Predigten im Jahreskreis - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

29. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr A (Mt 22,15-21)

In jener Zeit kamen die Pharisäer zusammen und beschlossen, Jesus mit einer Frage eine Falle zu stellen. Sie veranlassten ihre Jünger, zusammen mit den Anhängern des Herodes zu ihm zu gehen und zu sagen: Meister, wir wissen, dass du immer die Wahrheit sagst und wirklich den Weg Gottes lehrst, ohne auf jemand Rücksicht zu nehmen; denn du siehst nicht auf die Person. Sag uns also: Ist es nach deiner Meinung erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen, oder nicht? Jesus aber erkannte ihre böse Absicht und sagte: Ihr Heuchler, warum stellt ihr mir eine Falle? Zeigt mir die Münze, mit der ihr eure Steuern bezahlt! Da hielten sie ihm einen Denar hin. Er fragte sie: Wessen Bild und Aufschrift ist das? Sie antworteten: Des Kaisers. Darauf sagte er zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört! (Mt 22,15-21)

Und was soll das jetzt heißen? Soll also der Staat sich aus allen kirchlichen Angelegenheiten heraushalten, also auch die Kirchensteuer abgeschafft, und Religionsunterricht von den staatlichen Schulen verbannt werden? Sollen die Kirchen aufhören, in den Staat hineinzuregieren und ihre Vorstellungen allen anderen aufzuzwingen, ihre Militärseelsorger selber bezahlen und sich die öffentliche Hand dementsprechend auch alleine um die Grundversorgung mit Kindergartenplätzen kümmern? Trennung von Kirche und Staat, so wie uns das in Frankreich schon seit Menschengedenken vorexerziert und bei uns schließlich auch immer häufiger gefordert wird? 

Saubere Trennung von weltlicher Macht und Religion, genau das scheint Jesus ja mit diesem geflügelten Wort im Letzten zu meinen.

"Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört."

So sieht es ja aus: Er gibt offenbar all denen auch noch recht, die die völlige Trennung von Kirche und Staat in unserer Gesellschaft so lautstark fordern: "Dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!"

Liebe Schwestern und Brüder,

ja, man kann es genauso verstehen. Aber schauen Sie bitte zweimal hin. Ich glaube, es sieht nämlich nur auf den ersten Blick so aus! Oder sagen wir besser: Es sieht nur dann so aus, wenn man einfach an Geld, an Finanzen, Strukturen und Institutionen denkt.

Wenn es nur um Finanzen geht, dann kann man sehr leicht ganz sauber trennen. Wo nur Institutionen, Strukturen und Prinzipien im Blick sind, da kann man fein säuberlich aufteilen, dort lassen sich Kirche und Staat ganz sauber auseinanderdividieren. Die Institution Staat und die Verwaltungseinheit Kirche, die lassen sich gut auseinanderhalten, denn reine Prinzipien und hehre Ideen, die sind leicht voneinander zu trennen.

Wo aber existieren reine Prinzipien?

Ist der Staat denn etwa nichts anderes als Struktur, Institution oder gar eine Idee? Vor zehn Jahren haben die Machthaber im anderen deutschen Staat schlagartig erkennen müssen, dass der Staat kein in Lüften schwebendes Prinzip ist, sondern dass Menschen diesen Staat ausmachen, Menschen, die damals angefangen haben, "Wir sind das Volk" zu rufen - etwas, was wir auch in der Kirche wieder ganz neu begreifen sollten.

Ich nehme zwar jedem unserer Bischöfe ohne Einschränkungen ab, dass er eine ungeheure Liebe zur Kirche hat. Bei manchen aber denke ich: So wie sie reden, haben sie schon beinahe vergessen, dass diese Kirche nicht ein reines Prinzip und keine über den Wolken beheimatete Idee ist, sondern dass diese Kirche, aus ganz konkreten Menschen besteht.Ideen und Prinzipien, Verwaltungseinheiten und Strukturen, die kann man vielleicht noch ganz gut auseinanderhalten, konkrete Menschen aber, die lassen sich nicht einfach verteilen.

Es sind lebendige Menschen aus Fleisch und Blut, die diese Kirche ausmachen, und die gleichen Menschen leben in diesem Staat und bilden seine Glieder. Was will ich da trennen?

Wenn Kirche mehr ist als ein Verein, in dem ich mich in meiner Freizeit halt ein wenig engagiere, wenn Kirche etwas mit mir, mit meinem Glauben, mit meiner Überzeugung zu tun hat, dann hat sie auch mit meinem Leben zu tun und dann prägt sie mein Leben auch, auch mein Leben in dieser ganz konkreten Gesellschaft, die wir Staat nennen.

Unsere Volksvertreter können schließlich ihre Glaubensüberzeugung nicht an der Garderobe abgeben, wenn sie in den Plenarsaal gehen. Und genauso wenig dürfen die Kirchen, die Kirchenleitungen und die Gemeinden vor Ort ihre Verantwortung für das Gemeinwesen, in dem wir leben, einfach außen vor lassen.

Wirkliche Trennung von Kirche und Staat, von Glaube und konkretem, alltäglichem Leben kann es jenseits von Verwaltung und institutionellen Größen eigentlich gar nicht geben. Und sie ist von Jesus auch nicht gewollt.

Auch der berühmte Satz vom "Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!" hat nichts damit zu tun, dass Christentum und Kirche sich aus der Politik und den Verstrickungen der Welt herauszuhalten hätten.

Gott zu geben, was Gott gehört, heißt nämlich gerade nicht, sich gleichsam auf eine geistliche Insel zurückzuziehen und dem im Verborgenen wohnenden Gott seine Opfer und Gebete zu weihen. Gott zu dienen heißt, dem Menschen zu dienen - und nicht nur ein paar Gläubigen, sondern allen, gerade denen, die es eben notwendig haben.

Gott will keine Insel der Seligen, er will eine menschlichere Welt und das für alle Menschen. Nur wer wirklich die Menschen im Blick hat und das Leben der Menschen fördert, nur der kann von sich sagen, dass er unserem Gott gibt, was diesem Gott gehört, jenem Gott nämlich, der von sich gesagt hat, dass wir genau das ihm getan haben, was wir einem seiner geringsten Brüder und Schwestern haben zukommen lassen.

Amen.

(gehalten am 17. Oktober 1999 in der Pauluskirche, Bruchsal)

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