Predigten zu besonderen Anlässen

(Dr. Jörg Sieger)

      

"Weckruf - Wegruf" - Eröffnung des Paulus-Seminars

In diesen Tagen, als die Zahl der Jünger zunahm, begehrten die Hellenisten gegen die Hebräer auf, weil ihre Witwen bei der täglichen Versorgung übersehen wurden. Da riefen die Zwölf die ganze Schar der Jünger zusammen und erklärten: Es ist nicht recht, daß wir das Wort Gottes vernachlässigen und uns dem Dienst an den Tischen widmen. Brüder, wählt aus eurer Mitte sieben Männer von gutem Ruf und voll Geist und Weisheit; ihnen werden wir diese Aufgabe übertragen. Wir aber wollen beim Gebet und beim Dienst am Wort bleiben. Der Vorschlag fand den Beifall der ganzen Gemeinde, und sie wählten Stephanus, einen Mann, erfüllt vom Glauben und vom Heiligen Geist, ferner Philippus und Prochorus, Nikanor und Timon, Parmenas und Nikolaus, einen Proselyten aus Antiochia. Sie ließen sie vor die Apostel hintreten, und diese beteten und legten ihnen die Hände auf. Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger in Jerusalem wurde immer größer; auch eine große Anzahl von den Priestern nahm gehorsam den Glauben an. Stephanus aber, voll Gnade und Kraft, tat Wunder und große Zeichen unter dem Volk. Doch einige von der sogenannten Synagoge der Libertiner und Zyrenäer und Alexandriner und Leute aus Zilizien und der Provinz Asien erhoben sich, um mit Stephanus zu streiten; aber sie konnten der Weisheit und dem Geist, mit dem er sprach, nicht widerstehen. Da stifteten sie Männer zu der Aussage an: Wir haben gehört, wie er gegen Mose und Gott lästerte. Sie hetzten das Volk, die Ältesten und die Schriftgelehrten auf, drangen auf ihn ein, packten ihn und schleppten ihn vor den Hohen Rat. Und sie brachten falsche Zeugen bei, die sagten: Dieser Mensch hört nicht auf, gegen diesen heiligen Ort und das Gesetz zu reden. (Apg 6,1-13)

Dann rief er seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen die Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben und alle Krankheiten und Leiden zu heilen. Die Namen der zwölf Apostel sind: an erster Stelle Simon, genannt Petrus, und sein Bruder Andreas, dann Jakobus, der Sohn des Zebedäus, und sein Bruder Johannes, Philippus und Bartholomäus, Thomas und Matthäus, der Zöllner, Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Thaddäus, Simon Kananäus und Judas Iskariot, der ihn später verraten hat. Diese Zwölf sandte Jesus aus und gebot ihnen: Geht nicht zu den Heiden, und betretet keine Stadt der Samariter, sondern geht zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe. Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus! Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben. Steckt nicht Gold, Silber und Kupfermünzen in euren Gürtel. Nehmt keine Vorratstasche mit auf den Weg, kein zweites Hemd, keine Schuhe, keinen Wanderstab; denn wer arbeitet, hat ein Recht auf seinen Unterhalt. Wenn ihr in eine Stadt oder in ein Dorf kommt, erkundigt euch, wer es wert ist, euch aufzunehmen; bei ihm bleibt, bis ihr den Ort wieder verlasst. Wenn ihr in ein Haus kommt, dann wünscht ihm Frieden. Wenn das Haus es wert ist, soll der Friede, den ihr ihm wünscht, bei ihm einkehren. Ist das Haus es aber nicht wert, dann soll der Friede zu euch zurückkehren. Wenn man euch aber in einem Haus oder in einer Stadt nicht aufnimmt und eure Worte nicht hören will, dann geht weg, und schüttelt den Staub von euren Füßen. Amen, das sage ich euch: Dem Gebiet von Sodom und Gomorra wird es am Tag des Gerichts nicht so schlimm ergehen wie dieser Stadt. (Mt 10,1-15)

Ein Seminar über den Apostel Paulus - und im Eröffnungsgottesdienst kein Wort über den Völkerapostel?

Liebe Schwestern und Brüder,

das hat seinen Grund.

