Ansprachen zu besonderen Anlässen

(Dr. Jörg Sieger)

      

Ansprache zum Volkstrauertag

 

Was wäre eigentlich wenn?

Was wäre, wenn heute einfach niemand eingeladen hätte, wenn einfach niemand an die Gedenkfeier am heutigen Morgen erinnert hätte. Was wäre, wenn es halt nicht in unseren Kalendern stünde?

Würden denn noch viele an einen Volkstrauertag denken? Würden sie überhaupt etwas vermissen, wenn heute eben nichts - nichts anderes als ein ganz normaler Sonntag wäre?

Für die allermeisten ist es doch schon lange ein ganz normaler Tag. Und es stößt höchstens noch sauer auf, wenn das Ordnungsamt etwa daran erinnert, dass bestimmte Veranstaltungen heute keinen Platz haben, dem Charakter des Tages nicht entsprechen.

Wie viele interessiert dieser Charakter denn überhaupt noch?

Verehrte Damen und Herren,

sie werden eben von Jahr zu Jahr weniger, die Menschen, die einen der beiden Kriege, die unser Land im letzten Jahrhundert durchlitten hat, erlebt, die Kameraden und Freunde oder direkte Angehörige darin verloren haben. Sie werden immer weniger, die Menschen, die den großen Angriff in Bruchsal noch miterlebt haben.

Aber selbst wenn es niemand mehr wäre, selbst wenn noch mehr Menschen immer lauter davon sprechen, dass man doch endlich einmal einen Schlussstrich ziehen und die Vergangenheit ruhen lassen müsste, selbst dann - gerade dann - wäre der heutige Tag wichtig.

Und er wird immer wichtiger. Vergessen macht sich nämlich breit.

Diejenigen, die authentisch berichten können, werden weniger, die Politikergeneration tritt langsam ab, die die Kriegs- und Nachkriegszeit bewusst erlebt hat und deren Handeln davon geprägt war, wirkliche Not am eigenen Leib kennengelernt zu haben.

Die Generation zu der ich gehöre kann sich all dies nur anlesen, vorzustellen versuchen, erfahren habe ich es nicht.

Und so macht sich die Gefahr des Vergessens ganz schnell breit.

Was Krieg bedeutet und welches Elend, welche Not Menschen über Menschen bringen können, ist für viele von uns nur noch in Büchern, in Bildern und Filmen präsent, verschwimmt immer mehr in seinen Konturen und wird zur letztlich unvorstellbaren Größe.

Das heißt nicht, dass wir sorglos wären - ganz im Gegenteil: Dass Friede und dass Wohlstand bedroht sind, das spüren wir - das ist keine Frage - und nach den Anschlägen vom 11. September hat diese Bedrohung sogar ein Gesicht bekommen.

Dass es alle nur erdenklichen Anstrengungen braucht, um dieser Gefahr zu begegnen, bedarf keiner langen Erklärungen. Dass wir die Gefährdung immer noch unterschätzen und ihr noch lange nicht die Aufmerksamkeit schenken, die den entsprechenden Gruppen mit ihrer Logistik, ihrer finanziellen und personellen Potenz und ihrem alles zerstörenden Fanatismus gebührt, das fürchte ich. Dass wir zu den verkehrten Mitteln greifen, dass wir Lawinen lostreten, die nicht mehr zu beherrschen sind, letztlich so reagieren, dass wir am Ende alles aufs Spiel setzen, davor habe ich Angst.

Ich erschrecke, wenn ich immer häufiger feststellen muss, wie schnell man doch wieder bereit ist, Probleme durch Militäreinsätze lösen zu wollen. Wie schnell ein Krieg schon wieder zur ganz normalen Politik mit anderen Mitteln geworden ist.

Die Zeit, in der man davor zurückschreckte, an militärische Einsätze auch nur zu denken, Waffenpotentiale lediglich als Mittel der Abschreckung definierte, scheint schon lange vorbei zu sein.

Noch finden kriegerische Auseinandersetzungen weit vor unserer Haustüre statt, aber Entfernungen schrumpfen schnell, vor allem im Zeitalter der Globalisierung. Und unter den Vorzeichen des Terrors- könnten Sie da schneller vor unsere Haustüre gelangen?

Wir benötigen alle Anstrengung, Besonnenheit und müssen alle Mittel ausschöpfen, die uns Politik und Diplomatie an die Hand geben.

Für die große Politik dürfte das heißen, dass militärische Aktionen wirklich nur - und wirklich nur dann - einen Platz haben können, wenn es kein anderes - wirklich kein anderes Mittel und keinen anderer Ausweg mehr gibt. Mit dem Säbel zu rasseln, heißt mit dem Leben von Menschen zu spielen - auch Tausenden von Unschuldigen. Gibt es eine Stadt, die mehr darum wüsste als Bruchsal?

