Predigten im Jahreskreis - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

2. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr A (Jes 49,3. 5-6)

Der Herr sagte zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, an dem ich meine Herrlichkeit zeigen will. Jetzt hat der Herr gesprochen, der mich schon im Mutterleib zu seinem Knecht gemacht hat, damit ich Jakob zu ihm heimführe und Israel bei ihm versammle. So wurde ich in den Augen des Herrn geehrt, und mein Gott war meine Stärke. Und er sagte: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, nur um die Stämme Jakobs wieder aufzurichten und die Verschonten Israels heimzuführen. Ich mache dich zum Licht für die Völker, damit mein Heil bis an das Ende der Erde reicht. (Jes 49,3. 5-6)

"Einen Penny für deine Gedanken", das sagt man so schön. Man sagt es vor allem dann, wenn jemand, der einem etwas bedeutet, mal wieder so gar nicht zu durchschauen ist, wenn man wieder einmal ganz große Mühe hat, zu erraten, was der andere denkt oder auch fühlt. Und meist wären einem diese Gedanken weit mehr wert als ein Penny oder ein paar Cent.

Liebe Schwestern und Brüder,

ich weiß nicht, wie viele Euros ich geben würde, um seine Gedanken zu erraten, um zu wissen, was er empfunden hat, wie er fühlte und was er genau dachte: Jesus von Nazareth nämlich.

Und jetzt nicht der erhöhte Christus, der zur Rechten Gottes sitzt und dem alles unter die Füße gelegt ist, sondern dieser Mensch, dieser Jesus, der Mensch geworden und wie wir alle auf dieser Welt aufgewachsen ist, der in Nazareth heranwuchs und sich auf den Weg machte, nach Jerusalem zu gehen.

Was mag er empfunden haben? Wie mag das gewesen sein? Was wusste er und was wusste er nicht? War er sich im Klaren darüber, was auf ihn zukam? Wusste er darum, Gottes Sohn zu sein? Welche Fragen hatte er und welche Zweifel haben ihn geplagt?

Ich weiß nicht, was alles ich darum geben würde, um Antworten auf solche Fragen zu bekommen. Denn eines ahne ich mittlerweile: So einfach, wie ich mir das als Kind immer vorgestellt habe, so war es vermutlich nicht. Wie es in Filmen häufig dargestellt wird, dass Jesus, als wäre er nicht von dieser Welt, verklärt und vergeistigt durch das Land gezogen ist, das entspricht allem, nur nicht dem Evangelium.

In solchen Filmen wird Jesus meist so gezeichnet, als wäre er gar nicht richtig Mensch gewesen. Da erscheint es meist so, als würde Gott gleichsam als Mensch verkleidet durch die Gegend ziehen. Dass Jesus wirklich Mensch war, in allem uns gleich, das kommt in all diesen Vorstellungen fast immer zu kurz.

Und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr verstehe ich auch, warum. Es ist schließlich dermaßen schwierig, das wirklich mit unserem Denken fassen zu wollen. Was heißt das denn eigentlich: In allem uns gleich! Was alles macht unser Menschsein im Letzten denn aus?

Ich brauche nur einen Punkt herauszugreifen, der für mich da auf jeden Fall dazugehört, und Sie werden bereits spüren, wie sich das an so manchen Vorstellungen reibt, die wir von Jesus in uns tragen: Denn wenn Jesus wirklich Mensch war, dann gehören auch Sorgen und Fragen zu seinem Leben, dann muss auch er mit seinem Gott gerungen und die Unsicherheit gekannt haben, wie es denn morgen weitergehen soll. Die Szene am Ölberg macht ja durchaus deutlich, dass ich da nicht völlig falsch liege. Nicht zu wissen, was alles noch werden wird, das zeichnet unser Menschsein ja geradezu aus.

Dazu passt aber dann nicht, dass Jesus als Mensch geradezu allwissend gewesen sei. Wäre der Mensch Jesus von Nazareth wirklich allwissend und ohne Fragen gewesen, er wäre dann alles gewesen, nur nicht richtig Mensch.

Deshalb glaube ich auch nicht, dass ihm völlig klar gewesen ist, Gottes Sohn zu sein. Er hat es sicher geahnt, er hat sicher die Besonderheit seiner Sendung gespürt - irgendetwas scheint da gewesen zu sein. Gewusst - so zumindest denke ich es mir - wirklich gewusst hat er es wohl nicht. Er wäre kaum Mensch gewesen, wenn er Anfechtungen und Selbstzweifel nicht gekannt hätte.

