Predigten im Jahreskreis - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

3. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr A (1 Kor 1,10-13. 17)

Ich ermahne euch, Brüder, im Namen Jesu Christi, unseres Herrn: Seid alle einmütig, und duldet keine Spaltungen unter euch; seid ganz eines Sinnes und einer Meinung. Es wurde mir nämlich, meine Brüder, von den Leuten der Chloë berichtet, dass es Zank und Streit unter euch gibt. Ich meine damit, dass jeder von euch etwas anderes sagt: Ich halte zu Paulus - ich zu Apollos - ich zu Kephas - ich zu Christus. Ist denn Christus zerteilt? Wurde etwas Paulus für euch gekreuzigt? Oder seid ihr auf den Namen des Paulus getauft worden? Christus hat mich nicht gesandt zu taufen, sondern das Evangelium zu verkünden, aber nicht mit gewandten und klugen Worten, damit das Kreuz Christi nicht um seine Kraft gebracht wird. (1 Kor 1,10-13. 17)

Je größer eine Pfütze ist, desto länger steht das Wasser. Nach jedem Regen kann man das beobachten. Dort, wo der Boden uneben ist, dort, wo das Wasser stehen bleibt, dort bleibt eine Pfütze zurück. Und das Wasser in solch einer Pfütze, das steht meist noch Stunden zig Stunden nachdem die Straße schon lange wieder aufgetrocknet ist. Soll es schneller trocknen, dann muss man das Wasser verteilen, dann muss man - mit einem Besen etwa - die Pfütze leer fegen, das Wasser schön gleichmäßig über die Straße ausbreiten. Und je weiter man es verteilt, desto schneller trocknet es, desto schneller verdunstet das Wasser. Wenn man Wasser nämlich so verteilt, dass nur noch ein dünner Film übrigbleibt, dann verdunstet es, und zwar sehr schnell.

Liebe Schwestern und Brüder,

das ist ein durchaus erwünschter Effekt, wenn es darum geht, dass eine Pfütze austrocknen soll, wenn man möchte, dass eine Straße etwa schneller abtrocknet. Dumm ist dieser Effekt aber, wenn man das genaue Gegenteil möchte, wenn man das Wasser nicht etwa loswerden, wenn man es vielmehr bewahren möchte. Dann muss man sich ja schon etwas einfallen lassen, dann muss man diesem Verdunstungsprozess Einhalt gebieten, dann muss man etwas unternehmen, damit das Wasser eben nicht verdunstet.

Nun, beim Wasser, da ist das relativ einfach. Das wissen wir alle: Wenn Wasser nicht verdunsten soll, dann darf man es halt nicht einfach auf die Straße fließen lassen. Man muss es auffangen, in Zisternen etwa sammeln, oder in großen Brunnen zusammenführen. Beim Wasser, da wissen wir das, da ist das kein großes Problem.

Viel schwieriger ist es schon, wenn man andere Dinge am Verdunsten hindern möchte. Denn nicht nur Wasser verdunstet ja. Im übertragenen Sinne gibt es vieles, was augenblicklich verdunstet. Und ich glaube Sie können sich vorstellen, woran ich hier jetzt wohl zuerst denke.

Wenn ich auf die Situation unserer Kirche schaue, gerade hier bei uns in Deutschland, dann ist da einiges am Verdunsten. Das ist da schon fast genauso wie beim Wasser. Da fasert alles auseinander, da splittert sich alles immer mehr auf in zig Meinungen und Strömungen, in zig Parteiungen und Gruppen. Und manchmal fällt es einem schon schwer überhaupt noch viel Gemeinsames zu entdecken. Manchmal erinnert mich das schon fast an Wasser; Wasser, das sich immer mehr als ganz dünner Film über den Asphalt verteilt; Wasser, das nun sehr schnell auftrocknen kann, das zu verdunsten droht - ein Effekt, der hier sicher nicht erwünscht ist.

Da muss man sich - denke ich - schon etwas einfallen lassen, da muss man schon etwas tun, um diesem Verdunstungsprozess Einhalt zu gebieten. Wenn uns an dieser Kirche etwas liegt, dann müssen wir schon etwas unternehmen, damit sie nicht einfach sang und klanglos verdunstet.

