Predigten im Jahreskreis - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

24. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr A (Sir 27,30-28,7)

Groll und Zorn sind abscheulich, nur der Sünder hält daran fest. Wer sich rächt, an dem rächt sich der Herr; dessen Sünden behält er im Gedächtnis. Vergib deinem Nächsten das Unrecht, dann werden dir, wenn du betest, auch deine Sünden vergeben. Der Mensch verharrt im Zorn gegen den andern, vom Herrn aber sucht er Heilung zu erlangen? Mit seinesgleichen hat er kein Erbarmen, aber wegen seiner eigenen Sünden bittet er um Gnade? Obwohl er nur ein Wesen aus Fleisch ist, verharrt er im Groll, wer wird da seine Sünden vergeben? Denk an das Ende, lass ab von der Feindschaft, denk an Untergang und Tod, und bleib den Geboten treu! Denk an die Gebote, und grolle dem Nächsten nicht, denk an den Bund des Höchsten, und verzeih die Schuld! (Sir 27,30-28,7)

Es war ganz am Anfang meines Studiums, da hatte das Seminar zu einer Matinee den tschechischen Schachgroßmeister Ludek Pachmann eingeladen.

War faszinierend, wie er erzählte. Nicht so sehr von seiner Karriere als begnadeter Schachspieler, sondern vor allem von seinen politischen Aktivitäten: zunächst als überzeugter Marxist und dann - wie ausgewechselt - zum christlichen Glauben bekehrt als absoluter Gegner des Regimes, der für seine Überzeugung mehrfach inhaftiert wurde, furchtbare Folterungen psychischer wie physischer Art erleiden musste und letztlich einer erneuten Inhaftierung nur durch Vermittlung des Weltschachverbandes entgehen konnte, indem er in den Westen emigrierte. Seine Verbitterung über die Machthaber in seiner Heimat, seine tiefe innere Verletzung ob der erlittenen Schmach und der Gräuel der Folterungen waren mehr als deutlich zu spüren.

Am meisten hängen geblieben aber von diesem Morgen - über all die Jahrzehnte hinweg - ist mir der eine Moment, als bei der anschließenden Diskussion einer unserer Kollegen - altklug und gescheit wie Theologen eben einmal sind - die Frage stellte: "Sie haben jetzt so viel von Ihren Peinigern erzählt. Sie sind doch zum Glauben an Christus gelangt. Müssten Sie als Christ diesen Menschen jetzt nicht endlich vergeben."

Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen. Einen kurzen Augenblick war jetzt Totenstille im Saal. Die Frage hatte wie eine Bombe eingeschlagen. Aber dann kam die Antwort. Ganz ruhig, mit fester Stimme und völlig entwaffnend sagte Ludek Pachmann: "Ich hasse diese Menschen nicht mehr, vergeben kann ich Ihnen nicht!"

Liebe Schwestern und Brüder,

ich kann ihn sehr gut verstehen. Wenn Menschen einem solches Leid zugefügt haben, dann kann ich nicht so tun, als wäre nichts geschehen - vergeben und vergessen.

Und all die Aufforderungen von noch so guten Christen, all die Ermahnungen, dass man doch verzeihen, die Bereitschaft mitbringen müsse, dem Täter die Hand zu reichen, ja dass es sogar notwendig sei, den ersten Schritt zu tun, all diese gut gemeinten Forderungen wirken manchmal nicht anders, als würde man den Opfern ein zweites Mal Gewalt antun. Zu der Folterung selbst mit all ihren Schmerzen kommt nun noch der Druck von den ach so Frommen, vergeben zu müssen, was man beim besten Willen absolut nicht kann.

Und was noch weit schwerer wiegt, das sind dann Texte, wie sie uns in der heutigen Lesung begegnen. Etwa dieser Abschnitt aus dem Buch Jesus Sirach: "Groll und Zorn sind abscheulich, nur der Sünder hält daran fest."

Unrecht und Schmerzen hat man erlitten, die man nicht vergessen kann, die einen gar fürs Leben zeichnen - und die Bibel stellt einen dann auch noch in die Ecke der Sünder. Für die Betroffenen muss das ja fast schon so wirken, als würden die Täter am Ende freigesprochen, aber die Opfer mit aller Härte des Gerichtes sogar auch noch verurteilt.

"Groll und Zorn sind abscheulich, nur der Sünder hält daran fest."

Aber auch wenn die Texte auf den ersten Blick so aussehen mögen: Für das Alte Testament zumindest ist das so nicht ganz richtig. Groll und Zorn sind im hebräisch-semitischen Denken nämlich nie nur innere Haltungen, nie nur eine abstrakte Größe. Wer dem anderen grollt und zürnt, wer erlittenes Unrecht nicht stehen lassen will - für das Denken der Bibel heißt das, dass so jemand auf Rache sinnt und diese Rache dann auch durchsetzt.

Rache bis aufs Blut war die gängige Form, gegen Straftäter vorzugehen und mit ihnen gegen ihre ganze Sippe. Ganze Familien haben solche Fehden, und das über Generationen hinweg, ausgetragen. Und von der ursprünglichen Tat war oftmals am Ende bei all dem Leid, das über so viele Menschen dieser Familien gekommen war, gar nichts mehr zu entdecken. Die Schraube von Gewalt und Gegengewalt hatte solch eine Eigendynamik entwickelt, dass man am Ende schon gar nicht mehr wusste, was denn der eigentliche Auslöser gewesen war.

Dagegen gehen die Texte des Alten Testamentes vor. Die Rache ist Sache des Herrn. Er selbst nimmt sich der Opfer an und er wird deshalb auch die Täter zur Rechenschaft ziehen. Er prüft Herz und Nieren, kann allein die wirklichen Zusammenhänge ermessen, und ihm allein steht deshalb auch das Urteil zu.

Am Gefühl der tiefen Verletzung beim Opfer ändert dies nichts. Dass dieses Gefühl nicht einfach abzustellen ist - beim besten Willen nicht -, das wird den biblischen Autoren auch klar gewesen sein. Und dagegen gehen sie auch gar nicht an. Der Text warnt vielmehr davor, sich selbst zum Täter zu machen und an der Schraube der Gewalt nur noch einmal weiter zu drehen.

So unsensibel wie viele wohlmeinenden Christen, die rasch mit guten Ratschlägen bei der Hand sind und ganz schnell vorschlagen, dass man halt um die Vergebung beten müsse, so unsensibel ist die Schrift den Opfern gegenüber nicht.

Und Jesus Christus ist es schon zweimal nicht. Er hat nie pauschal verurteilt und erst recht nicht pauschal entschuldigt. Er hat immer den Einzelnen in den Blick genommen.

Und vor allem: Er hat den Menschen ins Herz gesehen.

Und er weiß sehr wohl einzuschätzen, wo Menschen einfach nicht vergeben wollen, sich schmollend in ihre Ecke zurückziehen und sich lediglich weigern, auf andere zuzugehen, oder wo Verletzungen so tief greifen, dass das höchste der Gefühle, das von einem Menschen zu erwarten ist, eben darin besteht, seinen Peiniger nicht mehr zu hassen, nicht auf Rache zu sinnen und selbst Hand anzulegen.

Er weiß sehr wohl einzuschätzen, wenn jemand dann wirklich vergeben einfach nicht mehr kann.

(gehalten am 13./14. September 2008 in der Paulus- und Peterskirche, Bruchsal)

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