Wir wollen an dieser Stelle nämlich zuerst einmal die Voraussetzung dafür schaffen, um nachher mit Paulus selbst fortzufahren zu können. Und dazu braucht es einen Blick auf das, was vorausgegangen war. Wir müssen die Situation, in der sich die sogenannte Urgemeinde damals befand, etwas näher beleuchten, um überhaupt verstehen zu können, unter welchen Voraussetzungen und unter welcher Spannung die Mission des Völkerapostels letztlich stand.

Das ist nicht ganz einfach, denn Informationen über diese Zeit finden sich fast ausschließlich in der Apostelgeschichte. Sie aber ist aus der Rückschau geschrieben und auch mit der Tendenz, das was an Spannungen und Schwierigkeiten existierte mehr oder minder deutlich zu übertünchen. Die erste Gemeinde sollte den Christen als Ideal vor Augen gestellt werden und nicht als zerstrittener Haufen.

Deshalb ist die Stelle, die ich als Lesungstext für den heutigen Gottesdienst ausgewählt habe ein ganz wichtiger Text. Hier schimmert nämlich der erste große Konflikt der die erste Christengeneration überschattete noch recht deutlich durch.

Die Apostelgeschichte spricht vom "gongysmòs ton Helleniston" vom "murmur graecorum", was soviel bedeutet wie vom "Aufruhr der Griechen", und sie spricht davon, dass ein Konflikt um die Ungerechtigkeit in der Armenunterstützung der Anlass gewesen sei.

Irgendetwas sperrt sich da allerdings in der Darstellung der Apostelgeschichte. Sie schildert schließlich, dass als Ausweg aus diesem Konflikt letztlich die Diakone eingesetzt wurden. Aber die kümmern sich nicht, wie die Apostelgeschichte es intendiert, um den Tischdienst. Diese Diakone, wie etwa Stephanos oder Philippos erleben wir bei der Verkündigung: sie predigen.

Wir haben jetzt also zwei Gruppen von Verkündigern: Die Zwölf auf der einen Seite und die Sieben auf der anderen. Hier lässt sich noch bis heute erahnen, dass da plötzlich zwei Gruppen existiert haben müssen: die Hebräer, also hebräisch-aramäisch sprechende Gemeindeteile, und die sogenannten Hellenisten, offenbar Menschen, deren Muttersprache Griechisch war. Und zwischen beiden Gemeindeteilen kam es anscheinend recht bald zu einer Trennung mit eigenen Ansprechpartnern. Jene Diakone erscheinen als Vertreter einer eigenen Gruppe in der Urgemeinde, einer Gruppe, die - das macht die Schilderung der Anklage gegen Stephanos sogar noch deutlich - die die Bedeutung des Tempels und der dort stattfindenden Opfer und die Bedeutung des jüdischen Gesetzes weit weniger hoch hing, als die eher traditionell jüdisch orientierte Gruppe der aramäisch sprechenden Christen in der Jerusalemer Urgemeinde.

Diese Hellenisten waren demnach - wenn wir es verkürzend ausdrücken wollen - so etwas wie der progressive Flügel der Urgemeinde, der, der nach vorne strebte, durchaus auch weg von der jüdischen Tradition - während die Hebräer die eher konservativen Teile darstellten, die das Christentum im Grunde als Teil der jüdischen Religionsgemeinschaft betrachteten.

Jetzt werden Sie vielleicht schon erahnen, warum der erste Märtyrer der Christenheit genau jener Stephanos gewesen ist. Die Jerusalemer Urgemeinde, die zum Tempel ging und dort betete, die das jüdische Gesetz ohne Einschränkungen zu befolgen suchte, sie fiel im Spektrum des jüdischen Lebens in Israel kaum groß auf. Verschiedene Glaubensrichtungen gab es in Israel viele. Da wären diese ersten Christen auch keine besonders auffallende Erscheinung gewesen. Die Hellenisten aber scheinen offen jüdische Tradition in Frage gestellt zu haben. Das musste sie in Konflikt mit den Funktionären der Religion bringen. Und es scheinen auch genau diese Kreise gewesen zu sein, die als erste Repressalien zu erdulden hatten. Verfolgt wurden zuerst genau diese Hellenisten. Und jener Paulus, der mit hebräischem Namen nach dem ersten König Israels, nach Saul, benannt war, versucht, nachdem Stephanus gesteinigt worden war, nicht etwa der Größen der Jerusalemer Gemeinde habhaft zu werden. Er reist nach Damaskus, wo eines der Zentren der griechisch sprechenden Christen gewesen zu sein scheint. Und er will diese Christengemeinde ausmerzen, denn sie stellt offenbar die jüdische Tradition in Frage.