Die Erfahrungen von früher, die Erfahrungen einer Zeit, an die der heutige Volkstrauertag erinnert, können da hilfreich sein: hilfreich nämlich, Politik zu ermahnen - Politik zu ermahnen, dass die Wahrung des Friedens in Freiheit eines der höchsten Güter unserer Welt überhaupt ist.

Genauso hilfreich können diese Erfahrungen aber auch in anderer Hinsicht sein.

Unsere Geschichte, das, was Menschen in unserer Heimat vor etwas mehr als einem halben Jahrhundert erleben mussten, dass führt darüber hinaus nämlich mehr als nur eindrücklich und überdeutlich vor Augen, dass Politik und Geschichte nicht nur an den Kabinettstischen, nicht nur von großen Entscheidungsträgern gemacht werden. Jeder einzelne trägt seine Verantwortung vor Ort.

Was wir tun, was wir reden und selbst was wir denken, trägt seinen Teil zum großen Geschehen bei. Das galt für die Zeit, an die der heutige Tag erinnert und es gilt kein bisschen weniger für heute.

Nichts ist gerade heute nämlich, gerade angesichts der Bedrohung durch Terror und Fanatismus - nichts ist jetzt falscher als Stammtischparolen. Nichts ist jetzt verkehrter, als sich nach Sündenböcken umzusehen. Und nichts wäre jetzt furchtbarer, als Menschen, die nur in Frieden leben möchten, mit Terroristen in eine Ecke zu stellen.

Nicht nur wir haben Angst und sehen uns Bedrohungen gegenüber. Ich denke, dass wir sehr ernst nehmen müssen, wenn beispielsweise türkische Mitbürger selbst in unserer Stadt ganz offen sagen, dass auch sie Angst haben: Angst davor, von Menschen wie mir komisch angeschaut zu werden, von vorneherein verdächtig zu sein und mit Menschen, die sie genauso verabscheuen wie ich, die sie genauso wenig verstehen wie ich und die sie nicht minder verurteilen und verurteilt sehen möchten, mit diesen Menschen in eine Ecke gestellt zu werden.

Wohin das führt, wenn Menschen nur aufgrund ihrer Herkunft oder aufgrund ihrer Religion beargwöhnt oder gar gebrandmarkt werden, auch daran erinnert uns der heutige Tag.

Viel miteinander zu reden, sich verständlich zu machen, berechtigte Anliegen mitzuteilen und gegenseitiges Verstehen zu suchen, das ist nicht nur das Gebot dieser Stunde. Vorurteile erst gar nicht aufkommen zu lassen und gemeinsam gegen Brunnenvergifter vorzugehen, das tut Not.

Es erschreckt mich, wie viel Verallgemeinerung und wie viel Unsinn allein ich in den vergangenen Monaten zu hören und zu lesen bekommen habe. In manchen Briefen und in anonymen Schreiben bekam ich Pamphlete zugestellt, in denen ich das Wort Islam nur durch Weltjudentum hätte ersetzen müssen und sie hätten hervorragend in die Zeit vor 60 Jahren gepasst.

Hier gut aufzupassen, sehr differenziert, wohl überlegt und vor allem mit aller erdenklicher Umsicht ans Werk zu gehen hat oberste Priorität und ist genau das, was wir hier, vor unserer Haustür tun können.

Alle Menschen guten Willens gilt es zu sammeln, gleich welchen Geschlechts, gleich welcher Nation und ganz gleich welcher Religion. Alle Menschen guten Willens, für die Sache des Friedens und der Freiheit zu gewinnen, damit uns Friede und Freiheit auf ewig erhalten bleiben, auch daran ermahnt uns der Volkstrauertag dieses Jahres.

Es ist ein Tag, an dem wir an die Opfer von damals denken, damit es zukünftig keine mehr geben muss. Es ist ein Tag, der uns ermahnen möchte, damit alte Fehler nicht noch einmal gemacht werden. Es ist ein wichtiger Tag, heute wichtiger denn je.

Verehrte Damen und Herren,

mittlerweile wissen Sie es: Ich werde hier nicht enden, ohne dieses Anliegen vor Gott zu bringen. Sie haben mich als Pfarrer gebeten, hier diese Ansprache zu halten und demnach werden Sie auch Verständnis dafür haben, dass ich Sie wieder zum Gebet einlade: Gebet für die Toten der Weltkriege, für unsere Stadt, und dafür, dass wir die richtigen Wege finden - die richtigen Wege, den Frieden und die Freiheit für uns und für diese Welt zu sichern.

Diejenigen von Ihnen, denen dieses Gebet etwas bedeutet, die lade ich ein mit mir zusammen in diesem Sinne das "Vater unser", das Gebet Jesu Christi zu sprechen....

(gehalten am 17. November 2002 in der Friedhofshalle, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
Tel.: +49 (0721) 82105171, E-Mail: kontakt@joerg-sieger.de.