Predigten zu besonderen Anlässen

(Dr. Jörg Sieger)

      

Kirchenchorjubiläum (Mt 25,31-46)

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen. Und alle Völker werden vor ihm zusammengerufen werden, und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet. Er wird die Schafe zu seiner Rechten versammeln, die Böcke aber zur Linken. Dann wird der König denen auf der rechten Seite sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist. Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt, und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank, und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen. Dann werden ihm die Gerechten antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben, oder durstig und dir zu trinken gegeben? Und wann haben wir dich fremd und obdachlos gesehen und aufgenommen, oder nackt und dir Kleidung gegeben? Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. Dann wird er sich auch an die auf der linken Seite wenden und zu ihnen sagen: Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist! Denn ich war hungrig, und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt, und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis und ihr habt mich nicht besucht. Dann werden auch sie antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder obdachlos oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen? Darauf wird er ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan. Und sie werden weggehen und die ewige Strafe erhalten, die Gerechten aber das ewige Leben. (Mt 25,31-46)

Den Himmel sollte er malen.

Als er das große Westwerk im Breisacher Münster ausgestalten sollte, hatte man Martin Schongauer die Aufgabe gestellt, das heutige Evangelium - die Bildrede vom großen Gericht - in ein gewaltiges Gemälde umzusetzen.

Und er malte: In der Mitte platzierte er die Gerichtsszene mit den Toten, die die Gräber verließen, und Christus, der auf den Wolken wiederkehrte, auf die Nordseite malte er die brodelnde Hölle und auf die Südseite sollte der Einzug der Seligen in den Himmel gemalt werden. Und diesen Himmel, den sollte er jetzt malen.

Liebe Schwestern und Brüder,

aber wie malt man den Himmel?

Vermutlich haben Sie selbst schon manchen - meist recht hilflosen - Versuch gesehen, die himmlische Seligkeit in Bildern darzustellen. Ich kenne keinen einzigen, der nicht kläglich gescheitert wäre.

Entweder sind es Darstellungen von belanglosem Beisammensein in irgendwelchen mittelalterlichen Gärtchen, die vielleicht schön anzusehen sind, aber auf Dauer wohl kaum verlockend wirken, oder man malte eine Aneinanderreihung von wie auf dem Kasernenhof angetretenen Heiligengestalten, die als Abbild grenzenloser Langeweile in Reih und Glied stehen und so wenig himmlische Seligkeit wiederzugeben in der Lage sind, wie der Münchener Aloysius, der auf der Wolke sitzt und Hosianna singen muss.

Wie malt man den Himmel?

Ich denke, dass sich Martin Schongauer dieser Schwierigkeit völlig bewusst war. Und ich denke, er wusste ganz genau, dass alles, was er malen würde, eigentlich nur falsch sein konnte. Deshalb hat er sich eines Tricks bedient: Er hat eigentlich nichts gemalt.

Er hat nichts anderes gemalt als eine kostbar anzusehende Mauer - eine zwei, drei Meter hohe Balustrade, die uns den Blick versperrt. Er hat den Blick in den Himmel verstellt, und zeigt uns lediglich das Tor, zu dem die Menschen unterwegs sind.

Aber dann malt er noch ein Element dazu, und diese Detail - das macht vermutlich die Genialität eines Martin Schongauers aus - dieses kleine Detail erweckt im Betrachter ganz unwillkürlich das Gefühl: "Stimmt, da hinten dran, da muss der Himmel sein!"

Mit diesem Element drückt er weit besser aus, dass es sich in seinem Gemälde wirklich um den Himmel handelt, weit besser, als mit allen verzweifelten Versuchen den Himmel tatsächlich auf ein Bild zu bannen. Auf diese Balustrade setzt er nämlich ein paar Engel und diese Engel, sie machen Musik.

Drei Engel mit Lauten, Flöten - nicht mehr - und dieses kleine Detail assoziiert sofort: "Das muss der Himmel sein!"

Wie ist der Himmel?

Voller Musik - das ist vielleicht das treffendste Bild, das wir Menschen uns vom Himmel machen können. Musik - vielleicht ist sie das einzige Element, das ein klein wenig rüberbringen kann, was himmlische Seligkeit bedeutet.

Nicht umsonst haben die Menschen der Antike die Vorstellung gehabt, dass die einzelnen Himmelsschalen aneinander reiben und dabei eine sphärische Musik verströmen würden; nicht umsonst hat man Musik und Gesang immer wieder nachgesagt, dass sie Menschen verzaubern können, so in ihren Bann nehmen, dass sie vor lauter Glückseligkeit nichts anderes mehr wahrzunehmen in der Lage sind; nicht umsonst spielt Musik in unseren Gottesdiensten eine so große Rolle.

Es gibt schließlich kaum etwas trostloseres als etwa eine feierliche Hochzeit ohne Orgel oder sonst irgendeine Musik. Und es gibt - für mich zumindest - kaum etwas, das mehr zu trösten in der Lage wäre, als der Gesang einer mitfühlenden Gemeinde, etwa bei der Messe für einen kürzlich verstorbenen, lieben Angehörigen. Vielleicht gibt es wirklich nichts, was den Himmel in unseren Gottesdiensten sinnenhaft erfahrbar gegenwärtiger macht, als die Musik.

