Predigten im Jahreskreis - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

11. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr A (Ex 19,2-6a)

In jenen Tagen kamen die Israeliten in die Wüste Sinai. Sie schlugen in der Wüste das Lager auf. Dort lagerte Israel gegenüber dem Berg. Mose stieg zu Gott hinauf. Da rief ihm der Herr vom Berg her zu: Das sollst du dem Haus Jakob sagen und den Israeliten verkünden: Ihr habt gesehen, was ich den Ägyptern angetan habe, wie ich euch auf Adlerflügeln getragen und hierher zu mir gebracht habe. Jetzt aber, wenn ihr auf meine Stimme hört und meinen Bund haltet, werdet ihr unter allen Völkern mein besonderes Eigentum sein. Mir gehört die ganze Erde, ihr aber sollt mir als ein Reich von Priestern und als ein heiliges Volk gehören. (Ex 19,2-6a)

Das Lager schlugen sie auf, die Israeliten, und zwar in der Wüste: Dort, wo es nichts gab, keinen Strauch, keinen Baum, nichts, was Schatten spenden konnte oder zum Verweilen einlud.

Man schlug halt das Lager auf, weil es nicht anders ging. Irgendwann musste man ja mal Rast machen, irgendwo musste man sich ja ausruhen in dieser trostlosen, gottverlassenen Gegend.

Liebe Schwestern und Brüder,

mit Romantik hatte der Zug durch die Wüste, den die Menschen um Mose über lange Jahre hinweg angetreten hatten, absolut nichts zu tun. Es war im wahrsten Sinne des Wortes ein Wüstenweg, ein Weg über Schutt und Geröll.

So etwas kann man sich in unseren Breiten eigentlich gar nicht vorstellen. Obwohl es auch bei uns - zumindest ganz kleine und eher symbolische - Wüsten gibt.

Wenn Sie in den vergangenen Wochen etwa durch die Antoniuskirche gegangen sind, dann hatte das durchaus ein wenig davon. Gut, eine Baustelle ist noch lange keine Wüste, aber Schutt und Geröll gibt es dort im Augenblick zuhauf. Und das Gefühl von Wüste, das haben die Menschen, die mit einer Baustelle leben müssen, häufig nicht minder.

Da macht es keinen großen Unterschied, ob das eine Baustelle in der eigenen Wohnung ist oder eben mitten in der Kirche, im Herzstück einer Gemeinde. Baustellen bedeuten immer, dass nichts mehr so ist, wie man es kennt.

Da muss man dann sogar zum Sonntagsgottesdienst mit dem Bus fahren und der Festgottesdienst beim Patrozinium, der findet im Saal statt. Kein Wunder, dass sich da das Gefühl von Wüste breit macht.

Vor allem, weil ja nicht nur unsere Antoniuskirche jetzt eine ganz reale Baustelle ist. Unsere Gemeinden sind ja seit Jahren in einem ständigen Umbau. Immer wieder gibt es was Neues, immer wieder gilt es sich auf andere Gegebenheiten einzustellen. Und der eine oder die andere kennt sich deshalb mittlerweile schon überhaupt nicht mehr aus.

Aus dem "Aufbruch im Umbruch", den der Erzbischof einmal propagiert hat, ist mittlerweile ein schon sehr langer und bisweilen recht mühsamer Weg geworden - ab und an sogar schon ein Gewaltmarsch, der sicher manches Mal an solch einen Zug durch die Wüste erinnert.

Als die Israeliten damals aufgebrochen sind, hatte es nicht lange gedauert, da waren die Menschen dieses ständige Aufbrechen, diese andauernde Überforderung physischer wie psychischer Art, absolut leid.

Wie lesen wir in der Schrift? Sie sehnten sich schon bald sogar wieder nach den Fleischtöpfen in Ägypten zurück. Sie blickten neidvoll auf diejenigen, die doch scheinbar so bequem im fruchtbaren Niltal unter den Palmen und Obstbäumen saßen.

