Predigten im Jahreskreis - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

17. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr A (Mt 13,44-52)

In jener Zeit sprach Jesus zu der Menge: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Schatz, der in einem Acker vergraben war. Ein Mann entdeckte ihn, grub ihn aber wieder ein. Und in seiner Freude verkaufte er alles, was er besaß, und kaufte den Acker. Auch ist es mit dem Himmelreich wie mit einem Kaufmann, der schöne Perlen suchte. Als er eine besonders wertvolle Perle fand, verkaufte er alles, was er besaß, und kaufte sie. Weiter ist es mit dem Himmelreich wie mit einem Netz, das man ins Meer warf, um Fische aller Art zu fangen. Als es voll war, zogen es die Fischer ans Ufer; sie setzten sich, lasen die guten Fische aus und legten sie in Körbe, die schlechten aber warfen sie weg. So wird es auch am Ende der Welt sein: Die Engel werden kommen und die Bösen von den Gerechten trennen und in den Ofen werfen, in dem das Feuer brennt. Dort werden sie heulen und mit den Zähnen knirschen. Habt ihr das alles verstanden? Sie antworteten: Ja. Da sagte er zu ihnen: Jeder Schriftgelehrte also, der ein Jünger des Himmelreichs geworden ist, gleicht einem Hausherrn, der aus seinem reichen Vorrat Neues und Altes hervorholt. (Mt 13,44-52)

Also jetzt gibt es Neuwahlen. Endlich ist es entschieden. Am vergangenen Donnerstag hat der Bundespräsident den Bundestag aufgelöst und der Wahlkampf geht in die heiße Phase.

Aber was soll man jetzt wählen? Und welchen Versprechungen soll man glauben?

Haben die Konservativen recht? Oder sind es doch die Progressiven, denen man folgen soll?

Liebe Schwestern und Brüder,

wenn man's nur wüsste! Wer will da behaupten, dass die Entscheidung leicht sei und es einfache Antworten gäbe.

Und es ist ja nicht nur die Frage, wem man wirklich trauen darf, wer einem nur etwas vormacht und wer es ehrlich meint und sich wirklich für das Gemeinwohl einsetzt. Auch die grundsätzlichen Fragen sind ja nicht leicht zu beantworten.

Wie viel vom Alten und Gewohnten darf man aufgeben? Wo birgt das Neue Gefahren?

Diese Fragen stellen sich ja überall im Leben - im staatlichen Bereich genauso wie in der Kirche.

Als vor wenigen Monaten der neue Papst gewählt wurde, wie viele haben da auf ein fortschrittliches Kirchenoberhaupt gehofft, auf jemanden, der alte Zöpfe abschneidet und neue Wege beschreitet. Wie viele haben darum gebetet, dass er ja genau so weiter macht wie sein Vorgänger? Und wie viele erhoffen sich von ihm sogar, dass man überall dort, wo die Kirche schon lange übers Ziel hinausgeschossen sei, wieder die nötigen Schritte zurückgehen würde?

Links oder rechts - progressiv oder konservativ, wo soll man stehen? Was ist richtig?

Wahrscheinlich keines von beidem. Zumindest macht Jesus das - für mich - überall im Evangelium deutlich.

Christen sind nicht konservativ und Christen sind nicht progressiv. Jesus sagt einerseits, dass kein Häkchen am Gesetz geändert werden würde. Aber genauso hat er in all den Auseinandersetzungen mit den Mächtigen und Einflussreichen seiner Zeit ganz deutlich gemacht, dass die Praxis seiner Gegenwart so nicht bleiben könne. Und im heutigen Evangelium bringt er es auf unnachahmliche Weise auf den Punkt. Der Schlusssatz des heutigen Textes macht eigentlich ganz deutlich, worauf es ihm ankommt.

Wie hat er gesagt? Jeder Schriftgelehrte, letztlich also jeder, der auf dem Boden der Heiligen Schrift steht, ihren Sinn zu ergründen sucht und danach zu leben trachtet - wenn er ein Jünger des Himmelreiches geworden ist, einer also, der Jesus Christus nachzufolgen versucht, dann gleicht er einem Hausherrn, der aus seinem reichen Vorrat Neues und Altes hervorholt.

Ist das nicht toll gesagt: Einen Schatz haben wir, einen aus dem wir schöpfen können.

Da gibt es viel Altbewährtes, das sich immer wieder aufs Neue hervorzuholen lohnt. Und es gibt Neues zu entdecken, Dinge, die noch nie ausprobiert wurden, die aber ungeheuer vielversprechend sind.

"Jeder Schriftgelehrte ..., der ein Jünger des Himmelreichs geworden ist, gleicht einem Hausherrn, der aus seinem reichen Vorrat Neues und Altes hervorholt."

Das ist eine ganz großartige Zusammenfassung all dessen, was christliche Position ausmacht.

Christen sind nicht konservativ, sie sind auch nicht progressiv. Sie gehören zu den Leuten, die aus einem reichen Vorrat, einem großen Schatz an Tradition Neues und Altes hervorholen - so, wie es der Situation angemessen ist.

Wenn Sie also danach fragen, wo der Platz der Christen ist, kann man eigentlich nur sagen: Ein Christ steht nicht links, ein Christ steht auch nicht rechts, ein Christ steht nicht einmal in der Mitte. Ein Christ, der geht vorwärts!

Amen.

(gehalten am 23./24. Juli 2005 in der Antonius- und Pauluskirche, Bruchsal)

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