Predigten in der Österl. Bußzeit - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

4. Sonntag der Fastenzeit - Lesejahr A (Joh 9,1. 6-9. 13-17. 34-38)

In jener Zeit sah Jesus einen Mann, der seit seiner Geburt blind war. Jesus spuckte auf die Erde; dann machte er mit dem Speichel einen Teig, strich ihn dem Blinden auf die Augen und sagte zu ihm: Geh und wasch dich in dem Teich Schiloach! Schiloach heißt übersetzt: Der Gesandte. Der Mann ging fort und wusch sich. Und als er zurückkam, konnte er sehen. Die Nachbarn und andere, die ihn früher als Bettler gesehen hatten, sagten: Ist das nicht der Mann, der dasaß und bettelte? Einige sagten: Er ist es. Andere meinten: Nein, er sieht ihm nur ähnlich. Er selbst aber sagte: Ich bin es. Da brachten sie den Mann, der blind gewesen war, zu den Pharisäern. Es war aber Sabbat an dem Tag, als Jesus den Teig gemacht und ihm die Augen geöffnet hatte. Auch die Pharisäer fragten ihn, wie er sehend geworden sei. Der Mann antwortete ihnen: Er legte mir einen Teig auf die Augen; dann wusch ich mich, und jetzt kann ich sehen. Einige der Pharisäer meinten: Dieser Mensch kann nicht von Gott sein, weil er den Sabbat nicht hält. Andere aber sagten: Wie kann ein Sünder solche Zeichen tun? So entstand eine Spaltung unter ihnen. Da fragten sie den Blinden noch einmal: Was sagst du selbst über ihn? Er hat doch deine Augen geöffnet. Der Mann antwortete: Er ist ein Prophet. Sie entgegneten ihm: Du bist ganz und gar in Sünden geboren, und du willst uns belehren? Und sie stießen ihn hinaus. Jesus hörte, dass sie ihn hinausgestoßen hatten, und als er ihn traf, sagte er zu ihm: Glaubst du an den Menschensohn? Der Mann antwortete: Wer ist das, Herr? Sag es mir, damit ich an ihn glaube. Jesus sagte zu ihm: Du siehst ihn vor dir; er, der mit dir redet, ist es. Er aber sagte: Ich glaube, Herr! Und er warf sich vor ihm nieder. (Joh 9,1. 6-9. 13-17. 34-38)

Haben Sie schon einmal hinter Kulissen geschaut? Ist irgendwie desillusionierend. So spannend Führungen durch ein Theater auch sind, eine Aufführung verliert am Ende doch viel von ihrem Zauber, wenn man weiß, wie die prachtvoll gestalteten Kulissen von hinten aussehen. Wenn man so deutlich vor Augen geführt bekommt, dass alles nur Schein und letztlich falscher Zauber ist, ist die ganze Illusion dahin.

Das ist ganz ähnlich, wenn man einen Bericht darüber anschaut, wie ein Spielfilm gemacht wird. Da stehen die Helden dann vor einer blauen Leinwand und alles, was im Film dann die eigentliche Dramatik erzeugt, wird nur im Computer darübergemischt.

Ich mag so etwas meist gar nicht sehen. Irgendwie ist die Spannung aus einem Film dann raus. Es ist viel aufregender, wenn man von all dem nichts weiß und beim Anschauen dann von der Illusion regelrecht gefangen wird.

Liebe Schwestern und Brüder,

das ist oft so. Eigentlich will man doch ganz oft nicht sehen, wie es eigentlich dahinter aussieht. Wenn man da nämlich genauer hin schaut, fällt der schöne Schein ganz schnell in sich zusammen.

Wie ist das? Bei uns sind alle gleich und jeder hat die gleichen Chancen. Aber dann schauen Sie mal genau hin! Von wegen Chancengleichheit. Immer mehr entscheidet wieder die Herkunft darüber, ob Du in dieser Gesellschaft Fuß fassen kannst oder nicht. Wenn das nötige Kleingeld vorhanden ist, mit der entsprechenden Förderung und der richtigen Privatschule, bekommt jeder seinen Abschluss. Dumm steht nur der da, dessen Eltern das nicht können oder keinen Blick dafür haben.

