Predigten im Jahreskreis - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

11. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr A (Mt 9,36-10,8)

In jener Zeit, als Jesus die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben. Da sagte er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden. Dann rief er seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen die Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben und alle Krankheiten und Leiden zu heilen. Die Namen der zwölf Apostel sind: an erster Stelle Simon, genannt Petrus, und sein Bruder Andreas, dann Jakobus, der Sohn des Zebedäus, und sein Bruder Johannes, Philippus und Bartholomäus, Thomas und Matthaus, der Zöllner, Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Thaddäus, Simon Kananäus und Judas Iskariot, der ihn später verraten hat. Diese Zwölf sandte Jesus aus und gebot ihnen: Geht nicht zu den Heiden, und betretet keine Stadt der Samariter, sondern geht zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe. Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus! Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben. (Mt 9,36-10,8)

Sechs Meter sind sie hoch - jede einzelne von ihnen! Auf der Fassade des Petersdomes stehen 13 sechs Meter hohe Figuren: Christus, Johannes der Täufer und elf Apostel - mit Ausnahme von Petrus, für den ja der gesamte, gewaltige Dom selbst steht.

"Das ist die Chefetage", haben wir als Studenten immer gewitzelt.

Und genau diesen Eindruck sollte diese Anlage ja auch erwecken: Hier ist das Zentrum der Kirche. Hier residiert der Stellvertreter Christi. Hier ist die Zentrale der Macht.

Liebe Schwestern und Brüder,

seit der Petersdom errichtet worden ist, hat sich in Sachen Macht einiges verändert. Von der großen politischen Bedeutung der Kirche ist kaum noch etwas übrig. Und wenn man sich anschaut, wie sehr Papst Franziskus selbst innerhalb des Vatikans angefeindet wird und wie schwer er es hat, auch nur ein paar von seinen Ideen wirklich umzusetzen, dann ist es mit der Macht der Päpste auch nicht mehr allzu weit her. Die Bedeutung von Kirche ist schon seit langem im Sinken. Und gesellschaftlich betrachtet spielt sie in unseren Breiten eigentlich schon seit Jahren nur noch eine untergeordnete Rolle.

Wie wenig Bedeutung letztlich noch übrig ist, haben mir die letzten Wochen sehr deutlich gemacht. Krankenschwestern, Erzieherinnen, Ärzte und Pflegepersonal - sie waren wichtig. Selbst die Müllabfuhr erkannte man plötzlich als systemrelevant. Nur Kirche spielte absolut keine Rolle mehr.

Ich habe sehr viele Sendungen im Fernsehen verfolgt. Kein einziges Mal habe ich einen unserer Bischöfe in irgendeiner der Gesprächsrunden gesehen. Kein einziges Interview habe ich mitbekommen. Selbst Schauspielerinnen und Schauspieler hatten in den Krisensendungen mehr zu sagen, als die Vertreter und Vertreterinnen der großen Kirchen in diesem Land.

Die ehemalige Thüringer Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht hat den Kirchen deshalb in den letzten Wochen massives Versagen vorgeworfen.
Sie beklagt, dass sich viele Seelsorger und Seelsorgerinnen von ihren Amtskirchen im Stich gelassen gefühlt haben. Und das kann ich gut nachvollziehen. Auch ich habe ermutigende und richtungsweisende Worte unserer Bischöfe vermisst.

Da hat man achselzuckend ganz einfach hingenommen, dass per Verwaltungsverordnung die Gottesdienste an Ostern - an Ostern! - einfach mal gestrichen wurden. Und nicht mal gerungen hat man um irgendwelche Lösungen. Man hat sich einfach in den virtuellen Raum zurückgezogen.

Jetzt kann man mir mit Sicherheit nicht vorwerfen, dass ich mit Digitalisierung und Internet auf dem Kriegsfuß stehen würde. Eines aber weiß ich: All diese Bemühungen in den sozialen Netzwerken sind kein Ersatz für wirkliche menschliche Zuwendung. Und Kirche, die auf Digitalisierung setzt, geht an den eigentlichen Bedürfnissen der Menschen völlig vorbei.

Aber nicht etwa, dass nur "die da oben" versagt hätten. Auch vor Ort sah es vielerorts ja nicht wirklich besser aus.

