Predigten im Jahreskreis - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

9. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr A (Dtn 11,18. 26-28. 32)

Mose sagte zum Volk: Diese meine Worte sollt ihr auf euer Herz und auf eure Seele schreiben. Ihr sollt sie als Zeichen um das Handgelenk binden. Sie sollen zum Schmuck auf eurer Stirn werden. Seht, heute werde ich euch den Segen und den Fluch vorlegen: den Segen, weil ihr auf die Gebote des Herrn, eures Gottes, auf die ich euch heute verpflichte, hört, und den Fluch für den Fall, dass ihr nicht auf die Gebote des Herrn, eures Gottes, hört, sondern von dem Weg abweicht, den ich euch heute vorschreibe, und anderen Göttern nachfolgt, die ihr früher nicht gekannt habt. Ihr sollt also auf alle Gesetze und Rechtsvorschriften, die ich euch heute vorlege, achten und sie halten. (Dtn 11,18. 26-28. 32)

Teffilin heißen jene - für Christen immer etwas eigenartig anmutenden - Gebetsriemen, die zur Kleidung eines Juden gehören.

Für orthodoxe Juden sind sie ein absolutes Muss. Wer keine Tefillin anlege, verletze acht Gebote der Thora: nämlich vier Bibelstellen, die sich jeweils auf zwei Tefillin beziehen.

Eine von diesen Stellen haben wir heute als Lesung gehört:

"Diese meine Worte sollt ihr auf euer Herz und auf eure Seele schreiben. Ihr sollt sie als Zeichen um das Handgelenk binden. Sie sollen zum Schmuck auf eurer Stirn werden."

Und deshalb binden sich Juden die Worte der Thora an die Unterarme und auf die Stirn.

Liebe Schwestern und Brüder,

warum tragen wir dann aber keine Tefillin? Wenn es doch göttliches Gebot ist, wenn es doch genau so in der Schrift steht, dann müssten doch auch wir diese Gebetsriemen tragen. An keiner Stelle des Neuen Testamentes steht, dass man es nicht zu tun bräuchte.

Nun, wir tun es nicht, weil wir nicht davon ausgehen, dass Gott es von uns will. Für unser Verständnis gehören solche Gebetsriemen zu den Dingen, die dabei herauskommen, wenn man die Schrift allzu wörtlich nimmt. Es geht doch wohl schwerlich darum, dass man sich Worte auf die Stirn binden soll.

Schon die ersten Kirchenväter, die großen Theologen der Antike, haben uns auf einen ganz wichtigen Grundsatz hingewiesen: "Lies was da steht! Es steht nicht da, was da steht!"

Dieser eigenartige Satz will sagen, dass man bei biblischen Texten immer ganz genau hinschauen muss. Ich muss versuchen, das, was mir der Text sagen will, das, was hinter den bloßen Worten steht, zu erfassen. Wer das nicht tut, der landet ganz schnell auf dem Holzweg.

Gottes Gebot, sein Wort, das soll mir immer vor Augen stehen. Es soll mein Leben prägen und zur Richtschnur all meines Handelns werden. Das will uns die Schrift sagen.

Den Geist zu erfassen, die eigentliche Botschaft zu entdecken, das ist das entscheidende beim Studium der Heiligen Schrift.

Nicht dass Sie jetzt meinen: Es liegt mir absolut fern, auf andere mit dem Finger zu zeigen, zu sagen: Schaut her, die machen das völlig falsch, die haben absolut nicht verstanden, worum es eigentlich geht. Ganz und gar nicht.

Aber am Beispiel dieser Tefillin und beim Text der heutigen Lesung fällt mir eines wieder ganz besonders auf: Ganz schnell passiert es nämlich, dass man rein äußerlich das Wort der Schrift erfüllt, am Wesentlichen aber völlig vorbei geht.

Leider fällt uns das meistens nur bei anderen auf. Aber glauben wir ja nicht, dass wir davon frei wären.

Die heutige Lesung sollte Anlass dafür sein, dass wir uns fragen, wo wir den Gotteswillen nur äußerlich umsetzen, wo wir peinlich genau auf alles achten, nur nicht auf das, worum es eigentlich geht.

Nicht wahr, "Lasset uns beten" heißt es im Gottesdienst. Und alles steht auf. Wie bei einem Stichwort - das geht wie auf dem Kasernenhof.

Heißt aber noch lange nicht, dass wir es auch wirklich tun, dass wir uns dann wirklich sammeln und ganz auf Gott einlassen - beten eben.

Geht mir ja manchmal selbst so. Da frage ich mich dann unmittelbar nach dem Gebet: "Was hast du jetzt eigentlich gelesen?" Äußerlich voll dabei, aber innerlich irgendwo ganz anders.

Wie oft leben wir unsere Religiosität als reines Absolvieren von Riten, von Bräuchen, von guten Gewohnheiten, aber ganz innen drin sind wir wo ganz anders oder so von Äußerlichkeiten gefangen, dass wir zum Wesentlichen schon gar nicht mehr kommen.

Advent und Weihnachten sind beste Beispiele dafür. Wie viel Zeit, wie viel Energie wird da von Richten und Vorbereiten aufgefressen, dass für den menschgewordenen Gottessohn oftmals kein bisschen Luft mehr bleibt.

"Diese meine Worte sollt ihr auf euer Herz und auf eure Seele schreiben. Ihr sollt sie als Zeichen um das Handgelenk binden. Sie sollen zum Schmuck auf eurer Stirn werden."

Dass Gottes Wort, sein Geist, der Gedanke an ihn ganz tief in uns drin ist, das ist entscheidend. Was wir nach außen tun, was nach außen hin sichtbar ist, das wird hohl und leer, wenn wir nicht innerlich dabei sind.

Wenn aber Gottes Wort in unserem Herzen und auf unsere Seele geschrieben steht, sein Geist uns gleichsam gefangen nimmt, dann mögen wir stehen oder knien, Gebetsriemen oder Kopftücher tragen, dann sind alle Äußerlichkeiten zweitrangig.

Denn das, was drinnen steckt, was ganz tief in uns drinnen ist, das ist entscheidend. Es ist nicht sichtbar, aber das sind Fundamente nie - Und trotzdem ruht auf ihnen alles.

Entscheidend ist das Fundament. Und das steckt immer ganz tief drinnen.

Amen.

(gehalten am 28./29. Mai 2005 in der Antonius- und Pauluskirche, Bruchsal)

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