Predigten im Jahreskreis - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

13. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr A (Mt 10,37-42)

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Aposteln: Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht würdig. Wer das Leben gewinnen will, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen. Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat. Wer einen Propheten aufnimmt, weil es ein Prophet ist, wird den Lohn eines Propheten erhalten. Wer einen Gerechten aufnimmt, weil es ein Gerechter ist, wird den Lohn eines Gerechten erhalten. Und wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist - amen, ich sage euch: Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen. (Mt 10,37-42)

Über mancher Evangelienstelle kann man stundenlang brüten, und am Ende versteht man trotzdem genauso wenig wie am Anfang. So ging es mir mit jenem rätselhaften Wort vom Leben, das man verliert, wenn man es behalten möchte, und das man nur gewinnt, wenn man es tatsächlich verliert.

Das soll ein Mensch verstehen! Wie soll man etwas dadurch gewinnen können, dass man es zuerst verliert?

Manchmal brütet man dann stundenlang über solch einer Stelle und nichts wird klarer. Und dann plötzlich, dann fällt einem ein ganz einfaches, vielleicht sogar banales Ereignis ein, und man hat auf einmal einen Schlüssel in der Hand - einen Schlüssel, der solch eine Stelle gleichsam aufschließt.

Liebe Schwestern und Brüder,

für mich war die Erinnerung an ein Sommer-Lager plötzlich solch ein Schlüssel: Wir waren im Odenwald und hatten dort an einem Tag ein Römerfest geplant. Wir spielten mit den Kindern das Leben in einer römischen Stadt. Alle mussten sich als Römer verkleiden und den Tag über auch einem richtigen römischen Beruf nachgehen. Da gab es einen Schmied, Senatoren, Legionäre und auch Sklaven. Und wie es sich für eine richtige römische Stadt gehörte, so hatten wir auch einen Markt aufgebaut. Im Hof war unser römischer Markt.

Und um das Ganze jetzt noch echter wirken zu lassen, gab es an diesem Tag auch kein gemeinsames Essen im Speisesaal, wie das normalerweise der Fall gewesen wäre. Jedes Kind bekam von uns am Morgen ein paar römische Münzen, die wir aus Holzstücken gebastelt hatten. Und mit diesem Geld konnte man dann auf unseren Markt gehen und dort an einem Stand das Essen richtig kaufen.

Es war ein toller Tag mit viel Spaß und einem bunten Treiben.

Nur am Abend, da kamen dann zwei der Kinder und klagten über unheimlichen Hunger. Sie hatten nämlich den ganzen Tag über nichts gegessen. Die römischen Münzen aus Holz, die hatten sie gehütet wie ihren Augapfel. Keine einzige von ihnen hatten die beiden ausgegeben. Sie hatten sie beschützt wie einen Schatz. Dass das nur Holzstücke waren, das hatten sie gar nicht registriert. Dass man mit ihnen absolut nichts anderes anfangen konnte, als eben am Mittag dieses Tages das Essen dafür zu kaufen, das hatten sie nicht begriffen. Lieber hatten sie keinen Bissen gegessen, als diese Holz-Münzen wegzugeben.

Sie hatten, was die Holzstückchen anging, das Spiel ganz einfach nicht verstanden. Es wäre ja gerade der Sinn dieser Münzen gewesen, sie wegzugeben, um dafür etwas zu essen zu bekommen. Sie aber hatten sie behalten und waren hungrig geblieben.

Ich hatte diese Geschichte von damals schon fast vergessen. Erst als ich dann stundenlang über unserem heutigen Evangelium gebrütet habe, erst da habe ich mich an dieses Erlebnis wieder erinnert. Und diese kleine Begebenheit hat mir dann geholfen, zumindest zu ahnen, was Jesus mit diesem rätselhaften Satz wohl gemeint haben könnte, was das heißen könnte, wenn er sagt, dass der, der behalten will, dass der verliert, und dass der, der verliert, der weggeben kann, dass der letztlich gewinnt.

Auf diesem Lager waren das Holz-Stücke, die diese Jungen unbedingt behalten wollten, die sie nicht weggeben konnten, deretwegen sie am Ende sogar das Essen verpasst haben. Im Evangelium geht es um Leben, darum, dass dieses Leben weggegeben werden soll.

Wir sprechen in der Theologie davon, dass Jesus Christus uns das An-Geld des ewigen Lebens bereits gegeben hat. Unser Leben, das, was uns hier tagtäglich begegnet, das ist offenbar so etwas wie Geld, An-Geld des eigentlichen Lebens. Geld aber, das muss man eintauschen. Geld, das muss man auf dem Markt der Möglichkeiten einsetzen, denn Geld kann man nicht essen. Genießbar, Hunger stillend wird Geld erst dann, wenn ich es tausche, wenn ich es weggebe.

Offensichtlich lässt sich unser Hunger nach Leben ebenfalls nur auf diese Art und Weise stillen: Indem wir unser Leben, das An-Geld des ewigen Lebens, auf diesem Markt der Möglichkeiten, in den wir tagtäglich eingebunden sind, an die Menschen, die uns begegnen und mit denen wir immer wieder zu tun haben, ganz einfach weitergeben, verschenken, eintauschen, und so das eigentliche Leben erst gewinnen.

Wer mit seinem Leben umgeht, als würde es sich um Geld handeln, um etwas, das man einsetzen muss, mit dem man arbeiten muss, und von dem man nur wirklichen Gewinn hat, wenn man es letztlich weggibt, wer mit seinem Leben auf diese Art und Weise verfährt, der wird seinen Hunger nach Leben stillen. Wer es aber einfach vergräbt, wer es - so wie es ist - behalten möchte, der wird am Ende gar nichts davon haben, der wird, wie die Jungs auf unserem Lager damals, ganz einfach hungrig bleiben.

(gehalten am 27. Juni 1996 in der Pauluskirche, Bruchsal)

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