Predigten im Jahreskreis - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

12. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr A (Mt 10,26-33)

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Aposteln: Fürchtet euch nicht vor den Menschen! Denn nicht ist verhüllt, was nicht enthüllt wird, und nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird. Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet am hellen Tag, und was man euch ins Ohr flüstert, das verkündet von den Dächern. Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch vor dem, der Seele und Leib ins Verderben der Hölle stürzen kann. Verkauft man nicht zwei Spatzen für ein paar Pfennig? Und doch fällt keiner von ihnen zur Erde ohne den Willen eures Vaters. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. Fürchtet euch also nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen. Wer sich nun vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen. Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen. (Mt 10,26-33)

Stellen Sie sich vor, Sie stehen im Stadion. Im Fußballstadion! Es ist WM. Und es spielt - sagen wir - Deutschland gegen die Niederlande. Und Deutschland schießt ein Tor. Und Sie jubeln, reißen die Hände hoch und schreien vor Begeisterung. Und dabei stehen Sie in der Fankurve mitten unter den Holländern.

Das trauen Sie sich mal!

Liebe Schwestern und Brüder,

von wegen: "Fürchtet Euch nicht vor den Menschen!" So naiv wird auch ein Jesus von Nazareth nicht gewesen sein. Das hat auch er gewusst: Bestimmte Dinge gehen einfach nicht. Da setzt man leichtfertig sein Leben aufs Spiel, wenn man sich so etwas trauen würde. Und das ist kein Fußballspiel wert.

Eigentlich gibt es wenig auf der Welt, das so etwas wert wäre. Selbst Jesus, der von seiner Sache völlig überzeugt war, ist nicht leichtfertig daran gegangen. Er hat zu keinem Zeitpunkt sein Leben wirklich aufs Spiel gesetzt. Er ging bei all seinem Protest und offenen Wort offenbar immer sehr klug vor. Es brauchte des Verrates eines Freundes, damit er festgenommen werden konnte.

Dass wir ohne Rücksicht auf Verluste einfach darauf lospoltern sollen, das hat Jesus ganz sicher nicht gemeint. Er ist den geraden Weg gegangen, er hat nie klein beigegeben und sich nie verbiegen lassen. Aber er hat es nichtsdestoweniger klug getan!

Also nie den Schwanz einziehen, nicht vor den Mächtigen, den Einflussreichen und auch nicht vor Vorgesetzten. Aber so, dass es wirklich etwas bewirkt und nicht nur den eigenen Kopf kostet. Klug wie die Schlangen für das eintreten, was Zukunft hat, was vorwärts weist und den Menschen hilft.

Das heißt aber nicht, mit bloßen Händen dazwischen zu gehen, wo Menschen mit Messern auf einen anderen losgehen. Aber es heißt, Hilfe zu holen und den anderen nicht im Stich zu lassen.

Sicher, Gott steht auf der Seite derer, die sich für andere einsetzen, aber das sind auch die, die sich nicht selbst um Kopf und Kragen bringen, sondern ganz einfach darum kümmern, dass wirkliche Hilfe kommt.

Gott steht auf der Seite derer, die nicht mitmachen, wenn menschenverachtende Wege beschritten werden, auch wenn sie nicht gleich die eigene Existenz gefährden, sondern Verbündete suchen, und andere darauf hinweisen, was da an Intrigen gesponnen wird.

Gott steht auf der Seite derer, die Unrecht entlarven, auch wenn sie nicht gleich ihr Leben einsetzen sondern aus sicherer Deckung heraus gegen Ungerechtigkeit und Verbrechen vorgehen.

Jesus selbst hat es so getan. Er hat den Finger in die Wunde gelegt, sich mit den Schwachen solidarisiert und keinerlei Furcht vor den scheinbar Mächtigen gezeigt, auch wenn er sich so verborgen hielt, dass es allein der Verrat eines Freundes möglich machte, ihn ans Messer zu liefern.

Habt keine Furcht vor den anderen. Macht den Mund auf. Geht den geraden Weg, auch wenn es manchmal einen Schlenker braucht, um nicht mit dem Kopf durch die Wand zu müssen. Lasst Euch von nichts und niemandem daran hindern, zu Eurer Meinung zu stehen, ohne Furcht vor den Menschen, aber macht es durchaus klug und mit Verstand.

Jubelt ruhig, wenn ein Tor fällt. Ihr braucht ja nicht gerade bei den holländischen Fans zu stehen. Ihr könnt ja schon vorher darauf achten, dass Ihr dort steht, wo Ihr Verbündete habt, wo Ihr Unterstützung findet, und der eigene Jubel vereint mit den anderen zum tosenden Beifall wird.

Amen.

(gehalten am 21./22. Juni 2014 in den Kirchen der Pfarrei St. Peter, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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