Das eigentliche Zentrum dieser Hellenisten befand sich - wie wir wissen - in Antiochia. Und dementsprechend kann es kaum verwundern, dass ausgerechnet dort, in Antiochia nämlich, das Christentum erstmals als eigenständige, vom Judentum unabhängige Religionsgemeinschaft betrachtet wurde. Die Apostelgeschichte spricht davon, dass die Jünger in Antiochien erstmals "Christianoi", Christen, genannt wurden (Apg 11,26).

Wer sich die ersten christlichen Jahrzehnte bislang so vorgestellt hat, wie sie normalerweise von den großen Historienschinken im Kino präsentiert werden, der versteht jetzt wahrscheinlich die Welt nicht mehr. Aber so einfach, wie es oft gezeichnet wurde, war das mit der Ausbreitung des Christentums eben nicht. Es war nicht so, dass sich da in Jerusalem zwölf Apostel hingesetzt haben und überlegten, wie man jetzt die Menschen für Christus gewinnt. Man hat keinen Missionsplan erarbeitet oder Routen verteilt, auf denen die einzelnen Apostel zu Predigtreisen aufgebrochen wären. So einfach war es weiß Gott nicht.

Es muss schließlich schon auffallen, dass es auf der einen Seite die Zwölf - wie sie das Markusevangelium etwa noch konsequent und richtig benennt - und auf der anderen Seite eine Fülle von Apostel gegeben hat. Die Zwölf, der von Jesus eingesetzte Zwölferkreis, und die Apostel waren absolut nicht deckungsgleich. Nur so ist zu verstehen, weshalb sich Paulus Apostel nennen konnte, und Barnabas, und Timotheus, und Titus, zum Zwölferkreis gehörte keiner von ihnen dazu.

Apostel aber gab es viele und die meisten davon kennen wir nicht einmal. Wer damit begonnen hat, die Botschaft Christi weiterzutragen, wie die ersten Missionare hießen, das wissen wir nicht. Die ersten Missionare waren nämlich meist ganz einfach die Menschen, die Jesus gehört haben, oder Jerusalem-Pilger, die beim Todespascha dabei waren und die Kreuzigung und den Wirbel um Jesu Person mitbekommen haben. Missionare, das waren Menschen, die auf irgendeine Art und Weise zum Auferstehungsglauben bekehrt worden sind und die nun die Botschaft vom auferstandenen Jesus, dem Christus, nach Hause mitbrachten, sie weitersagten und andere damit ansteckten.

So kam die Botschaft vom Auferstandenen auch schon Jahre bevor Paulus nach Rom gekommen war, in die Reichshauptstadt. Schon um das Jahr 49 n. Chr. berichtet Sueton etwa von Unruhen, die es in Rom wegen eines Streites um einen Chrestos gegeben haben soll. Zu dieser Zeit waren weder Paulus noch Petrus jemals in Rom gewesen. Wer das Christentum letztlich dorthin gebracht hat - wir wissen es nicht! Hier waren wohl ganz einfach Menschen am Werk, die ihre Begeisterung für den Auferstehungsglauben weitergetragen haben - ohne großen theologischen Überbau, ohne große Systematik, und manchmal auch recht rudimentär.

So etwas konnte damals recht einfach geschehen. Es gab eine ganze Reihe von Faktoren, die diese spontane, ungeplante und unsystematische, aber nichtsdestoweniger ungeheuer rasche Ausbreitung des Christentums begünstigten. Es gab auf der einen Seite eine große jüdische Diaspora. In vielen Städten auch außerhalb Palästinas gab es bedeutende jüdische Gemeinden. Und diese hielten regen Kontakt zu Palästina. Die Wallfahrten zu den großen Festen nach Jerusalem zum Beispiel, setzten nicht unbeträchtliche Menschenmassen in Bewegung. Dies aber brachte es mit sich, dass Nachrichten von dort wie ein Lauffeuer durch die ganze Mittelmeerwelt gingen. Und das war um so leichter möglich, als bei einem ausgesprochen guten Verkehrsnetz auch eine einheitliche Verkehrssprache vorhanden war: Griechisch nämlich.

