Predigten im Jahreskreis - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

25. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr A (Mt 20,1-16a)

In jener Zeit erzählte Jesus seinen Jüngern das folgende Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der früh am Morgen sein Haus verließ, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben. Er einigte sich mit den Arbeitern auf einen Denar für den Tag und schickte sie in seinen Weinberg. Um die dritte Stunde ging er wieder auf den Markt und sah andere dastehen, die keine Arbeit hatten. Er sagte zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg! Ich werde euch geben, was recht ist. Und sie gingen. Um die sechste und um die neunte Stunde ging der Gutsherr wieder auf den Markt und machte es ebenso. Als er um die elfte Stunde noch einmal hinging, traf er wieder einige, die dort herumstanden. Er sagte zu ihnen: Was steht ihr hier den ganzen Tag untätig herum? Sie antworteten: Niemand hat uns angeworben. Da sagte er zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg! Als es nun Abend geworden war, sagte der Besitzer des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter, und zahl ihnen den Lohn aus, angefangen bei den letzten, bis hin zu den ersten. Da kamen die Männer, die er um die elfte Stunde angeworben hatte, und jeder erhielt einen Denar. Als dann die ersten an der Reihe waren, glaubten sie, mehr zu bekommen. Aber auch sie erhielten nur einen Denar. Da begannen sie, über den Gutsherrn zu murren und sagten: Diese letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleichgestellt; wir aber haben den ganzen Tag über die Last der Arbeit und der Hitze ertragen. Da erwiderte er einem von ihnen: Mein Freund, dir geschieht kein Unrecht. Hast du nicht einen Denar mit mir vereinbart? Nimm dein Geld und geh! Ich will dem letzten ebenso viel geben wie dir. Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder bist du neidisch, weil ich zu anderen gütig bin? So werden die Letzten die Ersten sein. (Mt 20,1-16a)

"Da begannen sie, über den Gutsherren zu murren." Das ist wohl noch gelinde ausgedrückt. Ich kann mir gut vorstellen, was da los war:

Eine Stunde gearbeitet und genau das Gleiche bekommen wie alle anderen - unmöglich! Das schlägt dem Fass den Boden aus und es spottet vor allem all unseren Gerechtigkeitsvorstellungen. Ich denke, jeder von uns hätte da, zumindest innerlich, ganz lautstark protestiert.

Und ich habe mich schon dabei ertappt, dass ich mir den Kopf darüber zerbrochen habe, wie ich Ihnen solch ein Vorgehen Jesu hier überhaupt erklären soll. Denn eigentlich verstehe ich es auch nicht. Wie kann Gott am Ende alle gleich behandeln - egal, ob sie jetzt den ganzen Tag geschuftet oder nur zum Aufräumen gekommen sind?

Wenn Gott so etwas macht, wenn jeder am Ende doch das Gleiche bekommt, dann muss ich mich ja ernsthaft fragen, warum ich mich überhaupt noch anstrengen soll. Eigentlich wäre ich ja schön blöd, wenn ich überhaupt noch etwas machen würde. Lege ich mich doch gleich auf die faule Haut und kassiere am Abend den gleichen Lohn wie alle anderen auch. -

Das kann doch nicht sein. Irgendeinen Haken muss die Geschichte doch haben.

Und sie hat auch einen! Schauen Sie genau hin: Es ist doch gar nicht wahr, dass am Ende alle das Gleiche bekommen haben.

Liebe Schwestern und Brüder,

auch wenn es im heutigen Evangelium auf den ersten Blick so ausschaut - es stimmt nicht! Nicht alle haben den gleichen Lohn bekommen. Den einen Denar am Abend, den haben nur diejenigen erhalten, die auf dem Marktplatz gewartet hatten.