Und vielleicht können wir hierbei ja ganz einfach vom Wasser lernen: Wasser, das nicht verdunsten soll, das muss man sammeln, das muss man zusammenführen. Und wenn wir es genau nehmen: Nichts anderes hat Jesus vor zweitausend Jahren, nichts anderes hat er ja damals auch gemacht. Er hat Menschen gesammelt. "Er machte Zwölf", wie es im Markusevangelium wörtlich heißt, "damit sie mit ihm seien." Er kam, um die Söhne und Töchter Israels zu sammeln: Einheimische und Fremde, Überzeugte und Zweifelnde, Junge und Alte, Flippies und Bürgerliche, Arbeitslose und Doktoranden - Menschen, die auf den ersten Blick möglicherweise kaum etwas anderes verbindet, als genau das eine, dass Jesus Christus nämlich sie ruft. Dadurch werden sie zu seiner Herde, zur Kyriake, zu denen, die zum Kyrios, zum Herrn gehören, zu seiner Kirche.

Eine bunt zusammengewürfelte Schar, keine Gruppe, die sich gesucht und gefunden hätte, und sicher alles andere als eine ideale Gemeinschaft - weiß Gott nicht. Eine Gemeinschaft, in der es manchmal raucht und in der sogar die Fetzen fliegen - das brauche ich Ihnen nicht zu sagen.

Aber es ist eine Gemeinschaft, die ja noch nicht am Ende ist, die ja durchaus idealer werden kann; die in dem Maße zur idealen Gemeinschaft wird, indem sie sich immer stärker auf die gemeinsame Mitte hin orientiert. Und diese Mitte, die ist Jesus Christus; er, der aus uns überhaupt erst diese zu ihm gehörende Gemeinschaft macht. Wenn sich aber Menschen, die im Kreis stehen, auf den Mittelpunkt hin orientieren, auf diesen Mittelpunkt zugehen, dann kommen sie sich unweigerlich auch gegenseitig näher. Nicht sofort, nicht von heute auf morgen, aber mählich, langsam, mit der Zeit.

Dazu braucht es viele kleine Schritte - Schritte, die in den einzelnen Gemeinden gegangen werden müssen. Wir sollten solche Schritte wieder aufs Neue versuchen, trotz aller Spannungen, die es geben mag. Denn diese Spannungen dürfen nie das letzte sein.

Damit Gemeinde leben kann, und damit man diese Gemeinde er-leben kann, dazu ist es notwendig, über alle Spannungen hinweg, zuallererst zu fragen, was denn wirklich wichtig ist. Es kann nicht darum gehen, zu fragen, was will ich und was hätte ich am liebsten. Wenn wir so fragen, dann werden wir am Ende wohl so viele Gemeinden wie Christen auf dieser Welt haben.

Wir müssen uns fragen, was brauchen wir, was ist für uns als Gemeinschaft wichtig. Wenn wir anders fragen - ich fürchte -, dann sehen wir uns sehr schnell der Gefahr gegenüber, dass unsere Gemeinden verdunsten.

Das hat schon Paulus damals in Korinth gespürt. Wenn das Gemeinsame, das Verbindende, nicht mehr im Mittelpunkt des Interesses steht, dann fließt alles auseinander. Wenn jede etwas anderes will und jeder etwas anderes sagt, dann gibt es keine Gemeinde mehr, dann hört eine Gemeinde auf, Gemeinschaft zu sein, als Gemeinde zu leben. Gemeinde aber, die nicht mehr lebt, die kann ich auch nicht mehr erleben.

Paulus würde uns heute - denke ich - kaum etwas anderes schreiben, als er damals an seine Gemeinde in Korinth geschrieben hat. Er würde wahrscheinlich auch uns schreiben: "Ich ermahne euch im Namen Jesu Christi, seid einmütig und duldet keine Spaltungen unter euch. Lasst nicht zu, dass jeder etwas anderes sagt: Ich halte zu Paulus - ich zu Apollos, ich halte zum Pfarrer, ich zum Diakon, ich zum Pfarrgemeinderatsvorsitzenden und ich wieder zu jemand anderem. Ist denn Christus zerteilt? Wurde etwa Paulus für uns gekreuzigt? Oder sind wir auf den Namen des Petrus getauft?"

Jesus Christus ist der Hirt; und die Herde, die wir alle bilden, das ist seine Herde. Seine Stimme will uns leiten. Nicht zu einer Kirche, nicht zu einer Gemeinde, die wir uns selbst gebastelt hätten oder erst basteln müssten. Er führt uns in seine Gemeinde, in seine Kirche, in die Herde, in der er der Hirte ist, und in die er uns ruft. Versuchen wir diesem Ruf zu folgen, so gut wie es uns eben möglich ist.

Amen.

(nach einer Predigt gehalten am 24. April 1994 in der Schlosskirche Mannheim)

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