Predigten im Jahreskreis - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

4. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr A (Mt 5,1-12a)

In jener Zeit, als Jesus die vielen Menschen sah, die ihm folgten, stieg er auf einen Berg. Er setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm. Dann begann er zu reden und lehrte sie. Er sagte: Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden. Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben. Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden. Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden. Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen. Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden. Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet. Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein. (Mt 5,1-12a)

Am Ufer eines Teiches stand eine Eiche: mächtig und stolz. Sie trotzte der Sonnenhitze und beugte sich keinem Sturm; denn ihre Wurzeln reichten tief ins Erdreich hinab. In der Nähe wuchs ein Schilfrohr. Es stand auf feuchtem Grund. Es sah schwach und zerbrechlich aus und verneigte sich vor jedem Wind. "Du tust mir leid", sagte die Eiche eines Tages. "Wärst du doch näher an meinem Stamm gewachsen, ich würde dich gerne vor den Stürmen beschützen!"

"Du bist sehr freundlich", sagte das Schilfrohr bescheiden, "aber sorge dich nicht um mich. Kommt ein Sturm mit Gewalt, beuge ich mich bis zur Erde und lasse ihn über mich fortbrausen: Ich beuge mich, aber ich breche nicht!"

Die Eiche schüttelte trotzig ihr Haupt: "Ich leiste jedem Sturm Widerstand; niemals würde ich mich beugen!" So wurde es Nacht. Und ein schrecklicher Sturm kam über das Land; er riss Blätter und Äste aus der aufrechten Eiche und wütete stundenlang. Das Schilfrohr beugte sich bis zur Erde. Der Sturm wurde zum Orkan. Mit seiner ganzen Wucht zerrte er am trotzigen Baum - bis er ihn samt Wurzeln aus der Erde riss. Das Schilfrohr beugte sich bis zur Erde. Und als das Unwetter vorüber war, da stand das kleine Schilfrohr aufrecht neben dem gestürzten Riesen.

Liebe Schwestern und Brüder,

ich gebe zu, dass ich ein ganz eigenartiges Gefühl bei dieser Geschichte habe. Sie geht mir nicht ganz leicht über die Lippen. Sie gehört wahrscheinlich zu den Geschichten, die man sehr leicht ganz gründlich missverstehen kann. Sie riecht ja so ein wenig nach Aufforderung zur Feigheit, wie wenn sie einer Rückgratlosigkeit das Wort reden wollte, uns gleichsam dazu auffordern würde, unser Fähnchen in den Wind zu hängen und mit den Wölfen zu heulen, so nach dem Motto, wer sich immer duckt und nie aufmuckt, der kommt am besten durch. Beugt euch einfach bis zur Erde, so wie dieses Schilfrohr, und ihr werdet nie Schwierigkeiten haben.

Aber ich denke, wenn man diese Geschichte so interpretieren würde, dann wäre sie gründlich missverstanden. Ich glaube nicht, dass es darum geht, weder um eine Aufforderung zur Feigheit, noch um Rückgratlosigkeit. Darum geht es in dieser Geschichte absolut nicht.

Diese kleine Geschichte von der Eiche und dem Schilfrohr, ich glaube sie ist ganz im Gegenteil vielmehr eine Aufforderung zur Klugheit. Feige war dieses Schilfrohr ja beileibe nicht! Es hatte keine Angst, nicht einmal vor der mächtigen Eiche, vor der manch anderer wohl erzittert wäre. Nein, ganz im Gegenteil! Der Eiche gegenüber hat sich das Schilfrohr ja sogar als ungeheuer selbstbewusst gezeigt. "Nein, deinen zweifelhaften Schutz, den brauch ich nicht!" Vor der mächtigen und starken Eiche, vor der manch anderer wohl sehr schnell in die Knie gehen würde, vor der ist dieses Schilfrohr ganz aufrecht stehen geblieben. Feige war es nicht!

Aber es war klug! Es wusste nämlich, ganz anders als die Eiche, dass es etwas gibt, vor dem man sich tatsächlich tunlichst beugen sollte. Ganz anders als die Eiche wusste es offenbar darum, dass immer aufrecht zu stehen und den Kopf ganz hoch zu tragen, vielleicht stolz ist, vielleicht etwas mit irgendeinem vermeintlichen Ansehen zu tun hat, aber wohl nicht besonders klug sein kann. Dieses Schilfrohr wusste darum, dass den Mächten des Himmels gegenüber den Kopf hoch zu tragen, alles andere als klug ist.

Wer dauernd seinen Kopf hoch trägt, und wer dies dann auch dem Himmel gegenüber meint tun zu müssen, der wird sich seinen Kopf am Ende wohl oder übel anrennen, der wird sich seinen Kopf mit Sicherheit stoßen.

Unsere Geschichte ist demnach eine Geschichte, die zur Klugheit auffordert. Der Kluge weiß nämlich darum, dass es manchmal durchaus angezeigt ist, den Kopf einzuziehen, sich selbst ganz klein zu machen, sich zu beugen. Wer nämlich gelernt hat, sich in den richtigen, wohlgemerkt: in den richtigen Augenblicken zu beugen, der wird nämlich auch dann noch fest stehen und Bestand haben, wenn der Hagestolz schon lange darniederliegt.

Deshalb preist Jesus die Demütigen, die Sanftmütigen und die Friedfertigen auch selig. Nicht weil sie dumm wären, nicht weil sie etwa ihr Fähnchen in den Wind hängen würden und kein Rückgrat hätten. Und erst recht nicht, weil sie etwa opportunistische Feiglinge wären. Jesus preist sie selig, weil sie die wahrhaft Klugen sind.

Die Demütigen, die Sanftmütigen und die Friedfertigen, die sind es nämlich, die rechtzeitig gelernt haben, wann es wirklich notwendig ist, sich zu beugen; und vor allem, vor wem es letztlich allein notwendig ist, sich wirklich ganz klein zu machen. Die das wissen, das sind die wahrhaft Klugen. Denn sie werden auch dann noch bestehen, sie werden noch lange stehen, wenn der Hagestolz bereits flach am Boden liegt.

Amen.

(gehalten am 1. November 1999 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

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