Predigten im Jahreskreis - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

13. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr A (Mt 10,37-42)

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Aposteln: Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht würdig. Wer das Leben gewinnen will, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen. Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat. Wer einen Propheten aufnimmt, weil es ein Prophet ist, wird den Lohn eines Propheten erhalten. Wer einen Gerechten aufnimmt, weil es ein Gerechter ist, wird den Lohn eines Gerechten erhalten. Und wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist - amen, ich sage euch: Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen. (Mt 10,37-42)

"Seine Leistungen waren stets mittelmäßig!" solch ein Satz in einem Arbeitszeugnis - einen Protestschrei würde er hervorrufen. Der Prozess vor dem Arbeitsgericht ist da beinahe schon vorprogrammiert.

Mittelmäßig - das ist ja schon fast so etwas wie ein Schimpfwort. Wollten Sie mittelmäßig sein?

Liebe Schwestern und Brüder,

zugegeben, ich würde da auch entsprechend reagieren. Zu negativ ist das Wort "mittelmäßig" bei uns heute besetzt.

Aber eigentlich müsste das gar nicht so sein. Das Mittelmaß, das ist eigentlich genau der Bereich zwischen zwei Extremen. Und das ist im Grunde immer der rechte Bereich.

Denken Sie an Temperaturangaben: Da ist es zu heiß, da ist es zu kalt, und dazwischen, genau dazwischen ist alles im grünen Bereich.

Diesen grünen Bereich, den Mittelweg zwischen den Extremen - eigentlich die goldene Mitte -, von der Bibel wird sie immer wieder favorisiert.

Extreme sind zu vermeiden.

In der Lesung von heute wird die Frau aus Schunem gelobt, jene Frau, die Elischa aufgenommen hat. Ihre großzügige Haltung dem Propheten gegenüber wird den Menschen vor Augen gestellt - Nicht aber, dass sie das Geld mit beiden Händen zum Fenster hinausgeworfen hätte, denn das würde die Bibel genauso ablehnen wie den Geiz auf der anderen Seite.

Die Mitte zu wahren - die goldene Mitte, zwischen den Extremen -, das ist der Weg, den die Bibel den Menschen vor Augen stellt.

Deshalb meint Jesus mit Leben verlieren, ganz sicher nicht, dass man das Leben wegwerfen solle. Ganz im Gegenteil: Es geht ja darum, wie Leben gelingen kann.

Kinder zu vernachlässigen, sich nicht ausreichend um sie zu kümmern, das wäre Verantwortungslosigkeit. Dass man seine Kinder nicht von ganzem Herzen lieben solle, das meint Jesus im heutigen Evangelium ganz sicher nicht. Aber Kinder über alle Maße zu lieben und sie mit seiner Liebe so zu erdrücken, dass man sie am Ende gar nicht mehr loslassen kann, sie nicht mehr ihr eigenes Leben leben lassen kann, das wäre letztlich genauso falsch und genauso verkehrt.

Ich denke, dass Jesus mit den rätselhaften Sätzen aus dem heutigen Evangelium genau in diese Richtung weist. Es geht ihm nicht darum, Eltern gering zu achten, Kinder nicht zu lieben oder sich um das Leben hier auf Erden nicht zu mühen. Um das rechte Maß geht es. Denn alle Extreme sind letztlich von Übel. Die goldene Mitte zu treffen, das Gleichgewicht zu halten, das mittlere Maß zu finden, darauf kommt es - denke ich - an.

So können Sie eigentlich alle Bereiche des Lebens durchspielen. Jemand, der sich nicht um seinen Beruf kümmert, der keinen Einsatz bringt und nur auf der faulen Haut liegt, der darf sich nicht wundern, dass er es zu nichts bringt. Wer aber nur die Arbeit kennt und sich keine Ruhepausen gönnt, wer nur noch an Karriere und Erfolg denkt, der wird über kurz oder lang auf der Nase liegen.

Pfarrgemeinde braucht den ehrenamtlichen Einsatz - wem sage ich das. Ohne diesen Einsatz kann Gemeinde nicht leben. Wer aber nur ehrenamtlich unterwegs ist und sich jede Nacht mit Sitzungen um die Ohren schlägt, wer vor lauter Einsatz für andere die eigene Familie vernachlässigt, mag der sich darüber wundern, dass Christus diesen Einsatz alles andere als gut heißt?

Und wenn wir jetzt Pfarrfest feiern, dann ist klar, dass auch Pfarrgemeinde nichts zu verschenken hat. Wenn aber der Gewinn so sehr im Vordergrund stünde, dass all diejenigen, die sich heute engagieren, am Ende auf allen Vieren nach Hause gehen und der Erfolg einzig und allein an den Zahlen auf der Abrechnung gemessen würde, dann könnten wir es gleich bleiben lassen.

Das eine tun und das andere nicht lassen, das Gleichgewicht zu halten, den Mittelweg zu finden, eigentlich mittelmäßig zu sein, das ist der Rat Christi zum heutigen Sonntag.

Vielleicht ist das auch der Grund dafür, warum die Apostelfürsten, die wir heute feiern, allesamt recht durchschnittliche Gestalten waren - alles andere als Helden, recht mittelprächtige Persönlichkeiten sogar: Ein Christenverfolger, der mitschuldig war an der Hinrichtung des Stephanus, und einer, der Christus gleich drei Mal verleugnet hat, um seine eigene Haut zu retten.

In den Augen einer nach Erfolg und Spitzenpositionen schielenden Welt recht mittelmäßige Gestalten. Menschen aber, die offenbar ganz nach Christi Geschmack waren, Menschen, wie du und ich eben - Menschen, die das illustrieren, was das Alte Testament in seiner unnachahmlich konkreten und mit beiden Beinen auf dem Boden stehenden Art uns allen immer wieder mit auf den Weg gibt.

Kohelet etwa bringt es auf folgenden Punkt:

"Halte dich nicht zu streng an das Gesetz und sei nicht maßlos im Erwerb von Wissen! Warum solltest du dich selbst ruinieren?
Entfern dich nicht zu weit vom Gesetz und verharre nicht im Unwissen: Warum solltest du vor der Zeit sterben?
Es ist am besten, wenn du an dem einen festhältst, aber auch das andere nicht loslässt.
Wer Gott fürchtet, wird sich in jedem Fall richtig verhalten."

Amen.

(gehalten am 25./26. Juni 2005 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

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