Predigten im Jahreskreis - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

10. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr A (Hos 6,3-6)

Lasst uns streben nach Erkenntnis, nach der Erkenntnis des Herrn. Er kommt so sicher wie das Morgenrot; er kommt zu uns wie der Regen, wie der Frühjahrsregen, der die Erde tränkt. Was soll ich tun mit dir, Efraim? Was soll ich tun mit dir, Juda? Eure Liebe ist wie eine Wolke am Morgen und wie der Tau, der bald vergeht. Darum schlage ich drein durch die Propheten, ich töte sie durch die Worte meines Mundes. Dann leuchtet mein Recht auf wie das Licht. Liebe will ich, nicht Schlachtopfer, Gotteserkenntnis statt Brandopfer. (Hos 6,3-6)

"Da sie bedrängt sind, ersehnen sie mich."

Liebe Schwestern und Brüder,

nein, keine Angst, Sie haben diesen Satz nicht überhört - ausgerechnet der wurde nämlich nicht vorgelesen. Diejenigen, die für die Zusammenstellung der Texte in den liturgischen Büchern verantwortlich sind, haben bei der heutigen Lesung den Anfang des Abschnittes nämlich ganz einfach weggelassen.

Und dabei wäre der so wichtig. Ohne ihn ist diese ganze Stelle eigentlich fast unverständlich.

Jetzt beginnt die Lesung aus dem Buch Hosea mit dem schönen frommen Satz: "Lasst uns streben nach Erkenntnis, nach der Erkenntnis des Herrn." - so fromm, wie man es eben aus Gottesdiensten gewohnt ist. Aber dass es hier um etwas ganz anderes geht, dass es um Enttäuschung geht, um die gewaltige Enttäuschung Gottes, das wird so absolut nicht mehr deutlich. Und dass Gott klagt, ja sein Volk, die Menschheit anklagt, das geht bei dieser Textverstümmelung sogar völlig unter.

Diese ach so frommen Worte aus der heutigen Lesung sind nämlich gar nicht wirklich fromm. Gott selbst hält diese Sätze den Menschen schließlich entgegen. Er zitiert sie. Er beschreibt gleichsam, wie sich Menschen immer wieder verhalten. Mit diesen und ähnlich frommen Floskeln kommen sie nämlich vor Gott, dann nämlich und nur dann, "da sie bedrängt sind", wie es Martin Buber unübertroffen übersetzt.

Und was sagen sie dann, in der Bedrängnis? "Kommt, wir kehren zum Herrn zurück!" Gar kein Problem, der zürnt zwei, drei Tage und dann ist wieder alles vorbei. Jetzt, da es uns schlecht geht, "lasst uns streben nach der Erkenntnis des Herrn", lasst uns wieder zu Gott gehen, denn der hilft uns dann schon wieder, so, wie es ja auch immer wieder regnet und jeden Morgen die Sonne wieder aufgeht.

Nur wenn sie bedrängt sind, ersehnen sie mich - das muss Gott, wenn es auch unendlich weh tut, ganz nüchtern feststellen. Und er beschreibt die Zuneigung, die Menschen zu ihm haben mit bitteren Worten: "Eure Liebe ist wie eine Wolke am Morgen und wie der Tau, der bald vergeht." Die ganze Verletzung, seine abgrundtiefe Enttäuschung, sie ist durch jedes einzelne Wort hindurch ganz deutlich zu spüren.

Und wie reagieren Menschen auf diesen Vorwurf? Nun, man gibt sich eben noch ein wenig zerknirschter: Ein paar Opfer mehr, man geht halt ein wenig häufiger zum Gottesdienst, gibt sich einen frommeren Anstrich, beugt sich etwas tiefer und kniet ein wenig länger.

Als ob es Gott darauf ankäme, als ob das die Haltung sei, die er vom Menschen wirklich erhofft. "Liebe will ich, nicht Schlachtopfer, Gotteserkenntnis statt Brandopfer." Und dieses Wort Gotteserkenntnis, das meint so viel wie "Gott inne werden", wirklich zu begreifen, wer dieser Gott für uns ist und es ihm im Umgang mit unseren Mitmenschen gleichzutun.

Das macht nicht zuletzt Jesus deutlich, der genau diese Stelle aus dem Buch Hosea aufgreift und die Begriffe Liebe und Gotteserkenntnis mit Barmherzigkeit übersetzt.

Das ist es, was Gott von uns möchte: keine religiösen Höchstleistungen, keine Erledigung von welchen religiösen Pflichten auch immer, keine Bußübungen und erst recht keine Opfer. Gott sucht die personale, die persönliche Beziehung zu jedem und jeder von uns.

Liebe nennt das das Alte Testament, Gott innewerden - mit dem Begriff Barmherzigkeit bringt Jesus beides auf den Punkt.

Und er macht damit einmal mehr deutlich, dass das Wort der Propheten, das Wort des Ersten Testamentes, absolut nichts Überholtes, Antiquiertes und Abgetanes ist. Er macht einmal mehr deutlich, dass es währende Bedeutung hat, immerwährende Bedeutung. Denn nach Liebe und Barmherzigkeit sucht Gott nicht erst seit den Tagen eines Propheten Hosea. Und er hat nie aufgehört, danach zu suchen. Genau danach sucht er unter uns Menschen bis heute.

Und lassen wir nicht zu, dass dieser Gott hier bei uns vergeblich suchen müsste.

Amen.

(gehalten am 7./8. Juni 2008 in der Pauluskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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