Predigten im Jahreskreis - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

2. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr A (Joh 1,29-34)

In jener Zeit sah Johannes der Täufer Jesus auf sich zukommen und sagte: Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt. Er ist es, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der mir voraus ist, weil er vor mir war. Auch ich kannte ihn nicht; aber ich bin gekommen und taufe mit Wasser, um Israel mit ihm bekanntzumachen. Und Johannes bezeugte: Ich sah, dass der Geist vom Himmel herabkam wie eine Taube und auf ihm blieb. Auch ich kannte ihn nicht; aber er, der mich gesandt hat, mit Wasser zu taufen, er hat mir gesagt: Auf wen du den Geist herabkommen siehst und auf wem er bleibt, der ist es, der mit dem Heiligen Geist tauft. Das habe ich gesehen, und ich bezeuge: Er ist der Sohn Gottes. (Joh 1,29-34)

"Einer muss sich ja opfern!" sagte die Mutter, als die Kinder wieder einmal nicht vom Fernsehen wegzubringen waren. "Einer muss sich ja opfern, wenn's sonst wieder einmal niemand macht!" Sie sprach's und brachte die leeren Flaschen selber in den Keller.

Es war jedes Mal dasselbe Lied: Wenn es darum ging, mit anzupacken, dann war keines von den Kindern zur Stelle. Sicher, es wäre wahrscheinlich wohl pädagogisch richtiger gewesen, die Flaschen liegen zu lassen und darauf zu drängen, dass die Kinder sie auch wirklich selbst wegräumten. Die Mutter hätte sich dann aber wahrscheinlich noch so lange über die herumstehenden Flaschen ärgern müssen, dass sie es lieber gleich selber machte. Nach vielen leidvollen Erfahrungen hatte sie sich endgültig damit abgefunden: was Ordnung und Sauberkeit anging, da war mit ihren Sprösslingen eben nicht zu rechnen. Das musste sie selber tun, oder es würde eben nicht getan. Und so tat sie es eben. - "Einer muss sich ja opfern."

Liebe Schwestern und Brüder,

sicher, dumm von ihr! Hätte sie ja nicht tun müssen! Es zwang sie ja niemand dazu, den anderen den Dreck wegzuräumen. Sie hätte ihn ja auch liegen lassen können. Aber vermutlich kann so etwas nur jemand sagen, der sich absolut nicht vorstellen kann, mit wie viel Liebe sie ihr Zuhause eingerichtet hatte, was ihre Wohnung ihr bedeutete und mit wie viel Sorgfalt jedes Detail gestaltet war. Vermutlich kann so etwas nur sagen, wer sich absolut nicht vorstellen kann, wie weh es ihr tun musste, da mit ansehen zu sollen, wie andere das alles einfach verkommen ließen.

Es ist leicht gesagt, sie hätte den Dreck ja auch liegen lassen können, es hat sie ja niemand dazu gezwungen, ihn wegzuräumen. Das ist leicht gesagt. Wenn ich aber einmal mein Herz an eine Sache gehängt habe, dann schau ich nicht zu, wie sie kaputt geht, dann kümmere ich mich darum, selbst wenn ich alles alleine tun muss.

"Einer muss sich ja opfern", vielleicht dachte das auch Gott bei sich, als er die Sache endgültig selber in die Hand nahm. Zumindest stelle ich es mir so vor, versuche mir das eigentlich Unbegreifliche im Rahmen dieses Bildes ein klein wenig klarer zu machen. Gott hatte lange genug erfahren und sicher auch sehr leidvoll erfahren: Wie er es auch drehen und wenden wollte, wenn er sich allein auf den Menschen verlassen würde, dann wäre die Menschheit verlassen und mit ihr letztlich auch die ganze Welt. Wollte er wirklich nicht zusehen, wie das, woran er sein Herz gehängt hatte, nun den Bach runterging, dann musste er die Sache wohl letztlich selber in die Hand nehmen.

Und wenn ich das Bild von der Mutter und dem Saustall ihrer Kinder in Analogie zu einem Gleichnis Jesu jetzt gleichsam hochrechne, dann bleibt mir kaum was anderes übrig als zu sagen: wenn schon ganz normale Eltern für ihre Kinder ein Teil ihres Lebens einsetzen, ein Teil ihres Lebens verschenken - opfern, um wie viel mehr wird dann der Vater im Himmel sein Leben für seine Kinder hingeben.

