Predigten im Jahreskreis - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

5. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr A (Mt 5,13-16)

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr; es wird weggeworfen und von den Leuten zertreten. Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben. Man zündet auch nicht ein Licht an und stülpt ein Gefäß darüber, sondern man stellt es auf den Leuchter; dann leuchtet es allen im Haus. So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen. (Mt 5,13-16)

Was haben das Leben eines Christen und die Stadt Breisach wohl gemeinsam? - Nun, nicht dass Sie jetzt meinen, das sei eine Scherzfrage. Ich habe mir diese Frage ganz ernsthaft gestellt. Und wenn Sie sich an das heutige Evangelium erinnern, dann wissen Sie auch warum!

In diesem Text, den Sie gerade eben gehört haben, da vergleicht Jesus schließlich die Vorstellung, die er von einem Christen hat, mit einer Stadt auf dem Berg. Und da Breisach ja so eine Stadt auf dem Berg ist, da muss es ja dann irgendwelche Gemeinsamkeiten zwischen Breisach und einem Christen geben! Was also haben die Stadt Breisach und das Leben eines Christen wohl gemeinsam?

Liebe Schwestern und Brüder,

Sie können sich selbst einmal die Mühe machen und Breisach mit einem Christenleben vergleichen. Und ich bin sicher, dass Sie da auf ganz interessante Parallelen stoßen werden.

Mir sind vor allem drei Dinge aufgefallen. Zunächst war da einmal dieser Berg selbst, das Fundament, auf dem diese Stadt erbaut ist. Und das ist - glaube ich - auch schon die erste große Gemeinsamkeit. So wie Breisach nämlich auf diesen massiven Klotz aus Fels gestellt ist, so wie diese Stadt auf ein stabiles Fundament gegründet ist, so sollte es ja auch im Leben eines Christen sein. Auch ein Christ sollte sein Leben ja auf ein stabiles Fundament gründen. Und dieser Klotz, auf den unser Christsein aufgebaut sein soll, dieser Fels, auf dem unser Leben sicher stehen kann, das ist ja bekanntlich Gott selbst. Sowohl diese Stadt auf dem Berg als auch unser Leben als Christ haben ein sicheres und festes Fundament; einmal der Fels, aus dem der Berg besteht und zum anderen Gott selbst, der so etwas ist, wie der Fels, auf dem unser Leben steht. Das war die erste große Gemeinsamkeit, die ich zu finden geglaubt habe.

Und das zweite war: Sowohl Breisach als auch unser Leben haben beide eine ganz enge Verbindung mit einer Kirche. Und das sieht man schon von Weitem! Die Breisacher haben ihre Kirche, das Münster nämlich, ja nicht in irgendeine Talsohle gesetzt, so ganz in den hintersten Winkel, sie haben sie hoch oben auf den Berg gestellt, dass man sie auch wirklich aus allen Richtungen sehen kann, dass man auch wirklich von überall her entdecken kann, was den Stadtvätern und den Bürgern damals wichtig war. Denn Menschen zeigen das, was ihnen wichtig ist! Und so dürfen natürlich auch wir Christen mit unserem Glauben nicht hinter dem Berg halten. Denn der ist für uns ja schließlich etwas Wichtiges und der bedeutet uns ja etwas. Wir dürfen nicht im hintersten Winkel vergraben, dass wir an Jesus Christus glauben, dass wir eine Hoffnung haben, wo viele andere heute nur noch Pessimisten sind. Wir dürfen nicht vergraben, dass wir in Jesus Christus unseren Herrn sehen und dass sein Vorbild unserem Leben eine Richtung geben kann, eine Richtung, die zum Ziel führt! Wir dürfen das nicht vergraben, gerade weil so viele Menschen heute in unserer ach so aufgeklärten Zeit, ohne Schranken und Tabus, gerade weil so viele heute in Irrwege und Sackgassen hineinzumarschieren drohen. Wir müssen unseren Glauben, so wie dieses Münster, hoch hinauf auf den Berg stellen, damit er weithin sichtbar ist, und damit alle sehen können, dass Jesus Christus für uns als Christen die Antwort auf viele unserer Probleme sein kann! Das war für mich die zweite Gemeinsamkeit zwischen Breisach und unserem Leben.

Und die dritte scheint mir sogar die bedeutendste zu sein! Es kommt nämlich nicht nur darauf an, seine Stadt auf einen Berg zu bauen. Es ist nicht nur wichtig, das was einem bedeutsam ist, für alle Welt sichtbar hinzustellen, es kommt vordringlich darauf an, beides auch am Leben zu erhalten! Und die Lebensquelle von Breisach ist ja nicht zu übersehen: Ich glaube nämlich nicht, dass diese Stadt so lange Bestand gehabt hätte, wenn da nicht mittendrin ein Turm mit einem Schacht bis zum Grundwasser gewesen wäre, wenn da nicht ihr Brunnen gewesen wäre. Ohne den Radbrunnen, der die Stadt auf dem Berg mit Wasser versorgte, wäre heute von Breisach wohl kaum viel übrig! Und das ist - glaube ich - die dritte große Gemeinsamkeit. Um diese Stadt am Leben zu erhalten, brauchte es diesen Brunnen, der in die Tiefe reicht; genauso wie jeder Christ seinen Tiefbrunnen braucht, aus dem er für sein Leben schöpfen kann, genauso wie jeder Christ Gebet und Gottesdienst braucht, denn das ist der Brunnen, der unseren Glauben am Leben erhält. Und das ist - glaube ich - sogar die bedeutendste Gemeinsamkeit: dieser Brunnen nämlich, der einerseits die Stadt mit Wasser versorgt, und andererseits in unserem Leben für den nötigen Tiefgang sorgt!

"Eine Stadt, die auf einem Berg liegt", hat Jesus gesagt, "kann nicht verborgen bleiben!" Und so - wie eine Stadt auf dem Berg - so hat Jesus Christus gewollt, dass wir als Christen leben! Und die Breisacher, die haben es da mehr als gut! Denn die haben das Anschauungsmaterial für diesen Wunsch Christi tagtäglich vor Augen. Sie brauchen sich nur Breisach anzuschauen, und schon wissen sie, was Jesus eigentlich von uns haben möchte.

Wir aber können es ja genauso tun. Wir können uns ganz einfach diese Stadt zum Vorbild nehmen, ihr riesiges Fundament im Berg, ihr Münster, das weithin sichtbar ist, und ihr Brunnen, der in die Tiefe reicht. Wenn wir uns das für unser Leben zum Vorbild nehmen und in unser Leben übersetzen, dann können wir uns als Christen tatsächlich sehen lassen - wie eine Stadt auf dem Berg.

Amen.

(nach einer Predigt gehalten am 8. Februar 1987 im Stephansmünster, Breisach

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