Paulus aus dem Osten des Reiches konnte als gebildeter Mensch natürlich Griechisch. Und er konnte nach Rom auf Griechisch schreiben und er wurde dort verstanden. Das begünstigte diese rechte spontane, ungeplante und auch unkontrollierte Ausbreitung der christlichen Botschaft natürlich ungemein.

Aber es brachte auch eine gewisse Gefahr mit sich: Das was an einzelnen Orten auf dieses Weise zu wachsen begann, das war häufig ein Konglomerat aus ganz unterschiedlichen Glaubensversatzstücken. Leute wie Paulus hatten auf ihren Reisen alle Hände voll damit zu tun, das was sie im Umkreis der Synagogen etwa vorfanden, zu ordnen, zu sammeln, Auswüchse zu bekämpfen - und abzuwehren, was man nicht mehr christlich nennen konnte.

Und es gab noch ein anderes Problem, ein ganz gewaltiges nämlich, eines, das die junge Kirche sehr viel stärker überschatten sollte, als die Auseinandersetzung zwischen Hebräern und Hellenisten. An diesem Problem wäre die Kirche schon in den ersten Jahrzehnten nämlich beinahe zerbrochen. Niemand hatte sich wirklich Gedanken darüber gemacht, wer denn jetzt eigentlich Christ werden könne. Für die Zwölf in Jerusalem scheint selbstverständlich gewesen zu sein, dass man Jude sein musste, um getauft werden zu können. Und man glaubte sich in dieser Auffassung ja auf Jesus selbst berufen zu können. Im Matthäus-Evangelium hat sich dies ja bis heute niedergeschlagen - wir haben die Stelle eben als Evangelium gehört: "Geht nicht zu den Heiden und betretet keine Stadt der Samariter," hieß es dort, "sondern geht zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel." (Mt 10,5-6) Die Heiden mussten dementsprechend zuerst zum Judentum konvertieren, um sich taufen lassen zu können.

In hellenistischen Kreisen war das absolut nicht klar. Dort wurden Menschen offenbar auch getauft, die keine Juden gewesen waren. Den Menschen dort war offenbar viel wichtiger, möglichst viele für den neuen Weg zu gewinnen, als auf jüdische Tradition Rücksicht zu nehmen. Das trug vor allem im Umkreis der Synagogen Früchte. Dort gab es einige, die dem Judentum nahestanden, sogenannte Gottesfürchtige, Menschen, die mit dem Judentum liebäugelten, sich aber nicht beschneiden und vor allem nicht auf die strengen Bestimmungen des jüdischen Gesetzes festlegen lassen wollten. Für die kam das Christentum daher, wie eine Art "Judentum light". Und die Zahl der neuen Christen aus genau diesen Kreisen war offenbar nicht gering

Nun stellte sich für die Größen in Jerusalem urplötzlich nicht die Frage, sollen wir auch zu den Heiden gehen. Und wenn ja, zu welchen Bedingungen. Man musste sich Knall auf Fall mit der Frage auseinandersetzen, was man mit den Heidenchristen machen sollte, die ja jetzt plötzlich schon da waren. Darüber entbrannte ein regelrechter Streit, der in der Apostelgeschichte noch spürbar ist, in den Briefen des Paulus aber ganz deutlich zu Tage tritt.

Und man wird die Briefe des Paulus auch kaum verstehen können, man wird die Auseinandersetzung mit Petrus, dem Paulus - nach eigenen Worten - ins Angesicht getrotzt hat (Gal 2,11), kaum einordnen können, man wird sein Angefeindetsein in Korinth, seinen Streit mit Apollos und den judenchristlichen Gegnern in Galatien kaum nachvollziehen können, wenn man sich diese Zusammenhänge nicht vor Augen hält.

Wie es Paulus dabei ergangen ist, was er zu all dem zu sagen hatte und welche Lösung er gefunden oder auch nicht gefunden hat, damit werden wir uns heute Abend und morgen ausführlicher beschäftigen. Und wir werden unschwer erkennen, dass man um den rechten Weg in unserer Christenheit immer schon ringen musste, immer schon gerungen hat - und zwar von Anfang an.

Amen.

(gehalten am 12. März 2010 in der Antoniuskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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