Das vergisst man bei dieser Stelle immer wieder. Hier geht es schließlich nicht darum, dass einige Arbeiter den ganzen Tag geschuftet haben und andere sich die ganze Zeit auf die faule Haut gelegt hatten. Es geht in diesem Evangelium absolut nicht darum, dass die Faulen am Abend unverdientermaßen den gleichen Lohn einstreichen, wie die, die sich den ganzen Tag abrackern. Davon spricht Jesus an keiner Stelle.

Alle Arbeiter, die uns in diesem Gleichnis begegnen, wollen nämlich. Am Morgen waren alle ohne Ausnahme auf den Marktplatz gegangen, um Arbeit zu finden.

Aber manche fanden eben keine. Nur einige hatten das Glück, gleich berücksichtigt zu werden, manche warteten ewig. Sie quälten sich den ganzen Tag über mit der Frage, ob sie überhaupt etwas finden würden, ob überhaupt jemand von ihnen Notiz nehmen würde, ob sie wenigstens ein paar Stunden Arbeit fänden, um ihre Familien ernähren zu können.

Es geht heute nicht um Faule oder Fleißige, arbeiten wollten nämlich alle. Sie wollten - Und darauf kommt es Jesus offenbar an.

Es geht nicht um die Leistung, die sie dann tatsächlich erbracht hatten, denn dafür konnten die wenigsten etwas. Dass den einen der Herr ganz früh begegnete, sie beizeiten angesprochen und in Dienst genommen hat, dafür konnten sie nichts. Dafür konnten Sie genauso wenig, wie die, die die ganze Zeit gehofft, gewartet und nichts gefunden hatten.

Diejenigen, die gar nicht erst gekommen waren, die konnten vom Herrn des Weinbergs auch nichts erwarten. Aber wer sich aufgemacht hatte, wer auf den Marktplatz gegangen war, wer dem Herrn des Weinbergs begegnen wollte und bereit war, etwas zu tun, dem hat er seinen Lohn auch gegeben, denn der hatte eigentlich alles getan, was Menschen überhaupt tun können: Er war bereit, er hat gewollt, er hat den guten Willen mitgebracht - und auf den kommt es Jesus offenbar an.

Das ist eine gute Nachricht. Gute Nachricht für all die, die sich auch heute noch fragen, ob sie denn eigentlich genügend getan haben, die sich davor fürchten, am Ende vom Herrn gesagt zu bekommen: Hat leider nicht geklappt, war zu wenig, wie du dich eingesetzt hast.

Keine Angst! Das heutige Evangelium macht uns ganz deutlich, dass es so ganz sicher nicht sein wird. Wer sich aufmacht, wer Jesus folgen möchte, wer glauben will, der erhält seinen Lohn.

Das Maß dessen, das er dann zu tragen hat, das mag dann ganz unterschiedlich sein, das misst Gott jedem Einzelnen ganz eigen zu. Und das lässt sich dann auch nicht mehr vergleichen. Entscheidend ist am Ende allein, dass Menschen sich aufgemacht haben und diesem Herrn begegnen wollten, dass Menschen sagen: "Herr, ich bin da. Wenn es dich gibt, dann zeige dich mir. Hier bin ich, sende mich!"

Mehr können Menschen eigentlich gar nicht tun.

Aber seien Sie sicher: Wenn wir das tun, dann wird er uns aufsuchen, dann wird er uns begegnen, und er wird uns unsere Aufgabe auch zumessen. Jedem Einzelnen. Manchem ganz früh, schon von Anfang an, manchem erst später, gemessen an unserer Ungeduld vielleicht viel zu spät. Aber vergessen wird er keinen.

Und vor allem, er wird ganz sicher, das verspricht er uns im heutigen Evangelium, über alle, die ihm folgen wollen, am Ende sagen: "Zahl jedem den Lohn aus, angefangen bei den letzten, bis hin zu den ersten." Und er wird dem letzten ebenso viel geben wie jedem anderen auch.

Amen.

(gehalten am 21./22. September 2002 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

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