Predigten im Jahreskreis - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

15. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr A (Jes 55,10-11)

So spricht der Herr: Wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt und nicht dorthin zurückkehrt, sondern die Erde tränkt und sie zum Keimen und Sprossen bringt, wie der Sämann Samen gibt und Brot zum Essen, so ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern bewirkt, was ich will, und erreicht all das, wozu ich es ausgesandt habe. (Jes 55,10-11)

Wurm heißt er, der Haussekretär des Präsidenten in Schillers "Kabale und Liebe". Und in einer Szene steht er da und unterbreitet seinem Vorgesetzten, dass er die Familie der Luise Miller mit einem Eid nötigen will, den ihr angetanen Betrug geheim zu halten.

Und der Präsident antwortet: "Einen Eid? Was wird ein Eid fruchten, Dummkopf?"

Und Wurm gibt zur Antwort: "Nichts bei uns, gnädiger Herr. Bei dieser Menschenart alles..."

Liebe Schwestern und Brüder,

als ich dieses Szene aus Schillers "Kabale und Liebe" zum ersten Mal gelesen habe, ist mir anfanghaft aufgegangen, welch unterschiedlichen Wert ein Wort haben kann.

Was wird ein Eid schon fruchten? - Nichts bei uns. Bei dieser Menschenart alles...

Ganz gleich, ob Eid, ob Ehrenwort, der Wert und die Verbindlichkeit eines solchen Wortes hängt einzig und allein mit dem zusammen, der es spricht.

Und wie schnell ein einmal gegebenes Wort wieder vergessen sein kann, das hat jeder und jede von Ihnen beim einen oder anderen Verkaufsgespräch mit Sicherheit schon selbst erfahren. Wenn es dann drauf und dran kam, konnte sich der nette Verkäufer an all die schönen mündlichen Absprachen absolut nicht mehr erinnern...

Was wird ein Wort schon fruchten? Nichts bei uns.

Kann es einen da verwundern, dass man so schnell nichts mehr unbesehen glaubt? Ich lass mir auch alles schriftlich geben - außer, ich kenne den anderen sehr genau oder habe wenigstens jemanden, der mir glaubhaft versichert, dass ich diesem Laden oder jenem Händler wirklich trauen kann. Solch eine Expertise, solch eine Garantie braucht es schon, damit man nicht übers Ohr gehauen wird.

Ich kann es gut verstehen, dass Menschen, auch was Gott angeht, nach solchen Sicherheiten verlangen. Warum soll sein Wort besser sein, glaubhafter als die Versprechungen, denen man sonst allenthalben begegnet. Auch was Gott angeht, verlangen Menschen nach einer Expertise, einer Garantie, einem Nachweis dafür, dass man diesem Wort trauen, den Versprechungen dieses Gottes glauben kann.

Die Bibel versucht diesen Nachweis zu führen, und zwar auf allen Seiten:

Gottes Wort ist kein einfach dahingesagtes Wort. Gottes Wort ist ein wirkmächtiges Wort. Der erste Schöpfungsbericht betont sogar, dass Jahwe die ganze Welt allein durch sein Wort erschaffen hat.

Und Psalm 33 bringt es gleichsam auf den Punkt: "Durch Jahwes Wort entstanden die Himmel, durch den Hauch seines Mundes ihr ganzes Heer... Denn er spricht, und es geschieht, er befiehlt, und es steht da." (Ps 33,6. 9)

Wenn Gott spricht, dann ist das nicht nur einfach ein Wort, das dahergesagt wird. Es ist ein wirkmächtiges Wort. Gott selbst bringt dies beim Propheten Jesaja zum Ausdruck: "Ich spreche, mein Plan steht fest, was mir gefällt, das vollführe ich." (Jes 46,10)

Am schönsten aber sagt es das Jesaja-Buch an der Stelle, die wir eben als Lesung gehört haben: Wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt und nicht dorthin zurückkehrt, sondern die Erde tränkt und sie zum Keimen und Sprossen bringt, so ist es auch mit Gottes Wort. Es kehrt nicht leer zu ihm zurück. Es bewirkt, was Gott will und es erreicht alles, wozu er es ausgesandt hat.

Ein Wort - was wird ein Wort schon fruchten?

Ein Menschenwort sehr häufig nichts. Und viele von uns haben es sicher schon leidvoll erfahren - so leidvoll, dass man bloßen Versprechungen kaum noch Glauben schenken möchte.

Gottes Wort ist anders, das bezeugen ein ganzes Heer von Propheten und die in Schriftform niedergeschlagene Erfahrung, die Menschen über 1000 Jahre lang mit diesem Gott gemacht haben. Gottes Wort ist verlässlich. Diesen Nachweis will die Bibel führen. Und verglichen mit so mancher Sicherheit, die im Geschäftsleben heutzutage für ein ganz gutes Gefühl sorgt, verglichen mit so mancher neuzeitlichen Garantie, ist die Bibel keinesfalls die schlechteste Expertise.

Amen.

(gehalten am 14. Juli 2002 in der Peterskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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