Predigten im Jahreskreis - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

24. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr A (Mt 18,21-35)

In jener Zeit trat Petrus zu Jesus und fragte: Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt? Siebenmal? Jesus sagte zu ihm: Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal. Mit dem Himmelreich ist es deshalb wie mit einem König, der beschloss, von seinen Dienern Rechenschaft zu verlangen. Als er nun mit der Abrechnung begann, brachte man einen zu ihm, der ihm zehntausend Talente schuldig war. Weil er aber das Geld nicht zurückzahlen konnte, befahl der Herr, ihn mit Frau und Kindern und allem, was er besaß, zu verkaufen und so die Schuld zu begleichen. Da fiel der Diener vor ihm auf die Knie und bat: Hab Geduld mit mir! Ich werde dir alles zurückzahlen. Der Herr hatte Mitleid mit dem Diener, ließ ihn gehen und schenkt ihm die Schuld. Als nun der Diener hinausging, traf er einen anderen Diener seines Herrn, der ihm hundert Denare schuldig war. Er packte ihn, würgte ihn und rief: Bezahl, was du mir schuldig bist! Da fiel der andere vor ihm nieder und flehte: Hab Geduld mit mir! Ich werde es dir zurückzahlen. Er wollte aber nicht, sondern ging weg und ließ ihn ins Gefängnis werfen, bis er die Schuld bezahlt habe. Als die übrigen Diener das sahen, waren sie sehr betrübt; sie gingen zu ihrem Herrn und berichtete ihm alles, was geschehen war. Da ließ ihn sein Herr rufen und sagte zu ihm: Du elender Diener! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich so angefleht hast. Hättest nicht auch du mit jenem, der gemeinsam mit dir in meinem Dienst steht, Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte? Und in seinem Zorn übergab ihn der Herr den Folterknechten, bis er die ganze Schuld bezahlt habe. Ebenso wird mein himmlischer Vater jeden von euch behandeln, der seinem Bruder nicht von ganzem Herzen vergibt. (Mt 18,21-35)

Das habe ich mich als Kind schon gefragt: Nein, nicht so sehr, wie man so unbarmherzig sein kann, zuallererst habe ich mich gefragt, wie man so dumm sein kann! Dieser unbarmherzige Knecht, den uns Jesus in diesem Gleichnis vor Augen führt, der war nämlich nicht nur unbarmherzig, zuallererst war er strohdumm!

Liebe Schwestern und Brüder,

wenn ein anderer Schulden bei mir hat, ein Bauer etwa, einer, der ein Stück Land gepachtet hat, und wenn der die Schulden irgendwie zurückbezahlen soll, dann muss er arbeiten können. Und ein Knecht, der bei solch einem Herrn im Dienst steht, der muss noch einmal so hart anpacken, damit auch nur ein paar Denare am Ende übrig bleiben.

"Hab Geduld mit mir! Ich werde es dir zurückbezahlen!" hat dieser Knecht zu seinem Kollegen gesagt. Und das heißt so viel wie: Ich werde hart arbeiten, um Dir das Geld zurückgeben zu können. Und was tut der andere? Er lässt ihn ins Gefängnis werfen, bis er die ganze Schuld bezahlt habe!

Wie kann man nur so dumm sein! Als ob man im Gefängnis zu Geld kommen könnte! Jemanden, den man einsperrt, dem man Hände und Füße bindet, der kann nicht arbeiten, der kann kein Geld verdienen, und der kann deshalb auch keine Schulden zurückbezahlen. Jener unbarmherzige Diener aus dem Evangelium, er wird von seinem Geld nie mehr etwas sehen. Er ist nicht nur ein Beispiel für Unbarmherzigkeit, er ist ein Beispiel für Dummheit, denn etwas Dümmeres als er kann man in dieser Situation gar nicht mehr tun.

Dieses Evangelium ist für mich ein ganz guter Hinweis darauf, dass das, was Jesus vorlebt, nicht nur etwas für den Glaubenden, für den Frommen oder den christlich geprägten Menschen ist. Das Evangelium ist kein vergeistigtes Erbauungsbüchlein, das ich mir in stillen Stunden zu Gemüte führe. Das Evangelium hat etwas mit unserem Leben zu tun. Es will uns vor Augen führen, wie Leben gelingen kann, und es will uns Wege zu geglücktem Leben eröffnen und aufzeigen. Die Wegweisung Jesu ist nicht einfach frommes Gehabe, sie ist schlicht und ergreifend vernünftig!

Wenn Jesus zu Barmherzigkeit mahnt, dann ist das keine rührselige Gefühlsduselei, und keine Anordnung für diejenigen, die halt unbedingt glauben, ihrem Leben einen religiösen Touch geben zu müssen. Was Jesus sagt, ist schlicht und ergreifend vernünftig. Und er macht das hier, wenn er die Unbarmherzigkeit brandmarkt, wieder einmal aufs Neue deutlich. Er macht es nicht zuletzt unserer Wirtschaft und der ganzen industrialisierten Welt deutlich.

Jemandem die Hände zu binden und die Luft zum Atmen zu nehmen, das ist nicht nur unbarmherzig, im Letzten bringt es auch mir keinen Gewinn. Wenn Miteinander, wenn Partnerschaft, wenn wirtschaftliche Beziehungen blühen und gedeihen sollen, dann braucht es Raum zum Atmen, dann muss ich mich bewegen können, dann muss ich auch dafür Sorge tragen, dass das Leben des anderen weit wird. Wer den anderen niederdrückt, wer ihn ausquetscht, wer das Leben des anderen eng macht, der handelt kurzsichtig und dumm. Er beraubt sich am Ende selbst des Partners, den es im Miteinander wie im Wirtschaften in gleicher Weise braucht.

Wenn viele gesellschaftliche Gruppen augenblicklich dazu mahnen, barmherzig zu sein und das beispielsweise ganz konkret im Blick auf die Schuldenlast, die die ärmsten Länder dieser Erde immer mehr zu Boden drückt, wenn die Industrienationen dazu aufgefordert werden, diesen Ländern das, was sie uns schulden, ganz einfach zu erlassen, dann ist das nicht nur eine Forderung, die wir aus unserem Glauben heraus begründen. Es geht hier nicht um irgendwelche religiöse Gefühlsduselei. Im Letzten ist es eine Forderung der Vernunft! Wer es nicht tut, weil ihm die Menschen in diesen Ländern am Herzen liegen, der soll es wenigstens tun, weil es vernünftig und weil es am Ende am besten für uns alle ist.

Wenn wir als Industrienation unseren Partnern in der Dritten und Vierten Welt nicht die Chance geben, wieder auf die Beine zu kommen, durchzuatmen und festen Stand unter den Füßen zu gewinnen, wenn wir ihnen den Raum zum Leben nehmen und damit die Hände binden, dann sind wir nicht nur unbarmherzig. Wir wären, wie jener Knecht aus dem Evangelium, am Ende schlicht und ergreifend unermesslich dumm.

Amen.

(gehalten am 1./2. Mai 1999 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

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