Predigten zu besonderen Anlässen

(Dr. Jörg Sieger)

      

Zur Indienstnahme der neuen Orgel in der Bruchsaler Peterskirche

   

Da gibt es eine Orgel in Bruchsal, die dürfte es eigentlich gar nicht mehr geben. Es gibt sie nämlich nur noch, weil im Grunde genommen alles schief gelaufen ist. Sie ist zu spät fertig geworden und deshalb wurde sie nicht eingebaut in das Schiff - nicht in ein Kirchenschiff, sondern ein richtiges Schiff; eines das dann gesunken ist. Es handelt sich dabei um das berühmteste Schiff überhaupt, das jemals unterging: die Titanic nämlich. Im Deutschen Musikautomatenmuseum im Bruchsaler Schloss steht die Orgel der Titanic. Und sie steht dort, weil sie ganz einfach nicht rechtzeitig eingebaut werden konnte - eingebaut in ein Schiff, das schon bei seiner ersten Fahrt gesunken ist.

Liebe Schwestern und Brüder,

hätten wir die neue Orgel der Peterskirche besser nicht auch draußen gelassen? Haben wir vielleicht genau das gemacht, was der Titanic-Orgel erspart geblieben ist - eine Orgel in ein sinkendes Schiff eingebaut?

Nein, ich rede jetzt nicht davon, dass der Bau der Peterskirche marode geworden ist, dass das Kirchendach in ziemlich genau zehn Jahren, sofern wir es nicht fertig bringen, 950.000 Euro aufzutreiben, das Wasser am Eindringen nicht mehr zu hindern vermag und der neuen Orgel dann genau das droht, was der Titanic-Orgel erspart geblieben ist, nämlich im Wasser zu stehen. Davon rede ich jetzt nicht. Die Peterskirche als Bauwerk werden wir einigermaßen zu halten wissen. Und spätestens, wenn Sie alle Mitglieder beim Förderverein geworden sind, wird das ein untergeordnetes Problem sein.

Aber die Peterskirche ist eine Kirche. Und wenn ich mir die Kirchengemeinde anschaue - nicht heute, sondern an einem ganz normalen Sonntag, wo das Gros der Gottesdienstteilnehmer schon lange jenseits der Pensionsgrenze angelangt ist, wo man bis 60 noch als Jugendlich gilt, oder wenn ich mir die Kirche als Ganze anschaue - unser Erscheinungsbild in den Medien, so manche Äußerung der Kirchenleitung, die mehr Porzellan zerschlägt, als man in unzähligen Gesprächen zu kitten wieder in der Lage ist - ein Schiff, das sich immer noch für einen Dampfer hält und seiner realen Bedeutung nach in unserer Gesellschaft manchmal eher an eine Nussschale erinnert. Wenn ich mir all das anschaue, dann deuten die Zeichen der Zeit schon arg auf Sinken hin, dann könnte man schon auf den Gedanken kommen, als hätten wir hier eine teure Orgel auf einem sinkenden Schiff installiert.

Und ich werde es hier nicht beschönigen. Die Anzeichen trügen nicht. Wenn wir aus den Zeichen der Zeit nicht die richtigen Schlüsse ziehen, wenn wir die Weichen nicht richtig stellen, dann sind die Prognosen für die Zukunft nicht nur düster, dann haben wir über kurz oder lang gar keine Zukunft mehr.

Ob wir es wahr haben wollen oder nicht, es ist so. Nur zwangsläufig, zwangsläufig ist es nicht.

Die Orgel der Peterskirche kann jenseits ihrer Klangfülle ein gutes Beispiel dafür sein. Sehr viel anders als das eben gezeichnete Bild von Kirche war das Erscheinungsbild unserer Orgel ja auch nicht.

Ja, sie war alt, altehrwürdig sogar. Und manchen war sie auch durchaus recht. Aber genau betrachtet, und vor allem, wenn man in sie hineingeschaut hat, dann war da nicht mehr sehr viel erbauliches. Nicht nur, dass mancher schöner Zierrat nur noch mit gerade einmal ein paar rostigen Nägeln und etwas Draht befestigt war - die komplette Mechanik war ein Bild des Jammers.

Instandhaltung? Noch mal Flicken? Wenn man da zaghaft drangegangen wäre, nur ein wenig repariert oder halbherzige Lösungen angestrebt hätte - wir wären in wenigen Jahren vor den gleichen Problemen wie zuvor gestanden.

Unkonventionelle Vorgehensweisen, Mut ein Projekt anzupacken, das nüchtern betrachtet eigentlich gar nicht zu bewerkstelligen war und vor allem eine Vision, eine Vision von einem Instrument, wie es ursprünglich einmal gewesen sein mag, das war notwendig, um aus einem zwar hübsch anzuschauenden aber innerlich faul gewordenen und heruntergekommenen Instrument eine Orgel neu erstehen zu lassen, die schon jetzt als Jahrhundertwerk gepriesen wird.

Dazu war nötig, alles was marod' und brüchig geworden war, ohne falsche Scheu herauszureißen, das Herz, das Innere, das eigentliche Werk, wieder neu aufzubauen, und zwar so, wie es ursprünglich einmal gedacht war.

Aber nicht nur das allein auch die Anforderungen der Gegenwart mussten berücksichtigt werden - Es galt nicht etwa sklavisch zu restaurieren sondern Neues zu integrieren, so dass das Neue bereichernd ist ohne aufdringlich oder gar verfremdend zu wirken.

Jetzt haben wir ein neues Werk, das sich im alten Gehäuse beheimatet fühlt und das - obwohl es eigentlich neu ist - viel mehr nach der ursprünglichen Peterskirchenorgel klingt, als all das, was in den letzten Jahrzehnten an Werk dringesteckt hat und die meisten von Ihnen von Ihrer Jugend und Kindheit her noch kennen.

Und dann brauchte es nur noch einen neuen Anstrich. Und der ist im übrigen wirklich völlig neu. Das ist nicht ein abgekratzter oder wieder hervorgeholter Anstrich. Er ist neu aufgetragen, aber in den ursprünglichen Farben.

Auch das sind nicht die Farben der letzten Jahrzehnte. Niemand von Ihnen hat diese Farben zuvor an dieser Orgel gesehen. Aber wir alle wissen heute, dass das die eigentliche Farbgebung war, nicht das, an das wir alle gewöhnt waren.

Das Neue ist das Alte und das Ursprüngliche.

Das gilt nicht nur für unsere Orgel, das gilt auch für unsere Kirche. Wenn wir den Mut haben und die Verantwortlichen weit mutiger als bisher in die gleiche Richtung gehen, wie es bei der Widerherstellung unserer Orgel vorgemacht wurde, dann wird auch unsere Kirche neu werden, so neu wie die Peterskirchenorgel. Eine neue Orgel, die das gewachsene integriert, und die um ein Vielfaches authentischer ist, als alles, an das wir uns mittlerweile schon lange gewöhnt hatten.

Hoffentlich gelingt das auch im Blick auf die Kirche. Dann nämlich brauchen wir um diese Orgel keine Angst zu haben, dann wird sie - eingebaut ins Kirchenschiff - mit diesem Schiff auch die Stürme der Zeit überdauern.

Möge Gott es geben.

Amen.

(gehalten am 9. Mai 2004 in der Peterskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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