Predigten im Jahreskreis - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

17. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr A (Mt 13,44-46)

In jener Zeit sprach Jesus zu der Menge: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Schatz, der in einem Acker vergraben war. Ein Mann entdeckte ihn, grub ihn aber wieder ein. Und in seiner Freude verkaufte er alles, was er besaß, und kaufte den Acker. Auch ist es mit dem Himmelreich wie mit einem Kaufmann, der schöne Perlen suchte. Als er eine besonders wertvolle Perle fand, verkaufte er alles, was er besaß, und kaufte sie. (Mt 13,44-46)

Liebe Schwestern und Brüder,

und zu guter Letzt gab es da noch einen Kaufmann. Der war auch auf der Suche nach ganz kostbaren Perlen. Und auch er fand eine, die so kostbar war, dass sie all sein Denken und all seine bisherige Vorstellungskraft bei weitem übertraf. Sie war so großartig, wie er es sich selbst in seinen kühnsten Träumen nicht hätte ausmalen können. Dieser Kaufmann sagte sich aber: "Das kann ich doch jetzt nicht machen! Ich kann diese kostbare Perle doch jetzt nicht einfach kaufen! Ich kann sie doch jetzt nicht einfach erwerben und dann in irgendeine meiner vielen Vitrinen stellen. Dieses großartige Stück, das wäre doch viel zu schade dafür. Diese Perle ist so prächtig, dass sie viele Menschen glücklich machen kann. Ich will sie deshalb gar nicht für mich allein erwerben. Ich will schauen, dass alle, die ich kenne, alle, die an solchen Perlen Freude finden, dass wir alle diese Perle gemeinsam kaufen. Dann nämlich ist sie unser gemeinsamer Besitz und dann kann sie uns alle erfreuen!"

Ein weiser Entschluss, den dieser weitsichtige Kaufmann da traf. Und er ging auch sofort daran, seinen Entschluss in die Tat umzusetzen. Er rief gleich einen seiner Freunde an und erzählte ihm von seiner ungeheuren Entdeckung. Und er erklärte ihm, dass es dringend notwendig wäre, ganz schnell zu handeln, weil diese einmalige Chance sich mit Sicherheit nicht noch einmal böte. "Tja" meinte sein Freund, "das klingt ja alles ganz verlockend, aber das will natürlich gut überlegt sein. Du, gib mir noch ein paar Wochen Bedenkzeit, so schnell kann ich das jetzt nicht entscheiden. Aber prinzipiell, grundsätzlich bin ich schon interessiert!"

So wandte sich unser Kaufmann an einen anderen Bekannten und erzählte auch ihm von der wunderbaren Perle und seinem Plan dieses Schmuckstück gemeinsam zu erwerben! Auch er war hocherfreut, dass man an ihn gedacht hatte. Als er aber erfuhr, dass auch der andere Bekannte unseres Kaufmanns bei diesem Handel dabei sein sollte, da sagte er dann nur noch ganz kurz angebunden: "Also das hättest du doch wissen müssen: Mit dem setze ich mich ja nicht einmal gemeinsam an einen Tisch, wie kannst du da auf die Idee kommen, dass ich mich, an einem Geschäft beteiligen würde, bei dem auch der mitmacht. Also entweder er oder ich, mit uns beiden kannst du da nicht rechnen!"

Unser Kaufmann war da schon etwas enttäuscht, aber er hatte schließlich noch viele andere Bekannte, und nach diesen ersten Erfahrungen war er dann freudig überrascht, dass sich von all seinen Bekannten am Ende doch noch eine ganz ansehnliche Schar fand, die von seiner Idee begeistert waren. So setzte er einen ersten Termin beim Notar fest, um die Modalitäten des Kaufs zu regeln. Nicht wenig verwundert war er jedoch, als die einen nicht kamen, weil ihnen der Termin viel zu früh dünkte. Andere wiederum ließen sich entschuldigen, weil sie an diesem Tag noch etwas vorgehabt hätten, und weil der Notars-Termin viel zu spät angesetzt sei, um die anderen Termine an diesem Tag noch auf die Reihe zu bekommen.

Und diejenigen, die dann letztlich kamen, die begannen sich dann um die Sitzordnung zu streiten. Es sei absolut undenkbar, dass man sich in solch einer Sache um einen eckigen Tisch versammle, wo es doch gute und schlechtere Plätze gäbe, einzig angemessen sei ein runder Tisch und bevor man nicht einen solchen aufgetrieben habe, bräuchte man mit den Verkaufsgesprächen gar nicht zu beginnen.

Unser Kaufmann stand mehr als verwundert und wahrscheinlich auch ein bisschen traurig daneben. Er musste mit ansehen, wie am Ende der ganze Vormittag mit solchen Nebensächlichkeiten zugebracht wurde, und zu guter Letzt wurde ihm sogar klar, dass fast alle, die da waren, die kostbare Perle mittlerweile schon lange vergessen hatten. Über all den Streit hatte man am Ende sogar vergessen, weshalb man eigentlich hergekommen war.

Soweit diese traurige Geschichte vom Kaufmann und seinen Bekannten.

Es ist keine schöne Geschichte, und sicherlich auch keine, die besonders aufbauen oder Mut machen würde. Es ist ganz einfach eine Geschichte, eine Geschichte, von der ich hoffe, dass sie nur sehr wenig mit uns zu tun hat. Denn das Himmelreich ist wie so eine Perle. Und ich glaube, dass Jesus Christus wie solch ein Kaufmann ist, wie einer, der sehr wohl darum weiß, dass diese Perle viel zu groß, viel zu prächtig und viel zu bedeutend für einen allein, für einen Einzelnen ist. Er hat deswegen Menschen um sich gesammelt, und er wollte, dass am Ende allen, diese kostbare Perle zuteilwürde. Er macht es wie dieser Kaufmann, er bietet uns an, dass wir diesen Schatz gemeinsam heben, er bietet uns sein Reich der Himmel, seine kostbare Perle gemeinsam zum Kauf an, uns allen gemeinsam. Und er macht uns immer wieder deutlich, dass wir uns diesen Schatz auch nur gemeinsam erwerben können.

Ich kann nur hoffen, dass wir uns dabei weiser und klüger anstellen als die Bekannten unseres Kaufmanns, als die Menschen in dieser wirklich traurigen Geschichte.

Amen.

(gehalten am 27./28. Juli 1996 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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