Deshalb haben wir heute in St. Anton allen Grund, ein großes Fest zu feiern. 25 Jahre lang - und wenn wir die Vorgeschichte dazunehmen sogar noch einmal so lange - mühen sich hier in St. Anton Menschen um die Musik - und das auf hohem und höchstem Niveau.

Deshalb haben wir heute allen Grund ein Fest zu feiern.

Und wir haben mehr als Grund, all denen ganz herzlich zu danken, die Verantwortung übernommen oder durch ihren persönlichen Einsatz, ihr einfaches aktives Mittun, dies über all die Jahre hinweg ermöglicht haben - allen, die es in der Vergangenheit taten, und denen, die es heute und in Zukunft tun, alle mal.

Hier geht es nicht nur darum, dass Menschen Freude am Singen haben, nicht nur, um die Pflege der Musik und der Kultur, ja nicht einmal nur um das Lob Gottes in unseren Gottesdiensten.

All das für sich genommen wäre schon ungeheuer wichtig. Bei einem Kirchenchor kommt zu all dem aber noch etwas anderes hinzu. Allem voran, handelt es sich hier nämlich um ein Zeugnis unseres Glaubens, um Verkündigung: Hier machen Menschen auf dem Hintergrund ihres Glaubens Musik, und solch eine Musik, das ist ein hörbares Bild vom Himmel - vielleicht das einzige Bild davon, das wir Menschen uns wirklich machen können.

Liebe Schwestern und Brüder,

eine Festansprache könnte jetzt zu Ende sein. Eine Festpredigt darf - und muss vielleicht auch - noch anderes berühren.

In einer Predigt haben schließlich auch kritische Töne ihren Platz, wohl wissend, dass es dazu weder in St. Peter, noch in St. Paul, geschweige denn in St. Anton irgendeinen Grund gäbe. Aber dennoch möchte ich an das erinnern, was wir nicht aus dem Blick verlieren dürfen, damit wir auf Zukunft hin keine falschen Weichenstellungen treffen.

Unsere Musik darf - bei all ihrer Bedeutung - schließlich nie zum Selbstzweck werden. Es geht hier nicht in erster Linie um die Pflege irgendwelchen Brauchtums oder eines kulturellen Erbes. Gottesdienst, so wie wir ihn feiern, kann nie den Charakter einer Aufführung haben. Dafür gibt es Konzertsäle und Theater. Kirchen sind etwas anderes.

Der Satz, den ich einmal am Telefon hören musste: "Findet in Ihrer Kirche am Sonntag noch eine Aufführung statt" spricht da Bände. Wir führen hier nichts auf. Wir feiern.

Und dazu sind drei Dinge hilfreich, die ich in der Vorbereitung auf den heutigen Tag als sehr wohltuend empfunden habe:

Nicht umsonst feiern unsere Kinder heute nämlich parallel zu dieser Messe in der Kinderkirche. Feier muss die mitfeiernden Menschen - ihre Bedürfnisse und ihre Anliegen - schließlich im Blick haben. Wenn solch ein Gottesdienst für eine Mutter mit kleineren Kindern aber zum Albtraum wird, weil sie über anderthalb Stunden hinweg nicht weiß, wie sie die Racker so ruhig halten soll, dass sie nicht dauernd ins Pianissimo brabbeln, dann hat der Gottesdienst wenig mit Feier, sondern nur noch mit Stress zu tun.

Genauso wohltuend ist für mich, mit Verantwortlichen für die Kirchenmusik zu tun zu haben, die um die Bedeutung des Gottesdienstes als lebendige Feier wissen - die darum wissen, dass deshalb manches, was kirchenmusikalisch vielleicht angezeigt und sinnvoll wäre, um der Feier willen zurückstehen muss.

Wenn kirchenmusikalische Gesichtspunkte am Ende sogar noch größere Zwänge bedeuten würden, als die ja bekanntermaßen schon alles andere als großzügigen Regeln der Liturgie, dann würde lebendige Feier in Strukturen hineingepresst, die am Ende das Feiern ersticken.

Nicht anders ist es mit dem Gemeindegesang, der sicherlich in den seltensten Fällen mit den Ansprüchen einer feierlichen Orchestermesse mithalten kann. Trotz allem muss die Gemeinde - so wie es heute der Fall ist - im Gottesdienst zum Zuge kommen. Wenn wir von gemeinsamer Feier sprechen, dann dürfen die Mitfeiernden nicht in die Rolle der reinen Zuhörer gedrängt werden.

Würden wir dies nicht beherzigen, dann hätte Jesus Christus am Ende wohl allen Grund zu sagen: "Ich wollte mitfeiern, und ihr habt mich nicht gelassen!"

Gottlob stehen wir in unseren Gemeinden in dieser Gefahr nicht.

Wir feiern gemeinsam, Jung und Alt, Sängerinnen wie Sänger und die mitfeiernde Gemeinde. Wir feiern ein Fest, ein wirkliches Fest unseres Glaubens, so dass Jesus, am Ende vermutlich sagen wird:

"Ich war mitten unter euch, und ihr habt mit ganzem Herzen, und voller Inbrunst gesungen."

Amen.

(gehalten am 24. November 2002 in der Antoniuskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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