Wir sollten es sogar so wenig wie möglich tun. Denn - wer weiß - vielleicht gelingt es uns dann ja, vielleicht sind wir, wenn wir wirklich wach und nüchtern auf all das zugehen, was auf uns zukommt, vielleicht sind wir dann ja auch in der Lage, die eine oder andere Klippe ganz souverän zu umschiffen, nicht jeder Katastrophe in ihre offenen Arme zu laufen, weil wir nämlich vorausschauend die eine oder andere Weiche rechtzeitig stellen können - weitaus rechtzeitiger auf jeden Fall als jemand, der meint, das Leben nur im Suff oder im Halbschlaf durchstehen zu können.

Amen.

(gehalten am 13. November 2005 in der Peterskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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