Solche Blicke gibt es bei uns nicht minder. Da schauen Menschen dann wehmütig zurück, auf die Zeiten, in denen noch alles anders war, als noch alle paar Meter Pfarrer sogar mit Kaplänen saßen und die Kirchen mehrfach am Sonntagmorgen voll geworden sind. Und sie blicken neidvoll zu denjenigen Gemeinden hinüber, in denen die Uhren noch anders gehen, wo alles scheinbar noch so ist, wie es früher auch bei uns einmal gewesen ist: Wo es noch den - wenn auch inzwischen alt gewordenen - Pfarrer am Ort gibt, die Seelsorge noch genau so läuft, wie man es aus der Vergangenheit her kennt, und die Diskussionen über Zusammenarbeit, ortsübergreifende Seelsorge oder gar Zusammenlegungen von Pfarreien noch in weiter Ferne zu liegen scheinen.

Voller Wehmut blicken manche da auf diejenigen, die scheinbar noch an den Fleischtöpfen sitzen, während man selbst immer wieder aufs Neue zum Aufbruch gerufen wird, über den nächsten steinigen und absolut nicht ausgetretenen Weg durch ein Stück Land, in das zuvor wohl kaum einmal jemand seinen Fuß hineingesetzt haben mag.

Israel hat sich so gefühlt, als es am Berg das Lager aufgeschlagen hat, um Rast zu machen. Aber genau dort, in dieser trostlosen Wüste, genau dort, als die Israeliten auf diesem Weg waren, mitten in der Wüste, nicht in Ägypten, nicht an den Fleischtöpfen, auf dem Weg durch die Wüste, haben sie diese prägende und alles verändernde Gotteserfahrung gemacht.

"Ich zeige euch den Weg", sagt Gott zu seinem Volk. "Ich gebe euch meine Thora, meine Gebote, meine Wegweisung. Und wenn ihr auf meine Stimme hört und meinen Bund haltet, werdet ihr unter allen Völkern mein besonderes Eigentum sein."

Sie mussten erst aufbrechen, um Gott am Gottesberg, mitten in der Wüste auf diese Art zu begegnen.

Auch wenn es ein mühsamer Weg war und Mose seine liebe Mühe mit dem Gottesvolk hatte, ja sogar mehrfach die Erfahrung machen musste, dass es ein halsstarriges Volk war, auch wenn er sich manches Mal gefragt hat, ob man bei all dem Murren, all dem Gezeter und all dem eigentlich gar nicht richtig Wollen, nicht besser den Bettel hinwerfen und dieses Volk am Ende nicht grad' seinem Tanz um das Goldene Kalb überlassen sollte, auch wenn es noch so oft Grund genug gab, die Flinte ins Korn zu werfen, genau dieser mühsame Weg war letztlich der Weg, der am Ende in das gelobte Land geführt hat.

Israel ist ihn gegangen. Die Bibel spricht davon, dass sie ihn über vierzig Jahre hinweg gegangen sind. Wir haben es da um ein Vielfaches besser. Denn auch, wenn die meisten um sich herum immer noch nichts anderes als nur Stein und Geröll erblicken, ich glaube, dass das erste Grün bereits zu entdecken ist.

Wir sind noch lange nicht im gelobten Land angekommen, weiß Gott nicht. Es fließen nirgendwo Milch oder Honig. Aber die ersten Pflänzchen schlagen aus. Das erste, wenn auch noch zaghafte Grün ist bereits zu entdecken.

Wer ganz sorgfältig hinsieht; der kann es jetzt schon erkennen.

Sicher, wir sind immer noch unterwegs, wir haben noch ein gutes Stück Weg vor uns. Aber das Ziel, ich bin mir ziemlich sicher, das Ziel ist gar nicht mehr so weit.

Amen.

(gehalten am 14./15. Juni 2008 in der Peterskirche und im Antoniushaus, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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