Predigten im Jahreskreis - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

5. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr A (Jes 58,7-10)

So spricht der Herr: Teile an die Hungrigen dein Brot aus, nimm die obdachlosen Armen ins Haus auf, wenn du einen Nackten siehst, bekleide ihn und entziehe dich nicht deinen Verwandten. Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Wunden werden schnell vernarben. Deine Gerechtigkeit geht dir voran, die Herrlichkeit des Herrn folgt dir nach. Wenn du dann rufst, wird der Herr dir Antwort geben, und wenn du um Hilfe schreist, wird er sagen: Hier bin ich. Wenn du der Unterdrückung bei dir ein Ende machst, auf keinen mit dem Finger zeigst und niemand verleumdest, dem Hungrigen dein Brot reichst und den Darbenden satt machst, dann geht im Dunkel dein Licht auf, und deine Finsternis wird hell wie der Mittag. (Jes 58,7-10)

Ich weiß jetzt nicht, wie es Ihnen eben bei der Lesung ergangen ist. Als ich den Text angeschaut habe, musste ich bei den ersten Zeilen schon etwas schlucken. Haben Sie sich einmal vor Augen geführt, was Jesaja da alles, in einem Atemzug, nennt?

Er spricht vom Unglück, das einen Menschen überkommen kann. Und er zählt da vier Dinge auf, die sich letztlich irgendwie schon wie eine Steigerung lesen. Als hätte Jesaja da in einem Atemzug, die vier größten Katastrophen aufgezählt, die einen Menschen heimsuchen können: Hunger, Obdachlosigkeit, absolute Mittellosigkeit und die Verwandtschaft.

Liebe Schwestern und Brüder,

lesen Sie es ruhig nach: Teile an den Hungrigen dein Brot, nimm die Obdachlosen auf, bekleide die Nackten und entzieh dich nicht deinen Verwandten...

Da stehen die Verwandten mitten unter den schlimmsten Dingen, die Menschen passieren können. Und auch wenn Sie es jetzt nicht offen zugeben werden: Manchen von Ihnen wird der Prophet damit aus der Seele gesprochen haben. Pest und Cholera sind schlimm - die eigene Verwandtschaft kann noch viel schlimmer sein.

Sie überkommt einen zudem genauso wie ein Schicksalsschlag, der einfach nicht abzuwenden ist - denn Partner oder Freunde, die sucht man sich aus. Eltern, Geschwister, die angeheirateten Verwandten, die hat man plötzlich, ohne dass man irgendetwas dazu beigetragen hätte, ohne, dass man auch nur irgendetwas dafür könnte.

Und da sagt der Prophet: Entziehe Dich nicht Deinen Verwandten. Er sagt es genauso, wie er uns dazu auffordert, Arme zu speisen, Nackte zu bekleiden und Obdachlose zu beherbergen - in einem Atemzug. So wichtig und so unabdingbar notwendig wie das für den Propheten ist, genauso wichtig sei es, sich seinen Verwandten nicht zu entziehen.

Wie er wohl auf diesen Gedanken gekommen sein mag? Warum er ausgerechnet in diesem Zusammenhang die Verwandtschaft erwähnt?

Es geht ihm in diesem Abschnitt ja um Solidarität. Aber bei Solidarität mit den Armen und Schwachen denkt der Prophet offenbar nicht nur daran, dass da welche unsere Hilfe brauchen. Durch die Erwähnung der Verwandtschaft macht er deutlich, dass es ihm um mehr geht als um eine bloße Unterstützung von Hilfsbedürftigen. Es geht offenbar nicht nur darum, dass da Menschen sind, die mich jetzt gerade brauchen, es geht darum, dass wir uns gegenseitig brauchen, dass wir aufeinander angewiesen und aufeinander verwiesen sind. Und dafür ist die Verwandtschaft, die Verflechtung von Menschen untereinander, die - wie durch ein geheimnisvolles Band - miteinander verknüpft sind, das beste Bild.

Der, der heute krank ist, kann genau derjenige sein, von dem morgen die Pflege eines anderen abhängen wird. Wer heute in eine finanzielle Notlage geraten ist, kann genau der sein, der morgen meine letzte Hoffnung auf Hilfe darstellt. Es geht beim Propheten nicht um Einseitigkeit. Solidarität bedeutet Gegenseitigkeit. Es geht darum, dass wir alle in einem Boot sitzen, dass keiner von uns die Anforderungen der Zeit alleine bewältigen wird.

In einer Familie weiß man das. In einer Familie hat der eine für den anderen Verantwortung - ob ihm das gefällt oder nicht. In einer Familie besteht man nur, wenn die gemeinsamen Belange über den eigenen stehen - ansonsten wird die Familie zerbrechen.

Daran erinnert uns der Prophet. Und das ist eine Mahnung, die für unsere Gegenwart ganz besondere Bedeutung hat.

Im Zeitalter von Facebook und Wikileaks, in einer Zeit, in der auf der ganzen Welt die Pakete von DHL gebracht werden, gibt es kaum noch eine nennenswerte Distanz zwischen den Menschen. Wir sind mittlerweile alle zusammengerückt in das eine Boot, das die gesamte Menschheitsfamilie trägt; das sie trägt - oder am Ende untergehen lässt. Wer heute die Lektion von der gegenseitigen Solidarität nicht ganz rasch lernt, der reißt ganze Planken aus diesem Boot heraus.

Uns mögen die Chinesen auf den Wecker gehen, wie die blöde Tante im Nachbarort, wir sind trotzdem mit ihnen mittlerweile genauso eng verbunden, wie mit dem Nachbarn auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Wer heute noch so tut, als brauche er nur dafür Sorge zu tragen, die eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen, wird morgen schon von den Ereignissen überrollt werden, Ereignissen, die so plötzlich hervorbrechen wie der von niemandem wirklich für unsere Gegenwart vorhergesagte Aufstand der Massen in immer mehr Ländern der arabischen Welt.

Lernt die Solidarität untereinander, mahnt uns Jesaja an, und lernt sie schnell, erst dann wird wirklich im Dunkel der Welt ein Licht aufgehen.

Und wer sich jetzt fragt, was das mit ihm zu tun haben soll, und was er denn da jetzt machen soll und machen kann, der findet die Antwort ganz einfach: Man fange dort an, wo man eben gerade steht. Und vielleicht schon bei der eigenen Verwandtschaft.

Die Solidarität, von der der Prophet spricht, beginnt überall Früchte zu tragen, wo Menschen versuchen wieder einen Schritt auf andere zuzumachen. Und das fängt bei den Menschen an, mit denen ich verbunden bin.

Dieses oder jenes Problem, das endlich einmal auf den Tisch müsste, das kann man ja mal vorsichtig anfangen zu thematisieren. Man kann es zumindest versuchen. Oder noch einmal versuchen.

Und wer weiß, vielleicht wird ja auch da einmal dann - wie hat es der Prophet so schön gesagt? - die Finsternis hell wie der Tag.

Amen.

(gehalten am 5./6. Februar 2011 in der Paulus- und Peterskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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