Während sich in Italien Seelsorger der Kranken und Sterbenden angenommen haben, ist Kirche in Deutschland ganz schnell auf Tauchstation gegangen.

Schon zu normalen Zeiten lande ich beim Versuch, in einem Pfarrhaus anzurufen, sehr oft ja bestenfalls bei einem Anrufbeantworter. In den vergangenen Wochen erlebte ich nur, wie vielerorts ganz einfach alles geschlossen war.

Es würde uns gut anstehen, wenn sich die Vertreter unserer Kirchen jetzt gegen Vorwürfe wie die von Christine Lieberknecht nicht auch noch verwahren würden. Wer jetzt auch noch schönzureden versucht, was da alles schief gelaufen ist, macht die Sache nur noch einmal schlimmer und dabei deutlich, dass wir aus dem Versagen nicht einmal gelernt haben.

Kirche, die so reagiert, wird keine Zukunft haben. Sie hat nicht einmal mehr eine Gegenwart.

Auch wenn Rom, wenn mal wieder keine Pandemie herrscht, nicht müde wird zu betonen, dass Entscheidungen alleine die Bischöfe treffen und das Kirchenvolk allerhöchstens beraten darf, so lässt sich nicht mehr darüber hinwegtäuschen, dass die großen Dome, trotz all ihrer Pracht und der damit verbunden Demonstration von Macht, schon lange nicht mehr Zentrum der Kirche sind. Sie sind es letztlich nie gewesen. Kirche lebt nicht in den Ordinariaten.

Auch das haben die letzten Wochen deutlich gemacht.

Kirche lebt dort, wo sich Christus selbst seiner Herde annimmt, wo Menschen einfach diesem Christus folgen. Denn das gab es ja auch:

Es gab schließlich auch den wirklichen Einsatz für die Menschen vor Ort. Es gab die Gemeindereferentinnen und -referenten, die auch unter erschwerten Bedingungen in den zurückliegenden Wochen Angehörigen von Verstorbenen Trost zu spenden versuchten. Und es gab Pfarrer, die sich nicht nur darum gekümmert haben, dass weiterhin das "reine Opfer" dargebracht werde und deshalb alleine in den Kirchen Messen gelesen haben, sondern die sich trotz allem darum mühten, ganz konkret für die Menschen da zu sein.

Wie viele Jugendliche haben sich für Seniorinnen und Senioren, die nicht mehr selbst einkaufen konnten, eingesetzt und ihnen Arbeiten abgenommen? Wie viele Menschen haben begriffen, dass Gottesdienst vom Miteinander lebt und sich keine Konserven reingezogen, sondern in der Familie und den Hausgemeinschaften gefeiert?

Dort ist das eigentliche Zentrum der Kirche, dort wo Menschen ihrem eigentlichen Hirten folgen, diesem Jesus von Nazareth, der uns vorgelebt hat, was Christsein wirklich bedeutet. Denn Nachfolge wird dort gelebt, wo sich Menschen füreinander einsetzen: für soziale Gerechtigkeit, für die Trauenden und die Kranken, für die Fremden und die Obdachlosen.

Wo Menschen konkret werden lassen, was es bedeutet, wenn Jesus sagt 'ich war krank und ihr habt mich besucht', 'ich war hungrig und durstig und ihr habt mich gestärkt', 'ich war obdachlos und fremd und ihr habt mich aufgenommen', wo Menschen begreifen, dass wir diesem Jesus Christus genau dort begegnen, wo wir uns seiner Brüder und Schwestern annehmen, dort wird Kirche auch zukünftig leben.

Unsere Pastoralkonzepte, all die vielen Papiere und die unzähligen Sitzungen werden es nicht halten. Kirchliche Verordnungen und Instruktionen, das Hineinregieren bis in die Schlafzimmer hinein, die Pracht der Dome und die triumphalen Inszenierungen das alles ist Geschichte.

Die Zukunft gehört der wirklichen Nachfolge Christi. Die Zukunft gehört dem Sohn des Zimmermanns und der Maria, diesem Jesus von Nazareth. Die Zukunft gehört Christus, dem wirklich guten Hirten, der sich immer seiner Herde annehmen wird.

Amen.

 

(gehalten am 13. Juni 2020 in St. Landelin, Ettenheim-Ettenheimmünster)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Str. 54, D-76131 Karlsruhe,
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