Predigten im Jahreskreis - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

3. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr A (1 Kor 1,10-13. 17)

Ich ermahne euch, Brüder, im Namen Jesu Christi, unseres Herrn: Seid alle einmütig, und duldet keine Spaltungen unter euch; seid ganz eines Sinnes und einer Meinung. Es wurde mir nämlich, meine Brüder, von den Leuten der Chloë berichtet, dass es Zank und Streit unter euch gibt. Ich meine damit, dass jeder von euch etwas anderes sagt: Ich halte zu Paulus - ich zu Apollos - ich zu Kephas - ich zu Christus. Ist denn Christus zerteilt? Wurde etwa Paulus für euch gekreuzigt? Oder seid ihr auf den Namen des Paulus getauft worden? Christus hat mich nicht gesandt zu taufen, sondern das Evangelium zu verkünden, aber nicht mit gewandten und klugen Worten, damit das Kreuz Christi nicht um seine Kraft gebracht wird. (1 Kor 1,10-13. 17)

Ich war elf Jahre alt. Ich hatte eine Schwester und wir hatten es uns als Kinder zuhause ganz gut eingerichtet.

Dann kam der Schock: Ein Geschwisterchen war unterwegs.

Ich erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen, als ich das erste Mal mit meiner Mutter im Krankenhaus telefoniert habe: "Mama, auf dich freu' ich mich ja, aber den Krampel, den kannst du im Krankenhaus lassen!"

Liebe Schwestern und Brüder,

ich kann Sie beruhigen, es ist dann doch noch recht geworden. Aber die Umstellung unter uns Kindern, vom Duett zum Trio - vor allem nach so langer Zeit -, die war zunächst alles andere als leicht.

Ich denke, das ist häufig so. In vielen Familien - auch in Pfarrfamilien.

Wenn aus einer Pfarrfamilie mit 3000 oder 4000 Menschen plötzlich eine mit 7000 wird, dann ist das eine Umstellung, die auch nicht viel anders ist, als wenn sich eine Familie vergrößert. Auch Pfarreien haben da mit all den Schwierigkeiten zu kämpfen, die jeder Familienzuwachs mit sich bringt. Das Leben muss neu organisiert werden, eingefahrene Gewohnheiten sind schlagartig nicht mehr praktikabel und jede Kleinigkeit im bislang so vertrauten Alltag gestaltet sich neu.

Und die Umstellung, dass der neue Bruder oder die neue Schwester jetzt auch dazugehören soll, die braucht eine Zeitlang bis sie sich im Denken wirklich festgemacht hat - in Familien nicht anders als in einer Pfarrfamilie.

Wie oft habe ich in den letzten Monaten gehört, wenn wieder einmal jemand von uns verstorben ist: "Ja, von unserer Pfarrei?" Und ich kann jedes Mal nur darauf antworten: "Ja, von unseren Pfarreien!" Denn ganz egal, ob es jemand aus St. Peter, St. Anton oder St. Paul ist, alle drei zusammen sind jetzt "uns" - ob wir das möchten oder nicht.

Die Gemeinschaft, in der wir als Christen hier vor Ort miteinander leben, besteht nämlich nicht mehr aus drei Pfarrgemeinden, die sich einen Pfarrer teilen, wir bilden eine Seelsorgeeinheit - und das heißt: Wir sind darauf angewiesen das Denken in Pfarreigrenzen immer mehr zu überwinden. In der Situation, in der sich unsere Kirche mittlerweile befindet, ist das schon zur Überlebensstrategie geworden.

Das Wort, das Paulus damals an die Menschen in Korinth schrieb, das lässt sich von daher ganz leicht auf unsere heutige Situation übertragen: "Ich ermahne euch, Geschwister, im Namen Jesu Christi, unseres Herren: Seid alle einmütig, und duldet keine Spaltung unter euch." Es kann nämlich in einer Familie nicht sein, dass die einen sagen: ich halte zu St. Peter, ich halte zu St. Paul und ich zu St. Anton.

Eine Familie, die auf Dauer so denkt, könnte letztlich keinen Bestand haben.

Das aber darf nicht passieren. Deshalb erinnern wir uns an das eigentlich Entscheidende. Wir alle nämlich halten zu Christus. Und der ist nicht zerteilt. - Er ist es, der uns eint.

Amen.

(gehalten am 23. Januar 2005 in der Paulus- und Antoniuskirche, Bruchsal)

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