Predigten im Jahreskreis - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

6. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr A (Mt 5,17-37)

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen. Amen, das sage ich euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird auch nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist. Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich. Darum sage ich euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen. Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber jemand tötet, soll dem Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein; und wer zu seinem Bruder sagt: Du Dummkopf!, soll dem Spruch des Hohen Rates verfallen sein; wer aber zu ihm sagt: Du gottloser Narr!, soll dem Feuer der Hölle verfallen sein. Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe. Schließ ohne Zögern Frieden mit deinem Gegner, solange du mit ihm noch auf dem Weg zum Gericht bist. Sonst wird dich dein Gegner vor den Richter bringen und der Richter wird dich dem Gerichtsdiener übergeben, und du wirst ins Gefängnis geworfen. Amen, das sage ich dir: Du kommst von dort nicht heraus, bis du den letzten Pfennig bezahlt hast. Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen. Wenn dich dein rechtes Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus und wirf es weg! Denn es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verloren geht, als dass dein ganzer Leib in die Hölle geworfen wird. Und wenn dich deine rechte Hand zum Bösen verführt, dann hau sie ab und wirf sie weg! Denn es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verloren geht, als dass dein ganzer Leib in die Hölle kommt. Ferner ist gesagt worden: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt, muss ihr eine Scheidungsurkunde geben. Ich aber sage euch: Wer seine Frau entlässt, obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt, liefert sie dem Ehebruch aus; und wer eine Frau heiratet, die aus der Ehe entlassen worden ist, begeht Ehebruch. Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst keinen Meineid schwören, und: Du sollst halten, was du dem Herrn geschworen hast. Ich aber sage euch: Schwört überhaupt nicht, weder beim Himmel, denn er ist Gottes Thron, noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel für seine Füße, noch bei Jerusalem, denn es ist die Stadt des großen Königs. Auch bei deinem Haupt sollst du nicht schwören; denn du kannst kein einziges Haar weiß oder schwarz machen. Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen. (Mt 5,17-37)

Sie hat für viel Wirbel gesorgt, die Handreichung für den Umgang mit Wiederverheiratet-Geschiedenen. Neben viel Zustimmung gab es dabei auch ganz massive Kritik.

Und mit am gewichtigsten war das Argument, dass man sich hier einfach nicht nach dem Willen Jesu richten würde. Denn gerade im Zusammenhang mit der Scheidung und Wiederverheiratung gibt es ja ein ganz klares Jesuswort. Jesus sagt eindeutig, dass das nicht sein soll.

Liebe Schwestern und Brüder,

um Jesusworte kommt man nicht herum. Wenn Jesus schon einmal etwas so deutlich zum Ausdruck bringt, dann muss man sich natürlich auch daran halten. So wie man in unserer Kirche immer ganz ausdrücklich dem Willen Jesu gefolgt ist.

Außer jetzt vielleicht, was das Schwören angeht.

Wir haben zwar das ausdrückliche Jesuswort, dass wir nicht schwören sollen, aber natürlich bin ich gehalten, bei der Ehevorbereitung - wenn es nicht aus den Unterlagen hervorgeht -, zum Nachweis des Ledigenstandes einen entsprechenden Ledigeneid zu verlangen. Und vor einigen Jahren hat Rom ja auch einen eigenen Treue-Eid für die Priester der Kirche eingeführt.

"Schwört überhaupt nicht!" hat Jesus gesagt.

Und dass wir niemanden auf Erden unseren Vater nennen sollen, weil Gott allein unser Vater ist, das hat er auch gesagt. Und natürlich nenne ich meinen Vater Vater. Und in unserer Kirche gibt es sogar einen heiligen Vater, und augenblicklich nicht nur einen, sondern gleich zwei.

Ganz so einfach scheint das mit den Jesusworten also offenbar gar nicht zu sein. Manche Jesusworte scheinen nicht ganz so wichtig zu sein, andere dafür unumstößlich. An manches scheint man sich halten zu müssen, an anderes wieder nicht.

Gründe dafür, welches Jesuswort jetzt größere Bedeutung hat als andere, scheint es nicht wirklich zu geben, zumal man dem Wort Jesu ja ganz leicht folgen könnte, indem man auf Heilige Väter und kirchliche Eide einfach verzichtet.

Vielleicht liegen die Initiatoren der Freiburger Handreichung dann doch nicht so daneben, wenn sie davon ausgehen, dass es nicht darum geht, den Wortlaut des Evangeliums umzusetzen, sondern das, was Christus uns wirklich nahebringen wollte, das, worum es ihm letztlich ging. Und dass es ihm darum geht, Menschen gleichsam dauerhaft von den Sakramenten auszuschließen, glauben wir das, bei all dem, was uns das Evangelium von seinem Tun und Handeln überliefert, tatsächlich?

Was ich mir aber gut vorstellen kann, das ist, dass Jesus mit unserem Heiligen Vater ganz gut leben kann. Und vielleicht schmunzelt er ja auch über so manches, was wir aus seiner Kirche gemacht haben. Hauptsache wir folgen dem Geist, den er uns als Beistand zur Seite gestellt hat.

Dass all diejenigen aber, die so großen Wert darauf legen, das Jesuswort wirklich wortwörtlich zu befolgen, dass die alle noch beide Augen und beide Hände haben, das wundert mich dann schon ein wenig. Dass es jemanden gibt, der noch nie von einem seiner Glieder zum Bösen verführt worden wäre, das nämlich kann ich mir wirklich nicht vorstellen. Und da gibt es doch auch ein ganz klares Jesuswort, oder etwa nicht?

(gehalten am 15./16. Februar 2014 in den Kirchen der Pfarrei St. Peter, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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