Predigten im Jahreskreis - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

23. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr A (Mt 18,15-20)

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wenn dein Bruder sündigt, dann geh zu ihm und weise ihn unter vier Augen zurecht. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen. Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei Männer mit, denn jede Sache muss durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werden. Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde. Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder Zöllner. Amen, ich sage euch: Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein, und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein. Weiter sage ich euch: Alles, was zwei von euch auf Erden gemeinsam erbitten, werden sie von meinem Vater erhalten. Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. (Mt 18,15-20)

"Mama!" rief die Kleine ganz aufgeregt, und rannte über die Wiese zu ihrer Mutter. "Mama, hast Du gesehen, was die Katharina wieder gemacht hat..."

Liebe Schwestern und Brüder,

wer Kinder kennt, kennt solche Szenen. Petzen nennt man es abfällig. Und Kinder tun das in aller Regel recht gern. Wenn man die Fehler der anderen ganz deutlich ins Bewusstsein bringt, dann steht man selber natürlich umso besser da. Deshalb machen Kinder so etwas.

Manchmal aber tun sie es aus einem ganz anderen Grund. Wenn ein Kind zur Mama kommt und "Mama!" sagt, "Mama, hast Du gesehen, dass die Katharina mir schon wieder weh getan hat..." dann kann das auch "Mama hilf mir!" heißen, dann kann das bedeuten, dass ein Kind sich einfach nicht mehr zu helfen weiß, und dass die Mutter einschreiten soll, dass sie der Katharina beibringen soll, ein für alle Mal damit aufzuhören, ihr weh zu tun und sie zu piesacken.

Manchmal brauchen Kinder das. Manchmal brauchen sie die Mama oder den Papa, die dann hilfreich zur Seite stehen. Mit fortschreitendem Alter werden diese Hilferufe dann aber schlagartig weniger, denn je älter Menschen werden, desto seltener holen sie die Mama oder den Papa zu Hilfe - so sollte man zumindest meinen.

Nur, wenn man ganz genau hinschaut, dann sieht es - denke ich - ein klein wenig anders aus, dann sieht es so aus, als ob die Allermeisten gerade in diesem Punkt einfach nicht recht erwachsen werden. 

Sicher, man ruft dann nicht mehr die Eltern zu Hilfe, Erwachsene scheinen sich da vielmehr so etwas wie einen Mama- oder auch Papa-Ersatz zu suchen. Und nach dem wird dann gerufen, wenn man mit irgendjemandem nicht gleich zurechtkommt.

Nur damit es keine Missverständnisse gibt: Ich denke da jetzt nicht an Situationen, in denen Menschen wirklich die Hilfe anderer brauchen, in denen man etwa die Polizei rufen oder Gerichte zu Rate ziehen muss, um Übergriffen anderer wehren zu können. Nein, ich meine den Normalfall, den Alltag, die ganz alltäglichen Schwierigkeiten und Reibereien mit Kollegen, mit Bekannten, mit Menschen aus unserer Umgebung eben. Da erinnern mich so manche Sätze ganz stark an das, was man von Kindern so kennt.

"Haben Sie eigentlich schon bemerkt, was Herr und Frau Sowieso da wieder gemacht haben?" wird da dem Chef, dem Vorgesetzten oder einer Bekannten mal so im Vorbeigehen gesteckt. Und wenn es dann nicht darum geht, dass man eine schlechte Eigenschaft eines anderen einfach nur weitererzählen möchte, dann meinen solche Sätze bestenfalls noch, dass sich der Vorgesetzte oder irgendeine Autorität doch um diesen Fall annehmen soll. "Sagen Sie der ruhig einmal, dass das so nicht geht!" Und meist wird dann noch hinzugefügt: "Aber erwähnen Sie ja nicht, dass Sie das von mir haben!" -

"Mama, hast Du gesehen, was die Katharina da wieder gemacht hat...?"

An solche Szenen musste ich denken, als ich im Evangelium auf die Stelle hingestoßen wurde, in der Jesus davon spricht, dass man zu seinem Bruder hingehen soll, wenn mit dem irgendetwas ist. 

Und damit meint Jesus wohl, dass man zuallererst selbst hingehen soll, wenn man etwas mit einem anderen hat. Wenn mir etwas sauer aufstößt, wenn mir etwas weh getan hat oder wenn mir irgendetwas einfach nicht gefällt, dann gilt's zuallererst, selber hinzugehen und die Sache unter vier Augen anzusprechen. Wenn mit Deinem Bruder etwas ist, dann geh zu ihm, geh zuerst selbst zu ihm, und rede mit ihm unter vier Augen! Und erst dann, wenn alles Miteinander-Reden nicht mehr hilft, erst dann, wenn das auch wirklich probiert wurde, dann mag man andere hinzuziehen.

Kinder rufen nach der Mama oder dem Papa. Dies nicht mehr nötig zu haben, für sich selber sprechen zu können, nicht über, sondern mit dem anderen zu reden, das ist ein Zeichen des Erwachsenwerdens.

Nur muss man das, wie alles auf der Welt, wohl erst ganz langsam und recht mühsam lernen. Und ich erschrecke meist über mich selbst, wenn ich entdecke, wie kindisch auch ich mich gerade in diesem Punkt selber ganz oft verhalte, wie viel leichter es ist, über andere zu reden, wie schwer es häufig fällt und welche Überwindung es meist kostet, den anderen direkt, ganz unmittelbar auf etwas anzusprechen, nicht über, sondern mit ihm zu reden.

Aber genau das ist es, was Jesus uns heute offensichtlich mit diesem Abschnitt des Evangeliums wieder neu bewusst machen möchte. Nicht übereinander, sondern miteinander sprechen, das ist es, was den reifen Menschen auszeichnet, das ist Wesenszug eines wirklich reifen Menschen und damit auch Wesenszug eines Christen. Zumindest scheint es mir wesentliches Anliegen des heutigen Evangeliums zu sein; eine Aufgabe, mit der die meisten von uns, ich eingeschlossen, heute wohl nicht zu Ende kommen werden; eine Aufgabe, die uns wohl noch einige Zeit beschäftigen dürfte.

Gott hat uns den Mund zum Reden geben. Wir müssen nun nur noch lernen, ihn richtig zu benutzen: Und das heißt eben nicht in erster Linie übereinander, sondern vor allem ganz direkt mit dem anderen, mit dem, den es betrifft - ganz einfach: miteinander reden.

Amen.

(gehalten am 5. September 1999 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

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