Und vermutlich ist ihm auch ganz langsam erst klar geworden, worin seine Sendung eigentlich bestand. Die Berichte der Evangelien lassen ein wenig erahnen, dass mit wachsender Zeit auch die Einsicht gewachsen ist, worin der eigentliche Sinn seines Lebens denn genau lag.

Ging er anfangs noch davon aus, lediglich die verlorenen Söhne und Töchter des Volkes Israels sammeln zu sollen, so scheinen ihm Stellen in der Bibel, wie wir sie eben aus dem Buch Jesaja als Lesung gehört haben, langsam die Einsicht vermittelt zu haben, was denn seine eigentliche Aufgabe war.

Wir haben ja gerade eben einen Abschnitt aus den Gottesknechtsliedern gehört. Und die Evangelien berichten davon, dass Jesus immer wieder in der Bibel las, gerade auch im Buch des Propheten Jesaja. Und wenn ich glaube, diesem Jesus von Nazareth als Mensch ein wenig näher zu kommen, dann gerade in diesen Texten des Jesajabuches, in den Gottesknechtsliedern nämlich.

Dieser Gottesknecht, mit ihm scheint sich Jesus mit fortschreitender Zeit immer mehr identifiziert zu haben. Dieser Gottesknecht scheint mir die Gestalt gewesen zu sein, die ihm sein eigenes Dasein immer stärker aufgeschlossen hat. Wenn er las: "Du bist mein Knecht (...), an dem ich meine Herrlichkeit zeigen will." Dann konnte er solche Äußerungen wohl immer mehr auf sich beziehen.

Und gerade der nächste Satz, scheint ihm von Mal zu Mal immer wichtiger geworden zu sein, dieser Satz: "Jetzt hat der Herr gesprochen, der mich schon im Mutterleib zu seinem Knecht gemacht hat, damit ich Jakob zu ihm heimführe und Israel bei ihm sammle (...): Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, nur um die Stämme Jakobs wieder aufzurichten (...). Ich mache dich zum Licht für die Völker, damit mein Heil bis an das Ende der Erde reicht."

Für alle Menschen - dass Gottes Heil unterschiedslos alle Menschen erreichen möchte, und dass er dazu gesandt war, dieses Licht für die Völker zu sein und diese Botschaft in alle Welt hinauszutragen, diese Einsicht scheint mir in Jesus von Nazareth, vermittelt durch die Texte des Jesajabuches, immer mehr gewachsen zu sein.

Da spüre ich ein bisschen von dem, was Jesus gedacht, empfunden und bewegt haben mag. Und gerade deshalb sind für mich diese Texte so wertvoll. Sie sind nicht nur Gottes Wort, sie bringen mir auch den Menschen Jesus von Nazareth ein wenig näher. Sie lassen mich ein wenig erahnen, welche Antworten er in seinem Leben gefunden haben mag.

Und sie künden darüber hinaus auch von der Hoffnung, die ihn getragen haben muss. Denn in den Gottesknechtsliedern, die auch davon sprechen, dass dieser Knecht durchbohrt würde wegen unserer Verbrechen, in denen Jesus also durchaus eine Ahnung von seinem Schicksal aufleuchtete, in diesen Texten fand er auch den Satz: "Doch der Herr fand Gefallen an seinem zerschlagenen (Knecht), er rettete den, der sein Leben als Sühnopfer hingab."

In diesem Bewusstsein, in dieser Hoffnung, mit solchen Sätzen im Kopf mag Jesus möglicherweise nach Jerusalem gegangen sein. Aus solchen Sätzen hat er vielleicht die Kraft gefunden dem Karfreitag entgegenzugehen. Hier glaube ich ein wenig von dem Jesus von Nazareth zu erahnen, wie er vor 2000 Jahren in Palästina lebte.

Gemessen an den Vorstellungen, die ich als Kind hatte, gemessen an den Bildern, die ich von Filmproduktionen her kenne, ist das vielleicht recht dürftig und recht wenig. Aber es ist sehr menschlich. Es ist das Bild eines Gottes, der wirklich Mensch geworden ist, in allem uns gleich - und der mit der gleichen Unsicherheit auf das Morgen und Übermorgen zuging, mit der auch ich vor der Zukunft stehe. Das Bild eines Gottes, der mir gerade so noch näher gekommen ist, als er es bislang schon war.

(gehalten am 19. / 20. Januar 2002 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

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