Und wer noch daran glaubt, dass in der Politik einfach der, der der Bessere ist und die größere Unterstützung in der Bevölkerung hat, auch an die Spitze gelangt, der ist nicht nur naiv, sondern auch mit Blindheit für die Realitäten geschlagen. Die Wirklichkeit ist doch Hauen und Stechen und ein Kampf mit Ellenbogen und Intrigen. Und über den entsprechenden Einfluss entscheiden am Ende nicht selten Beziehungen und Zuwendungen und das Wohl der Allgemeinheit ist nur noch am Rande wirklich im Blick. Kaum einmal gelangt jemand wirklich an die Spitze, ohne dass sich da die Leichen im Keller stapeln.

Wer einmal hinter die Kulissen geschaut hat, der hat ganz schnell alle Illusionen verloren.

Und wer glaubt, dass das in der Kirche anders sei, der musste sich allerspätestens durch die Vatileaks-Affäre eines Besseren belehren lassen. Dass es hier nur um den Willen Gottes, um Liebe und Barmherzigkeit gehe, das kann nur der glauben, der beim schönen Schein der Fassaden stehen bleibt, der nicht dahinterschaut oder nicht dahinterschauen möchte.

Und viele wollen es doch eigentlich gar nicht sehen. Es macht so viel kaputt, wenn man das Gerümpel hinter den Kulissen sieht. Es zerstört den Reiz einer jeden Inszenierung. Und es raubt einem manches Mal sogar den Boden unter den Füßen. Denn auf was soll man dann noch vertrauen, auf was dann noch hoffen und was kann man eigentlich noch glauben! Am liebsten will man es doch einfach gar nicht wissen.

Und erst recht nicht bei einem selbst! Denn ist es bei mir selber denn wirklich so viel anders? Sieht es hinter den Fassaden, die ich von mir selbst errichte, denn so viel besser aus? Wie viel ist bei mir nur schöner Schein? Und wehe, wenn man auch nur ein wenig genauer hinsieht, hinter die Masken blickt und die gekonnte Inszenierung durchschaut!

Wie würde ich reagieren, wenn anderen Menschen plötzlich diese verborgenen Seiten, die ich mit mir trage, zu Gesicht bekämen? Wäre mir das wirklich recht? Und will ich selbst sie denn tatsächlich wahrhaben?

Manchmal tut es doch ganz gut, wenn man bestimmte Dinge einfach gar nicht sieht. Blindheit kann auch sehr bequem sein. Man braucht dann nämlich nichts zu ändern, man braucht sich nicht zu ändern.

Jesus aber öffnet die Augen. Er öffnet sie dem Blindgeborenen im heutigen Evangelium. Und er öffnet sie uns - auch dort, wo wir es eigentlich gar nicht wollen. Er tut es, weil es notwendig ist. Es tut nämlich not etwas zu ändern, damit sich diese Welt ändert. Und das beginnt damit, dass wir uns ändern.

Dazu müssen wir klar in den Blick nehmen, wie es hinter den Fassaden bei uns aussieht. Wir müssen den Mut haben, in die dunklen Ecken unserer selbst zu blicken. Und wir müssen darauf schauen, wo das, was sich dahinter zeigt, zu den schönen Fassaden ganz einfach nicht passt.

Jesus gibt sich nicht mit Blindheit zufrieden. Und diese Blindheit entschuldigt auch nichts. Er macht uns den Mut und er gibt uns die Kraft dahinterzublicken, die Schmutzecken wirklich aufzudecken. Er tut es, damit wir was ändern, bei uns selbst, in unserer Gesellschaft und in dieser Kirche.

Amen.

(gehalten am 29./30. März 2014 in den Kirchen der Pfarrei St. Peter, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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