Predigten im Jahreskreis - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

3. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr A (Mt 4,12-17)

Als Jesus hörte, dass man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte, zog er sich nach Galiläa zurück. Er verließ Nazaret, um in Kafarnaum zu wohnen, das am See liegt, im Gebiet von Sebulon und Naftali. Denn es sollte sich erfüllen, was durch den Propheten Jesaja gesagt worden ist: Das Land Sebulon und das Land Naftali, die Straße am Meer, das Gebiet jenseits des Jordan, das heidnische Galiläa: das Volk, das im Dunkel lebte, hat ein helles Licht gesehen; denen, die im Schattenreich des Todes wohnten, ist ein Licht erschienen. Von da an begann Jesus zu verkünden: Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe. (Mt 4,12-17)

Liebe Schwestern und Brüder,

was hat er wohl damit gemeint, mit diesem eigenartigen Satz? Was heißt das, dass das Himmelreich nahe ist?

Das, was die ersten Christen sich darunter vorgestellt haben, kann es ja kaum sein. Die haben schließlich darauf gewartet, dass die himmlischen Heerscharen die Erde überfluten und dass mit Pauken und Trompeten von einem Tag auf den anderen die Herrschaft Gottes aufgerichtet werde. Und sie haben vergeblich darauf gewartet. Das kann es also nicht gewesen sein. Aber was ist es dann? Was heißt es dann, wenn Jesus sagt: "Das Himmelreich ist nahe?"

Heißt es überhaupt etwas? Hat er sich damals vielleicht geirrt? Ist er da selbst etwa einem Phantom aufgesessen, so dass wir ganz einfach diesen Teil seiner Botschaft vergessen können?

Wenn es wirklich stimmen würde, was er sagt, dann müsste dieses Reich Gottes doch mittlerweile zu finden sein. Wenn es zu seiner Zeit wirklich schon nahe war - in den letzten 2000 Jahren müsste es dann ja irgendwo aufgetaucht sein. Nur, wo soll es denn sein? Wo ist es denn, dieses Reich Gottes?

Wenn wir diese Frage jetzt in einen Computer eingeben würden, dann würde der uns mit ziemlicher Sicherheit die Fehlermeldung ausspucken: "Suchbegriff nicht definiert, Wort unbekannt!" Der Computer würde die Suche nach der Antwort auf diese Frage abbrechen noch bevor er sie begonnen hat. Er weiß nämlich, dass er nur nach etwas suchen kann, was er auch kennt. Damit er uns wirklich eine Antwort geben könnte, müssten wir ihm zuerst erklären, wonach er eigentlich suchen soll. Wir müssten ihm den Suchbegriff definieren.

Wonach suchen wir also eigentlich? Was ist das überhaupt, dieses Reich Gottes, von dem Jesus spricht, dieses Reich Gottes, das da nahe sein soll?

Oh, ich könnte jetzt viele Antworten anführen: Wohlreflektierte Definitionen aus der modernen Theologie. Aalglatte Begriffsbestimmungen, die meist so glatt sind, dass sie kaum einen Halt zu bieten vermögen. Ich könnte von den unzähligen Vorstellungen berichten, die zur Zeit Jesu von dieser "basilea tou theou" von diesem Reich Gottes kursierten. Vorstellungen, die letztlich verantwortlich dafür sind, dass es so viele abartige Erwartungen über das Kommen des Gottesreiches gegeben hat. All das scheint mir aber nicht besonders hilfreich zu sein.

Vor allem dann nicht, wenn wir danach fragen wollen, was diese Ankündigung Jesu wirklich bedeutet, was sie für uns bedeutet, was die Botschaft vom nahen Reich Gottes für uns heißen kann. Ich möchte daher eine Antwort aufgreifen, die in einer Zeit formuliert wurde, als man das eigentliche Wort "Reich Gottes" noch gar nicht kannte, in einer Zeit, in der man solche abstrakten Begriffe noch gar nicht verwendet hat, in der man vielmehr versuchte, solche komplexen Phänomene in ganz einfachen Bildern zu sagen.

Und Bilder sagen ja manches Mal bekanntlich viel mehr über eine Sache aus, weit mehr als alle theoretischen Abhandlungen zusammengenommen.

Sie kennen diesen Antwortversuch alle. Er steht schließlich ganz am Anfang der Bibel schon im 2. und 3. Kapitel des Buches. Und ich möchte ihn hier anführen, weil ich ihn für wertvoll halte, wertvoll nicht nur, weil er in seiner Urform mittlerweile schon weit über 3000 Jahre alt ist, er ist für mich so wertvoll, weil er in ganz einfachen, aber ungeheuer kraftvollen Worten das eigentlich Unsagbare ins Wort bringt.

Sie kennen die Erzählung alle: Es ist der biblische Bericht vom Paradiesgarten.

Jetzt machen Sie sich aber bitte frei von all den kitschigen Vorstellungen und vor allem von all den Vorurteilen, die Sie mit dieser Geschichte verbinden. Und unterstellen Sie mir bitte dem Autor dieser großartigen Erzählung auch nicht, der hätte jetzt einfach einen Bericht von der Entstehung der Welt verfassen wollen und hätte das jetzt so geschrieben, weil er es eben nicht besser gewusst hätte.