So grausam und pervers diese Vorstellung auch ist, so schrecklich das Geschehen war und so unbegreiflich dieser Gedanke für uns Menschen auch sein mag, wenn Jesus Christus sich selbst zum Lamm Gottes macht, wenn Gott zum Opferlamm wird, dann liegt das wohl letztlich für ihn auf der gleichen Ebene wie wenn eine Mutter wieder einmal das Opfer bringt, für ihre Sprösslinge die Kastanien aus dem Feuer zu holen.

Hinter dem schrecklichen Geschehen auf Golgatha, hinter der Selbsthingabe Jesu Christi am Kreuz, dahinter verbirgt sich, wenn wir es so betrachten, zuallererst ein gutes Stück des Mutter- und Vaterseins Gottes, eines Seins, das halt nicht zuschaut, wenn das, woran es sein Herz gehängt hat, den Bach runtergeht. Eines Gottes, der nicht zusieht, sondern eingreift, und zwar selbst.

Das ist ein Kennzeichen des christlichen Gottesbildes. Das ist für mich etwas, was das Bild vom Gott an den die Christen glauben, von der Vorstellung aller anderen Religionen unterscheidet. Auch die Christen kennen das Opfer, aber im Christentum opfern nicht die Menschen, im Christentum opfert Gott er opfert sich den Menschen, Gott opfert sich selbst um der Menschen willen. Das mag ich nicht verstehen, es mag mir schleierhaft bleiben, ich kann mich fragen, was das soll, und was da jetzt so wichtig daran gewesen sein mag, dass sich Gott ans Kreuz schlagen ließ, was daran jetzt so unbedingt notwendig gewesen sein soll, dass er es nicht anders hätte einrichten können.

Nur, wenn ich dann an das Bild der Mutter mit ihren Kindern zurückdenke, dann kommt mir die Frage: Ist etwas, was eine Mutter für ihre Kinder tut, deshalb weniger notwendig und weniger wichtig, weil es die Kinder möglicherweise nicht verstehen? Die Sinnhaftigkeit dessen, was Eltern tun, hängt nicht unbedingt davon ab, dass die Kinder es auch verstehen.

Auch wenn ich es nicht verstehe, auch wenn es mich sogar schaudern macht, die Botschaft von Golgatha, die Botschaft von Jesus Christus als dem Opferlamm am Kreuz das ist eine großartige Botschaft. Es ist die Botschaft, von einem Gott, der keine Opfer will, der nicht will, dass die Menschen ihm opfern, sondern der sich selbst den Menschen opfert. Diese Botschaft ist letzten Endes eine der großartigsten Aussagen über die Liebe Gottes zu uns Menschen, die es gibt.

Und vielleicht ist es daher auch gar nicht so unsinnig wenn die Menschen früher das Denken an diesen Tod am Kreuz und die damit zusammenhängende Auferstehung mit dem Wort Opfer zusammenbrachten. Vielleicht ist es gar nicht so unsinnig, die Feier von Tod und Auferstehung, die Eucharistiefeier, als Opfer zu bezeichnen. Wenn man darum weiß, dass dies absolut nichts damit zu tun hat, dass hier Menschen Gott ein Opfer darbringen würden, wenn man sich das beständig vor Augen hält, dann kann diese Bezeichnung sogar ganz sinnig sein.

Wir feiern in Dankbarkeit, dass Gott sich selbst ganz und gar für die Menschen hingibt, dass er sich selbst nicht zu schade ist, um ganz für den Menschen einzutreten.

Und was mir noch wichtiger zu sein scheint: wir feiern dabei nicht allein die Erinnerung. Wir feiern nicht ein Geschehen, das vor 2000 Jahren anzusiedeln wäre. Wir feiern, dass er es immer wieder tut, dass das heute geschieht, dass Gott sich heute dazu herablässt, um unsertwillen selbst einzugreifen. Gott, der sich in Jesus Christus selbst zum Lamm Gottes macht, holt auch heute für uns die Kohlen aus dem Feuer, er gibt sich selbst hin, etwa so wie eine Mutter und ein Vater für ihr Kind. Er tut es meist ganz unspektakulär und heute auch in der Regel ganz unblutig, aber er tut es vor allem immer wieder. In der Eucharistie feiern wir, dass dieses Opfer Gottes für uns Menschen etwas Gegenwärtiges ist.

"Seht das Lamm Gottes" - und seht es hier und heute.

Amen.

(gehalten am 17. Januar 1993 in der Schlosskirche Mannheim)

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