Mit solchen Geschichten wie der Erzählung vom Paradiesgarten, da wollte man nicht sagen, wie man sich die Zeit des Anfangs vorstellte. Mit solchen Erzählungen versuchte man auf ungeheuer einfache und dichte Weise, Antworten auf die großen Fragen der Menschen zu geben. "Was ist unsere Bestimmung?" "Was ist der Sinn unseres Lebens?" "Wozu sind wir eigentlich da?" Diese uralten Frage des Menschen, die versucht der Autor der Paradieserzählung zu beantworten.

Und seine Antwort heißt zunächst: Wir Menschen verdanken unseren Ursprung Gott, er selbst hat Hand angelegt an uns. Er, ganz persönlich, er hat uns gemacht. Und er hat uns nicht so gemacht, wie man etwa ein Gefäß herstellt, oder einen Korb, etwas, was man dann nachher in eine Ecke legt. Er hat uns als etwas Besonderes gemacht. Wir sind für ihn etwas Besonderes. Er hat den Menschen nämlich in einen Garten gesetzt.

Und jetzt überlegen Sie einmal, was mit diesen einfachen Worten weiter über das Verhältnis von Gott und Mensch gesagt wird. Der Autor beschreibt nun nämlich diesen Garten näher: Dieser Garten, das ist der Ort an dem Gott in der Abendkühle zu wandeln pflegte. Der Ort, an dem Gott also ganz privat ist, nicht geschäftlich, nicht dienstlich, in der Abendkühle, am Feierabend. Und da trifft er regelmäßig den Menschen, da begegnet er seinem Geschöpf, seinem Geschöpf, das er in den gleichen Garten hineingesetzt hat.

Einfacher und gewaltiger wurde für meine Begriffe nie mehr über das eigentliche Verhältnis zwischen Gott und Mensch gesprochen. Der Mensch begegnet Gott ganz privat. Auf du und du, ohne alle Schranken, ohne irgendeine Barriere. Eine großartige Antwort, die große Antwort des Schöpfungsberichtes auf die Frage nach der Bestimmung des Menschen, nach der Würde des Menschen. Der Mensch wurde so geschaffen, dass er mit Gott auf du und du sein konnte, ohne alle Schranken ohne alle Barrieren. Und wo das möglich ist, da gibt es natürlich Leben in Fülle. Dort steht der Baum des Lebens, dieser Lebensbaum, der die Quelle des Lebens überhaupt bedeutet.

Dieses Bild umschreibt bereits das, was man später mit dem Wort "Himmel" oder "Himmelreich" zum Ausdruck bringen wollte. Die Aussagen, die hinter diesem Bild stehen, das ist es, was, biblisch gesprochen, im Innersten Reich Gottes bedeutet: Gott ganz unmittelbar begegnen zu können, auf du und du.

Der Autor weiß weiter zu berichten, dass der Mensch dieses Verhältnis zu Gott verloren hat. Der Mensch selbst trägt die Verantwortung dafür, dass das Verhältnis der Unmittelbarkeit zu Gott aufgekündigt wurde. Und in der Tat war Israel später davon überzeugt, dass Gott nur noch mittelbar erfahren werden konnte und, zur Zeit Jesu, ganz besonders durch das Gesetz. Das unmittelbare Verhältnis zu Gott, der direkte Draht zu ihm, der war verloren, dieses Sein im Himmelreich, das gab es nicht mehr.

Auf diesem Hintergrund muss man - denke ich - hören, wenn Jesus sagt: Das Himmelreich ist nahe, ja, es ist schon da! Der direkte Draht zu Gott, nicht vermittelt durch ein Gesetz und auch nicht durch irgendetwas anderes, die unmittelbare Begegnung mit Gott, die ist für uns Menschen wieder eine Möglichkeit geworden. Seit Jesus wissen wir wieder darum, wir wissen, dass wir Gott ohne Schranken und Barrieren begegnen können, dass das unmittelbare Sein mit Gott, dieses mit Gott auf du und du sein, keine Fiktion und kein Wunschtraum sind. Das Reich Gottes ist nahe, weil Gott uns nahe ist.

Wenn wir unserem Computer jetzt die Frage eingeben würden, wo dieses Reich Gottes dann zu finden ist, ich könnte mir vorstellen, dass er nun keine Fehlermeldung mehr bringen würde. Vielleicht könnte er jetzt sogar eine Antwort geben. Und vielleicht könnte die sogar so ähnlich aussehen, wie ich sie jetzt in Abwandlung einer Stelle aus dem Buch Deuteronomium formulieren würde:

Das Reich Gottes, es ist nicht im Himmel, so dass du sagen müsstest: Wer steigt für mich in den Himmel hinauf und holt es herunter. Es ist auch nicht jenseits des Meeres, so dass du sagen müsstest: Wer fährt für mich über das Meer und holt es herüber. Das Reich Gottes ist nah bei dir. Es ist dort, wo Gott dir nahe ist. Es ist zuallererst in deinem Herzen. Du kannst es finden.

Amen.

(gehalten am 24. Januar 1993 in der Schlosskirche Mannheim)

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